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Medizin

Neuroplastizität: Deprivation behindert Hirnentwicklung von Waisenkindern und älteren Erwachsenen

Mittwoch, 8. Januar 2020

Eine extreme Deprivation in den ersten Lebensmonaten scheint besonders schädlich für die Entwicklung des Gehirns zu sein. /Sebastian Kaulitzki, stock.adobe.com
Eine extreme Deprivation in den ersten Lebensmonaten scheint besonders schädlich für die Entwicklung des Gehirns zu sein. /Sebastian Kaulitzki, stock.adobe.com

London und Madison/Wisconsin – Waisenkinder, die gegen Ende der Ceaușescu-Ära ihre ersten Lebensmonate in extremer emotionaler Deprivation verbrachten, haben laut einer aktuellen Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2020; doi: 10.1073/pnas.1911264116) im Erwachsenenalter deutlich kleinere Gehirne als englische Waisenkinder, die gleich nach der Geburt adoptiert wurden. ­­­­Eine Studie aus dem US-Bundesstaat Wisconsin in ­­JAMA Neurology­­­ ­­(2020; doi:­ ­­10.1001/jamaneurol.2019.4501)­ zeigt, ­dass eine lebenslange soziale Deprivation ähnliche Folgen haben könnte.

Das Gehirn ist in seiner Entwicklung vor allem in den ersten Lebensjahren auf eine anregende Umgebung angewiesen, die Neugierde und das Lernen fördert. Stress und Misshandlungen sind Gift für die kind­­­­liche Entwicklung.

Welche Folgen eine emotionale Vernachlässigung in den ersten Lebensjahren haben kann, zeigt das Schicksal der rumänischen Waisenkinder, die nach dem Ende der Ceaușescu-Ära verwahrlost in Heimen entdeckt worden waren. Viele waren unterernährt und wegen des Mangels an Betreuern ohne Spielsachen oder andere kognitive Reize geblieben. Einige der Kinder wurden in England von Familien adoptiert.

Die „English & Romanian Adoptees Study“ hat in den letzten Jahrzehnten die Entwicklung dieser Kinder beobachtet und mit anderen Kindern verglichen, die in England gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben worden waren. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass die rumänischen Heimkinder einen niedrigeren IQ haben und häufiger unter Aufmerk­samkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), Autismus-Spektrum-Störungen und anderen psychischen Entwicklungsstörungen leiden – wobei die Variabilität groß ist und viele Kinder gesund blieben.

Kleineres Gehirnvolumen bei Heimkindern

Inzwischen haben die Kinder mit 23 und 26 Jahren das Erwachsenenalter erreicht. Nuria Mackes vom King’s College London und Mitarbeiter haben 67 der jungen Erwachsenen mit 21 englischen Waisenkindern verglichen, die keiner emotionalen Deprivation ausgesetzt waren, weil sie gleich nach der Geburt adoptiert wurden. Die Aufnahmen einer Magnetresonanztomografie (MRT) zeigen, dass das Gehirnvolumen der ehemaligen rumänischen Heimkinder um 8,6 % kleiner ist als das der englischen Adoptivkinder.

Eine „Dosis“-Wirkungsbeziehung spricht dafür, dass dieser Unterschied tatsächlich auf die Deprivation zurückzuführen ist. Die Kinder waren im Alter von 3 bis 41 Monaten nach England gekommen. Je länger sie in Rumänien im Heim gelebt hatten, desto größer war der Abstand zu den englischen Adoptivkindern. Die Beziehung war nahezu linear, wenn auch mit einer breiten Streuung: Jeder Monat im rumänischen Kinderheim verminderte das Hirnvolumen im jungen Erwachsenenalter um 3 cm³ oder 0,27 %.

Die Veränderungen betrafen laut Mackes vor allem Hirnregionen, die mit Funktionen wie Organisation, Motivation, Integration von Informationen und Gedächtnis verbunden waren. Interessanterweise gab es eine Region, die bei den rumänischen Heimkindern größer war als bei den englischen Adoptivkindern. Dies war der rechte untere Temporallappen. Mackes deutet dies als einen Versuch des Gehirns, negative Auswirkungen der Deprivation zu kompensieren. Die Kinder mit dem größten Wachstum in diesen Regionen seien diejenigen, die am wenigsten ADHS-Symptome gezeigt hätten, berichtet die Forscherin.

Ähnliche Beobachtungen hat ein Team um Barbara Bendlin von der Universität von Wisconsin in Madison in einer ganz anderen Personengruppe gemacht. Die Forscher haben mit MRTs die Hirngröße von 951 Senioren gemessen, die an zwei Langzeituntersuchungen zu Demenzerkrankungen im Alter teilnahmen. Die Ergebnisse wurden mit einem „Area Deprivation Index“ (ADI) in Beziehung gesetzt. Der ADI bewertet anhand von 17 Angaben bei der Volkszählung die soziale Deprivation am Wohnort.

Ergebnis: Das Quintil der Bewohner mit der höchsten Deprivation hatte im MRT ein um 2,0 % niedrigeres Gehirnvolumen. Die größten Unterschiede bestanden im Hippocampus, der für die Speicherung von Gedächtnisinhalten zuständig ist und über eine große Plastizität verfügt. Der Unterschied zwischen den am meisten und am wenigsten von Deprivation betroffenen Senioren betrug 4,1 %. Laut Bendlin entspricht dies einem Unterschied in der altersbedingten Atrophie im Hippocampus um etwa 7 Jahre. Männer waren stärker betroffen als Frauen.

Die Ergebnisse der beiden Studien lassen sich nur bedingt vergleichen. Eine extreme Deprivation in den ersten Lebensmonaten scheint besonders schädlich für die Entwicklung des Gehirns zu sein. Menschen, die im Erwachsenenalter in sozial benachteiligten Regionen leben, laufen eher Gefahr, im Verlauf des Lebens kognitive Fähigkeiten zu verlieren. Welche Noxen hier wirken, kann die Studie nicht genau klären.

Die Bewohner in den deprivierten Wohngebieten hatten ein um 3,9 % höheres 10-Jahres-Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ASCVD-Score). Dieses Risiko erklärte einen Teil der Abnahme des Gesamthirnvolumens. Auf die Größe des Hippocampus hatte es jedoch keinen Einfluss. Hier müssen sich andere Faktoren ausgewirkt haben. Ob es die verminderten kognitiven Anreize in ärmeren Regionen sind, in denen es wenige kulturelle Angebote gibt und der Medienkonsum einseitiger ist, müsste in weiteren Studien untersucht werden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #70385
Salzer
am Montag, 20. Januar 2020, 09:38

Hipper Campus

Studium macht gefühlvoll, wenn ich die Akademikerbotschaft richtig verstehe.
LNS

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