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Politik

Gesetzliche Kranken­versicherungen setzen auf mehr Video­sprechstunden für Patienten

Dienstag, 7. Januar 2020

Arzt berät eine Patienten über den Laptop in der Videosprechstunde. /rocketclips, stock.adobe.com
/rocketclips, stock.adobe.com

Berlin – Die gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rungen (GKV) setzen auf einen Ausbau von Videosprechstunden als flexible Angebote für viele Patienten. „Derzeit betrachten die Ärzte das eher als eine Zusatzleistung“, sagte Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand des GKV-Spitzenverbands. Dabei seien Videotelefoniedienste längst selbstverständlich.

Sie erwartet, dass in fünf Jahren jede fünfte Behandlung per Videosprechstunde erfolgt. „So manche Eltern wären froh, wenn sie mit ihrem Kind, das Brechdurchfall hat, nicht direkt in die Arztpraxis müssten, sondern sich per Video mit dem Arzt austauschen könnten.“

In den vergangenen Jahrzehnten habe sich die Lebenswirklichkeit vieler Menschen gewandelt – sie kauften online ein oder arbeiteten mobil. Stoff-Ahnis fordert daher „einen Modernisierungsschub in den Arztpraxen, damit die Chancen der Digitalisierung für die Verbesserung der Patientenversorgung genutzt werden können.“ Das Gespräch zwischen Arzt und Patienten sei ein Herzstück der Versorgung. „Wenn wir hier mit moderner Technik Entfernungen überwinden können, kann vielen Menschen geholfen werden.“ © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Mittwoch, 8. Januar 2020, 23:57

Nomen est Omen

Aus meiner Sicht ist es nur scheinbar eine Ermessensfrage, ob man diese spezielle Variante einer Videokonferenz als Videosprechstunde oder als Videohausbesuch bezeichnet. Die Bezeichnung „Videosprechstunde“ hat aus der Sicht der Krankenkassen mehrere Vorteile: Diese Bezeichnung suggeriert dass dies eine überfällige Erweiterung der „normalen“ Sprechstunden wäre und dass eine zusätzliche Vergütung dafür nicht notwendig sei. Diese Bezeichnung suggeriert außerdem, dass es in der regulären Sprechstundenzeit noch massenhaft freie Zeitfenster geben würde, die man so nützen könnte. Diese Bezeichnung suggeriert die Möglichkeit, die Wartezeiten bei einer regulären Terminvergabe zu umgehen und jederzeit ohne Wartezeiten auf die Ressource Arzt zugreifen zu können. Die Vertreter der Kassen vergessen geflissentlich, dass im Gegensatz zum Onlineshopping hier ein Mensch seine Zeit zur Verfügung stellen muss. Vielleicht irre ich mich auch und es gibt massenhaft niedergelassene Kollegen, die sich darüber freuen abends oder nachts sich per Videokonferenz mit medizinischen Problemen zu beschäftigen.

Das Beispiel mit dem Kleinkind und Brechdurchfall klingt erstmal gut. Aber der Patient in der Warteschleife der Videokonferenz muss sich mit den anderen Patienten im Wartezimmer die begrenzte ärztliche Arbeitszeit teilen. Der Patient kann zwar Bedarf anmelden, muss aber warten, bis er in einem freien Zeitfenster zurück gerufen wird. Damit kommt der Arzt zum Patienten und damit ist es ein Videohausbesuch, mit allen Konsequenzen für Vergütung und Praxisorganisation. Wir Ärzte sollten deshalb den Begriff Videosprechstunde nach Möglichkeit vermeiden und statt dessen immer den Begriff Videohausbesuch benutzen.
Avatar #756488
DC Schmitt
am Mittwoch, 8. Januar 2020, 14:14

Das Gespräch als Herzstück der Versorgung

Das gute Gespräch zwischen Arzt und Patient sollte wirklich das Herzstück sein, denn es sichert die Therapietreue und Lebensqualität von kranken Menschen. Aber unter Zeitdruck und nicht ausreichender Vergütung kann das kaum gelingen. Wie soll das dann die Videosprechstunde leisten? Als Ergänzung zum live Kontakt Ja, aber Herzstück muss das direkte Gespräch bleiben, vor allem bei lebensbedrohlicher Erkrankung.
Avatar #550935
Dr. med. Armin Conradt
am Dienstag, 7. Januar 2020, 21:30

"Das Gespräch als Herzstück...

... der ärztlichen Versorgung.... "
Dass ich solch einen Satz aus dem Mund eines Kassenfürsten hören" darf". Zynismus pur!
Die Monopolmacht der Kassenverbände zwingt doch Ärzte seit Jahrzehnten dazu, auf Arzt-Patienten-Gespräche weitgehend zu verzichten. Sonst müssten die Kassen ja ausreichende Honorare dafür zahlen.
Im Schnitt 12,50 Euro pro Behandlung reicht nach Praxiskalkulation einer Facharztpraxis mit Personal, Medizingeräten, Mieten, Versicherungen usw. Gerade mal für 2,5 Minuten. Wo soll da Zeit für "wichtige Arzt-Patienten-Gespräche" bleiben?
Stattdessen wollen GKV und Politik Massenversorgung, Basismedizin, ausreichend, zweckmäßig, wirtschaftlich und die Not abwendend...
Billig eben.
Die Telemedizin wird übrigens nichts verbessern - im Gegenteil. Die Anspruchsquote auf Arztbehandlungen steigt und eine Telemedizin"behandlung" dauert doppelt so lange wie eine "echte". Der Kassen-Arztmangel wird zurecht weiter wachsen.
Avatar #672734
isnydoc
am Dienstag, 7. Januar 2020, 18:58

Entfernungen ... und wie man sie meistert!

"Das Gespräch zwischen Arzt und Patienten sei ein Herzstück der Versorgung.
„Wenn wir hier mit moderner Technik Entfernungen überwinden können, kann vielen Menschen geholfen werden.“ - ist zu lesen.
Gerne wird sonst auch auf die "veränderte Demographie" hingewiesen und damit haben wir verhältnismässig einen grösseren Anteil älterer Menschen hierzulande. Bekanntlich sind die Neuerungen gegenüber eher zurückhaltender und sprechen seit Jahrzehnten bereits über Entfernungen hinweg ... das ermöglichten die gestöpselte Telefonverbindungen vor mehr als einem Jahrhundert. Insofern sollte man schlicht abwarten, wie sich weitere technische Errungenschaften im Alltag durchsetzen ... aber Ärzte als hoffnungslose Bremser für den Fortschritt anzuprangern, das gehört anscheinend zur Lieblingsbeschäftigung in gewissen Vorstandsetagen!
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