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Medizin

Talkumpuder: Meta-Analyse findet keinen (sicheren) Hinweis auf Krebsrisiko

Donnerstag, 9. Januar 2020

/nerthuz, stock.adobe.com

Research Triangle Park/North Carolina – US-Gerichte haben vor einigen Jahren Frauen, die nach Verwendung von Talkumpuder im Genitalbereich an einem Ovarialkarzinom er­krankt waren, Schadenersatz in Millionenhöhe zugesprochen. Wissenschaftlich belegen lässt sich der Verdacht auch in einer neuen Meta-Analyse im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; 323: 49-59) jedoch nicht.

Talkum wird gerne in Kosmetika verwendet, weil es fein gemahlen eine angenehme Kon­sistenz hat. Da die Partikel Wasser binden, wurde es früher als Babypulver verwendet. In vielen Kulturen ist es auch ein beliebter Hygieneartikel von Frauen, die Feuchtigkeit und Gerüche im Genitalbereich vermeiden wollen.

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Talkum steht jedoch wegen seiner Verwandtschaft zum Asbest im Verdacht, krebserre­gend zu sein. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stufte die Anwendung von Talkum im Genitalbereich 2006 als „möglicherweise karzinogen“ für den Menschen (Gruppe 2B) ein. Diese Einstufung hat mit zu der juristischen Bewertung in den USA bei­getragen.

Die Vermutungen gehen dahin, dass das Puder über Vagina, Uterus und Eileiter in die Bauchhöhle gelangt und dort die Entwicklung des Ovarialkarzinoms auslöst. Die epide­miologische Evidenz ist jedoch schwach. Auch in den größeren US-amerikanischen Be­obachtungsstudien wurden bisher keine sicheren Hinweise gefunden.

Katie O’Brien vom US-National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS) in Research Triangle Park/North Carolina und Mitarbeiter haben jetzt die Ergebnisse aus 4 großen prospektiven Kohortenstudien zusammengefasst: Die Analyse von Nurses’ Health Study, Nurses’ Health Study II, Women’s Health Initiative Observational Study und Sister Study basiert auf 252.745 Frauen, die zu Beginn der Studie mit median 57 Jahren in einem Alter waren, in dem es häufiger zu einem Ovarialkarzinom kommt.

Die Erkrankung ist jedoch insgesamt selten und in den 11,2 Jahren der Nachbeobachtung (3,8 Millionen Personenjahre) sind nur 2.168 Frauen am Ovarialkarzinom erkrankt. Die geringe Inzidenz hat es auch in der Gesamtschau verhindert, zu sicheren Aussagen zu kommen. Mit der steigenden Zahl der Personenjahre haben sich jedoch die 95-%-Kon­fidenzintervalle verkleinert, die die Grenzen eines möglichen Risikos anzeigen.

O’Brien ermittelt für die Anwenderinnen eine Hazard Ratio von 1,08 bis zum Alter von 70 Jahren, an einem Ovarialkarzinom zu erkranken. Das wäre ein Anstieg um 9 %, der aller­dings bei einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,99 bis 1,17 nicht signifikant ist. Immerhin schließt die Analyse ein um 17 % erhöhtes Risiko nicht sicher aus.

Bei der Beschränkung der Analyse auf Frauen mit intakten Fortpflanzungsorganen (Ute­rus und Eileiter) ermittelt O’Brien eine Hazard Ratio von 1,13, die dieses Mal mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,01 bis 1,26 signifikant war. Für die häufige Anwendung von Talkumpuder im Genitalbereich betrug die Hazard Ratio sogar 1,19 (1,03 bis 1,37).

Diese Subgruppen-Analysen liefern damit einen gewissen Hinweis, der nach Ansicht von O’Brien jedoch noch in weiteren Analysen bestätigt werden müsste. Sie weist darauf hin, dass epidemiologische Studien allein eine Kausalität nicht beweisen können.

Es bleibt immer die Möglichkeit, das die Anwenderinnen von Talkumpuder auch aus anderen Gründen ein erhöhtes Risiko haben, das trotz der intensiven Befragungen in der Studie nicht erkannt und damit bei der adjustierten Analyse nicht berücksichtigt werden konnte. © rme/aerzteblatt.de

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