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Medizin

Körpertemperatur des Menschen um ein halbes Grad gesunken

Montag, 13. Januar 2020

/anitalvdb, stock.adobe.com

Palo Alto/Kalifornien – Die durchschnittliche oberflächliche Körpertemperatur des Men­schen ist in den vergangenen 1,5 Jahrhunderten um 0,59° Celsius gesunken. Dies geht aus einer Analyse von drei Kohortenstudien in eLife (2020; doi: 10.7554/eLife.49555) hervor. Die Forscher bringen die „Abkühlung“ mit einem besseren Gesundheitszustand und einem höheren Lebensstandard in Verbindung.

Noch immer gelten 37° Celsius als durchschnittliche oberflächige Temperatur eines ge­sunden Erwachsenen. Dieser Wert, den Carl Reinhold August Wunderlich 1852 nach der Bestimmung der axillären Temperatur von 25.000 Patienten aus Leipzig ermittelt hat, wird heute jedoch von den wenigsten gesunden Menschen erreicht. Ziad Obermeyer vom Brigham and Women’s Hospital kam in einer aktuellen Analyse von 35.488 Patienten der Bostoner Klinik auf einen Durchschnittswert von 36,6° Celsius (BMJ 2017; 359: j5468).

Die jetzt von einem Team um Julie Parsonnet von der Standard Universität in Palo Alto vorgestellten Ergebnisse bestätigen die Entwicklung. Die Epidemiologen werteten die Daten von 3 Kohorten aus, die bis in die Mitte des vorletzten Jahrhunderts zurückreichen.

Die 1. Kohorte bestand aus 23.710 Veteranen des amerikanischen Bürgerkriegs, die bis in das Jahr 1860 zurückreicht. Die anderen beiden Kohorten waren die National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) aus den Jahren 1971 bis 1975 und die Stanford Translational Research Integrated Database Environment, die 150.280 Messungen aus den Jahren 2007 bis 2017 enthält.

In allen 3 Kohorten zeigte sich, dass die Körpertemperatur langsam, aber stetig abnahm und zwar um 0,03° Celsius pro Dekade des Geburtsjahrgangs. Dies widerlegt die Vermu­tung, dass etwaige technische Veränderungen der Thermometer zu einem scheinbaren Rückgang geführt haben könnten.

Auch die im 19. Jahrhundert deutlich niedrigere Lebenserwartung und anthropometrische Parameter erklären den Rückgang nicht. Die von Parsonnet vorgestellten Ergebnisse be­rücksichtigen Alter, Körpergröße und Gewicht und in einigen Modellen sogar die Tages­zeit.

Alter, Körpergröße und Gewicht beeinflussen die Körpertemperatur. Sie nimmt nach den aktuellen Zahlen mit jedem Lebensjahr um 0,004° Celsius ab. Mit jedem zusätzlichen Kilo an Körpergewicht nimmt sie um 0,0002° Celsius ab und mit jedem Zentimeter Körper­größe um 0,0001° Celsius zu. Es gibt auch ethnische Einflüsse. Schwarze Amerikaner haben eine um 0,0187° Celsius niedrigere Körpertemperatur als Weiße. Im Tagesverlauf nimmt die Temperatur um 0,01 bis 0,02° Celsius pro Stunde zu.

Parsonnet vermutet medizinische und wirtschaftliche Ursachen. Der höhere Lebensstan­dard und die verbesserte Hygiene hätten dazu geführt, dass weniger Menschen unter chronischen Infektionen leiden.

Den größten Einfluss könnte zunächst die Tuberkulose gehabt haben. Im 19. Jahrhundert waren vermutlich 2 bis 3 % der Bevölkerung aktiv mit Tuberkelbazillen infiziert. Heute ist die Erkrankung in den reicheren Ländern selten geworden.

Auch andere chronische Infektionskrankheiten, die die durchschnittliche Körpertempe­ra­tur in einer Bevölkerung erhöhen könnten, sind seit der Einführung der Antibiotika deut­lich seltener geworden. In den vergangenen Jahrzehnten könnte auch eine verbesserte Zahnhygiene eine Rolle gespielt haben, vermutet Parsonnet.

Nicht-infektiöse chronische Erkrankungen, etwa Autoimmunerkrankungen, erhöhen eben­falls die Körpertemperatur. Sie können heute häufig effektiv behandelt werden. Eine frü­here Studie hat dokumentiert, dass die Häufigkeit erhöhter Werte des C-reaktiven Prote­ins in der Bevölkerung zwischen 1991 und 2010 um 5 % zurückgegangen ist (American Journal of Epidemiology (2013; 177: 1430-1442). Auch die verbreitete Einnahme von Ace­tylsalicylsäure und anderen nichtsteroidalen Antirheumatika könnte sich auf die Körper­temperatur ausgewirkt haben.

Und auch die Verbreitung von Zentralheizungen und Klimageräten könnte die Körper­tem­pera­tur beeinflusst haben. Menschen, die wechselnden Außentemperaturen ausgesetzt sind, haben eine höhere Stoffwechselrate, die den Körper aufheizt. Heute halten sich die meisten Menschen die meiste Zeit in thermoneutralen Zonen auf. Dies könnte insgesamt zu einem Rückgang der Stoffwechselrate und damit der Körpertemperatur geführt haben, vermutet Parsonnet. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 14. Januar 2020, 22:14

Körper-Oberflächen- oder -Kerntemperatur sinkt?

Meines Erachtens ist es vollkommen unredlich und wissenschaftlich vorsätzlich irreführend zu behaupten, dass die durchschnittliche oberflächliche Körpertemperatur des Menschen generell in den vergangenen 1,5 Jahrhunderten um 0,59° Celsius gesunken sei. Die Publikation „Decreasing human body temperature in the United States since the Industrial Revolution” von Myroslava Protsiv, Catherine Ley, Joanna Lankester, Trevor Hastie, Julie Parsonnet
https://elifesciences.org/articles/49555
bezieht sich nur und ausschließlich auf die USA, und sie ist damit nicht mal repräsentativ für den gesamten nordamerikanischen Kontinent. Die erste Kohorte dieser Publikation [“Union Army Veterans of the Civil War UAVCW (N = 23,710; measurement years 1860–1940)“] ist für wissenschaftliche Zwecke völlig unbrauchbar: Weil es sich um einen Zeitraum von 80 Jahren handelte, in der allein die Lebenserwartung 1860 bei 38 Lebensjahren gelegen und bis 1940 erheblich zugenommen hatte, bzw. ausschließlich Männer untersucht wurden [„UAVCW included men only“]. Bei der 2. Kohorte [“National Health and Nutrition Examination Survey I”] und der 3. Kohorte [„Stanford Translational Research Integrated Database Environment“] bleibt ungeklärt, ob tatsächlich objektivierbare Messungen der Körper-Oberflächen- oder -Kerntemperatur durchgeführt bzw. nur durch das Fragebogeninstrumentarium abgefragt wurden.

Die Aussage: „Noch immer gelten 37° Celsius als durchschnittliche oberflächige Temperatur eines gesunden Erwachsenen. Dieser Wert, den Carl Reinhold August Wunderlich 1852 nach der Bestimmung der axillären Temperatur von 25.000 Patienten aus Leipzig ermittelt hat“
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/108601 ist aus 3 Gründen obsolet.
1. Die axilläre Temperaturmessung ist in vielen Ländern dieser Welt gar nicht üblich. Sie ist schwankungs- und fehleranfällig und wird häufig durch orale, rektale oder sonstige Messungen ergänzt bzw. ersetzt.
2. Wunderlich hat seine Messungen nicht allgemein an gesunden Menschen, sondern nur und ausschließlich an Patienten aus Leipzig ermittelt, einer nicht nur zur damaligen Zeit nicht repräsentativen Kohorte.
3. Im Jahr 1852 gab es keine geeichten, kalibrierten und methodisch exakten Fiebermessungen Fieberthermometer aus dieser Zeit weisen z. T. lageverschiebliche Skalen auf.
Auch 1852 hatte die Lebenserwartung in Deutschland bei etwa 38 Lebensjahren gelegen.

Die Publikation “Individual differences in normal body temperature: longitudinal big data analysis of patient records” BMJ 2017; 359 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.j5468 (Published 13 December 2017) von Ziad Obermeyer et al. beschreibt ebenfalls Patienten eines akademischen Lehrkrankenhauses und kommt mittels oraler-, Schläfen- und Ohr-Messungen (nur 0,1% axilläre Messungen!) [”Temperature measurements were largely oral (88.2% oral, 3.5% temporal, 3.0% tympanic, 0.1% axillary, 5.2% not recorded), and temporal, tympanic, and axillary temperatures were significantly lower than oral temperatures (by –0.03°C, –0.06°C, and –0.27°C…”] auf einen Durchschnittswert von 36,6°C Körpertemperatur. [Results In a diverse cohort of 35&#8201;488 patients (mean age 52.9 years, 64% women, 41% non-white race) with 243&#8201;506 temperature measurements, mean temperature was 36.6°C (95% range 35.7-37.3°C, 99% range 35.3-37.7°C). Several demographic factors were linked to individual level temperature, with older people the coolest (–0.021°C for every decade, P<0.001) and African-American women the hottest (versus white men: 0.052°C, P<0.001).] Verwendet wurde ein elektronische Sonden-Thermometer Fabrikat [„Welch Allyn SureTemp Plus digital thermometers were present in most examination rooms“].
Die Obermeyer-Publikation umfasst noch weitere Ergebnisse, die hier nicht ausführlich diskutiert werden können: „Several demographic factors were linked to individual level temperature, with older people the coolest (–0.021°C for every decade, P<0.001) and African-American women the hottest (versus white men: 0.052°C, P<0.001). Several comorbidities were linked to lower temperature (eg, hypothyroidism: –0.013°C, P=0.01) or higher temperature (eg, cancer: 0.020, P<0.001), as were physiological measurements (eg, body mass index: 0.002 per m/kg2, P<0.001). Overall, measured factors collectively explained only 8.2% of individual temperature variation. Despite this, unexplained temperature variation was a significant predictor of subsequent mortality: controlling for all measured factors, an increase of 0.149°C (1 SD of individual temperature in the data) was linked to 8.4% higher one year mortality (P=0.014).
Conclusions Individuals’ baseline temperatures showed meaningful variation that was not due solely to measurement error or environmental factors. Baseline temperatures correlated with demographics, comorbid conditions, and physiology, but these factors explained only a small part of individual temperature variation. Unexplained variation in baseline temperature, however, strongly predicted mortality.“

So wackelig die Hypothese auch ist, dass angeblich messfehler-unabhängig „die durchschnittliche oberflächliche Körpertemperatur des Menschen generell in den vergangenen 1,5 Jahrhunderten um 0,59° Celsius gesunken“ sein soll, umso wahrscheinlicher sind die objektiven Entwicklungen der Menschheit in den vergangenen 150 Jahren.
1. Die Lebenserwartung in hochindustrialisierten Ländern hat sich weit mehr als verdoppelt.
2. Das Längenwachstum hat erheblich zugenommen. Die typische Bettenlänge auch vor 1850-1860 lag bei 160 cm (zu besichtigen z. B. im Hôtel-Dieu, ein ehemaliges Krankenhaus in Beaune, das im Jahre 1443 gegründet und bis 1971 als Hospital genutzt wurde).
3. Die allgemeine Gewichtszunahme und die verbesserte Nahrungs- bzw. Trinkmengen-Versorgung müssen berücksichtigt werden.
4. Akute und chronische Infektionen mit fieberhaften Allgemeinreaktionen sind durch Antibiotika- und Antipyretika-Einsatz erheblich zurückgegangen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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