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Politik

Bündnis stellt Instrument zur Messung des Pflegebedarfs vor

Dienstag, 14. Januar 2020

/dpa

Berlin – Ein Bündnis aus Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG), Deutschem Pflegerat (DPR) und der Gewerkschaft Verdi hat mit der Pflegepersonal-Regelung (PPR) 2.0 ein Instrument vorgelegt, mit dem der Bedarf an Pflegekräften im Krankenhaus gemessen werden soll.

Damit kommt es einer Aufgabe aus dem Abschlussbericht der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) nach, mit der die Bundesregierung dem aktuellen Pflegemangel in Deutschland begegnen will.

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„Das wirksamste Mittel gegen den akuten Fachkräftemangel in der Pflege ist eine Perso­nal­ausstattung, die eine gute Pflege ermöglicht und die Beschäftigten vor Überlastung schützt“, sagte Sylvia Bühler aus dem Vorstand von Verdi heute vor Journalisten in Berlin.

„Mit der PPR 2.0 wird der Teufelskreis von schlechten Arbeitsbedingungen, Überlastung von Pflegekräften und Fachkräftemangel durchbrochen.“ Sie sei ein wichtiges Signal, um die Menschen für den Beruf zu begeistern und die Beschäftigten in der Pflege zu halten.

Pflegebedarf wird auf Basis von Minutenwerten gemessen

Die PPR 2.0 ist eine Weiterentwicklung der Pflegepersonalregelung, mit der in den 1990er-Jahren bereits der Bedarf an Pflegekräften im Krankenhaus gemessen wurde.

„Damals wurden in der Folge 30.000 neue Pflegekräfte in Krankenhäusern eingestellt“, erklärte der Präsident des DPR, Franz Wagner, „bevor die Politik die Reißleine gezogen und die PPR wieder außer Kraft gesetzt hat.“

Mit der PPR 2.0 soll der Pflegebedarf im Krankenhaus auf der Basis von Minutenwerten gemessen werden. Sie setzt sich zusammen aus Grund- und Fallwerten sowie Leistungen im Bereich einer allgemeinen und einer speziellen Pflege (A- und S-Bereich) am Patien­ten.

Der Grundwert beinhaltet dabei Leistungen ohne direkten Patientenbezug, zum Beispiel Leitungsaufgaben und Teambesprechungen. Im Fallwert sind zum Beispiel die Aufnahme und die Entlassung der Patienten zusammengefasst.

Instrument gilt nicht für Intensivmedizin und Pädiatrie

Die allgemeine Pflege umfasst unter anderem Leistungen der Körperpflege, der Ernäh­rung und der Mobilisation. Sie wird in vier Leistungsstufen unterteilt. A1 wird dabei für Grundleistungen verwendet, A4 für hochaufwändige Leistungen, die derzeit im Pflege­komplexmaßnahmen-Score (PKMS) abgebildet sind.

Die spezielle Pflege berücksichtigt beispielsweise Leistungen im Zusammenhang mit ope­rativen und invasiven Maßnahmen, die medikamentöse Versorgung sowie Wund- oder Hautbehandlungen. Die Stufe S4 umfasst die pflegerische Übernahme ärztlicher Leistun­gen in mehreren Fällen.

„Das Instrument umfasst die Versorgung zwischen 6:00 und 22:00 Uhr auf den bettenfüh­renden Stationen – bislang allerdings nicht für die Intensivmedizin und für die Pädiatrie“, erklärte Wagner. „Dafür werden zeitnah weitere Instrumente entwickelt.“ Die Erfassung erfolge einmal täglich automatisiert aus der Pflegedokumentation und sei somit büro­kratiearm.

„Die PPR 2.0 wurde Ende 2019 an 44 Krankenhäusern erprobt“, so der DPR-Präsident. „Die Rückmeldung aus den Häusern ist: Das Instrument funktioniert gut.“ Da die teilnehmenden Krankenhäuser nicht repräsentativ ausgewählt worden seien, gebe es bislang allerdings keine Zahl für einen auf Basis der PPR 2.0 errechneten Gesamtpflegebedarf. „Wir gehen aber davon aus, dass 40.000 bis 80.000 Pflegekräfte im Krankenhaus fehlen“, so Wagner.

Krankenhäuser können PPR 2.0 ab 2021 umsetzen

„Wir werden also viel zusätzliches Personal brauchen, um die PPR 2.0 voll erfüllen zu können“, sagte der Präsident der DKG, Gerald Gaß. „Das ist eine mittel- bis langfristige Aufgabe – aber auch eine Aufgabe, auf die sich die Krankenhäuser durch Maßnahmen wie die Erhöhung von Ausbildungsplätzen einstellen können.“

Gestern habe das Bündnis die PPR 2.0 Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) in einem persönlichen Gespräch vorgestellt, erklärte Gaß. Dabei habe der Minister die Prü­fung des Instruments signalisiert. „Wir sind zuversichtlich, dass unser Vorschlag auf Inter­esse stößt“, meinte der DKG-Präsident. „Die Krankenhäuser sehen sich in jedem Fall in der Lage, die PPR 2.0 ab dem 1. Januar 2021 umzusetzen.“

Junge Menschen für den Pflegeberuf begeistern

Wichtig sei es, mithilfe der PPR 2.0 insbesondere mehr junge Menschen für den Pflege­be­ruf zu gewinnen. „Dafür müssen wir in den Ausbildungsstätten die Kapazitäten zur Verfü­gung stellen“, sagte Gaß. „Im Rahmen der Industrie 4.0 werden in der Industrie viele Ar­beitsplätze wegfallen. Es gibt einen Strukturwandel am deutschen Arbeitsmarkt hin zu mehr Dienstleistungsorientierung. Diese Chance müssen und wollen wir nutzen.“

Krankenhaus: Personalvorgaben für Ärzte

Die Bundes­ärzte­kammer fordert die Einführung verbindlicher Personalvorgaben für Ärzte. Das Ziel ist eine geringere Arbeitsbelastung und eine bessere Patientenversorgung. Der Mangel an Pflegekräften im Krankenhaus ist eines der bestimmenden gesundheitspolitischen Themen dieser Legislaturperiode. Um den Mangel zu beheben, hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) im Oktober 2018

Zudem sei es das Ziel, dass Teilzeitkräfte wieder in Vollzeit arbeiten und Pflegekräfte aus dem Ausland für eine Arbeit in Deutschland gewinnen. Darüber hinaus sei es wichtig, die Entbürokratisierung voranzutreiben. Denn auf diese Weise könne Zeit für die Arbeit am Bett gewonnen werden.

Pflegepersonalkosten auf Grundlage des Pflegebedarfs errechnen

Ebenfalls heute vorgestellt wurden von den drei Partnern konsentierte „Eckpunkte zur Umsetzung der PPR 2.0“. Darin heißt es, dass der mit der PPR 2.0 gemessene Pflegebe­darf die Grundlage für die Verhandlungen des Pflegebudgets darstellen sollen.

Wie die Bundesregierung Ende 2018 im Pflegepersonal-Stärkungsgesetz beschlossen hat, verhandeln ab diesem Jahr Krankenhäuser mit den Krankenkassen jährlich den individu­ellen Bedarf an Pflegekräften im Krankenhaus. Die entsprechenden Pflegepersonalkosten müssen von den Krankenkassen bezahlt werden. Die Fallpauschalen, in denen die Pflege­personalkosten bislang enthalten waren, wurden zuvor entsprechend bereinigt.

In den Budgetverhandlungen sollen zusätzlich zu dem nach PPR 2.0 gemessenen Pflege­bedarf auch die Ausfallzeiten berücksichtigt werden, Praxisanleitungen und die nicht in der PPR enthaltenen Nachtdienste, heißt es in den Eckpunkten.

In den Nachtdiensten sollen dabei grundsätzlich mindestens zwei Pflegepersonen arbei­ten, davon mindestens eine Pflegefachkraft. Ausfallkonzepte sollen zudem „so viel Perso­nal vorsehen, dass die im Krankenhaus gemessenen durchschnittlichen Ausfallzeiten kompensiert werden“. Kurzfristige Dienstplanänderungen seien dabei zu vermeiden.

Den Eckpunkten zufolge sollen die Krankenhäuser künftig die Sollbesetzung laut Dienst­plan und die Ist-Besetzung einer Station dokumentieren und im Intranet veröffentlichen. Zudem sollen die Pflegepersonaluntergrenzen, die derzeit in verschiedenen Krankenhaus­bereichen gelten, wegfallen.

Lob von allen Seiten

Die Resonanz auf die PPR 2.0 ist positiv. Das Bündnis aus DKG, DPR und Verdi habe dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter ein praxistaugliches und auch bereits erprobtes Instrument zur Personalbemessung des notwendigen Pflegebedarfs und der Pflegeausstattung vor­ge­legt, urteilte der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD). „Der VKD fordert, dass die Politik nun endlich vom grünen Tisch aufsteht und zeitnah dieses Ins­trument zulässt“, so VKD-Präsident Josef Düllings.

„Mit dem neuen Pflegepersonalbemessungsinstrument werden die Weichen in die rich­tige Richtung gestellt, um Patienten qualifiziert zu versorgen und ihnen die benötigte Zuwendung entgegenzubringen, die den Heilungsprozess unterstützt“, erklärte der Vor­sitzende des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes (DEKV), Christoph Rad­bruch. „Besonders freut uns, dass mit der Einbindung des PKMS und auch des Barthel-Indexes auch besonders vulnerable Patientengruppen wie kognitiv oder motorisch eingeschränkte Menschen bei der Bestimmung des Pflegebedarfs berücksichtigt werden.“

„Guter Tag für die Pflege im Krankenhaus“

Die Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen, Sandra Mehmecke, begrüßte den Vor­schlag des Bündnisses, forderte jedoch eine Weiterentwicklung: „Der Vorschlag muss der erste Schritt sein hin zu einer echten Pflegepersonalbedarfsermittlung, die sich am tat­sächlichen Bedarf der Patientinnen und Patienten orientiert“, so Mehmecke.

Eine entsprechende Personalbemessung dürfe aber keinesfalls die verbindlichen Pflege­per­sonaluntergrenzen ersetzen. „Die derzeitige Ausgestaltung ist in vielen Punkten zu kritisieren. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt aber, dass es zum Schutz von Leben und Gesundheit der Patientinnen und Patienten und der Pflegefachpersonen unbe­dingt einer ‚Roten Linie‘ bedarf“, sagte Mehmecke.

„Heute ist ein guter Tag für die Pflege im Krankenhaus“, meinte der gesundheitspolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Harald Weinberg. „Endlich gibt es einen ver­nünf­tigen Vorschlag für eine bedarfsgerechte Personalbemessung. Daraus muss jetzt schnell ein Gesetz werden.“

Der Ge­sund­heits­mi­nis­ter betone immer wieder, dass er die Arbeitsbedingungen und die Versorgung in den Krankenhäusern verbessern will. Mit dem neuen Instrument könne er seinen Worten Taten folgen lassen, um echte Entlastung zu schaffen. © fos/aerzteblatt.de

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