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Medizin

Britische Limo-Steuer: Zuckergehalt der Produkte sinkt um 35 %

Donnerstag, 16. Januar 2020

Limonaden in vielen Farben in Plastikflaschen. /monticellllo, stock.adobe.com
Die im März 2016 in Großbritannien verabschiedete und 2018 eingeführte Limo-Steuer sieht Abgaben für die Hersteller von Getränken vor, die mehr als fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter enthalten. Bei mehr als acht Gramm wird eine höhere Abgabe fällig. /monticellllo, stock.adobe.com

Berlin – Zwischen 2015 und 2018 sank die Menge verkauften Zuckers aus Erfrischungs­getränken in Großbritannien pro Kopf und Tag um 30 %. Das entspricht einem Rückgang von 4,6 Gramm pro Kopf und Tag. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Universität Oxford in einer jährlichen Querschnittsstudie, die in BMC Medicine erschienen ist (2020; doi: 10.1186/s12916-019-1477-4). Unklar bleibt, in welchem Maß die Süße durch Süß­stoffe ersetzt wurde.

Den Erfolg führen die Autoren auch auf die Limo-Steuer zurück. Diese hatte die britische Regierung im März 2016 angekündigt und im April 2018 eingeführt. Zudem hatte die Regierung die Lebensmittelindustrie 2017 aufgefordert, den Zuckergehalt von Lebens­mitteln bis 2020 um 20 % zu senken.

Im Rahmen der Studie wurden Daten zur Nährstoffzusammensetzung von 7.377 Produk­ten online erhoben, gepaart mit Absatzdaten von 195 Marken, die von 57 Unternehmen angeboten werden.

Britische Getränkehersteller haben demnach den Zuckergehalt ihrer Produkte in den vergangenen Jahren deutlich reduziert. Sogenannte Erfrischungsgetränke enthielten 2015 im Schnitt noch 4,4 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. 2018 waren es nur noch 2,9 Gramm pro 100 Milliliter – dies entspricht einem relativen Rückgang um etwa 35 %.

Auch der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker über Getränke ist in diesem Zeitraum um 30 Prozent bzw. 4,6 Gramm pro Tag gesunken. Insgesamt ist den Forschern zufolge der Absatz von den von der britischen Abgabe erfassten mittelstark und stark gezuckerten Getränken um 50 % zurückgegangen. Der Verkauf von Wasser sowie zuckerfreien und zuckerarmen Getränken, die nicht von der Abgabe erfasst sind, stieg hingegen um 40 %.

Zuckergehalt in Getränken: Deutschland versus Großbritannien

Bereits 2018 senkte der britische Marktführer Coca-Cola den Zuckergehalt seiner Getränke Fanta und Sprite unter die 5-Gramm-Marke (Fanta von 6,9 auf 4,6 Gramm und Sprite von 6,6 Gramm auf 3,3 Gramm). In Deutschland enthält Fanta noch mehr als 9 und Sprite mehr als 8 Gramm Zucker.

Luise Mollig von der Verbraucherorganisation foodwatch ist überzeugt: „Die Limo-Steuer in Großbritannien hat zu einem Zuckersturz im Getränke-Regal geführt.“ In Deutschland habe die Strategie der freiwilligen Zuckerreduktion von Ernährungsministerin Julia Klöckner hingegen nichts geändert, kritisiert Molling. Fanta in Deutschland enthält doppelt so viel Zucker wie in Großbritannien (siehe Kasten).

Deutschland hinke im internationalen Vergleich weit hinterher – neben Großbritannien gingen mittlerweile etliche Staaten mit steuerlichen Anreizen aktiv gegen Fehlernährung, Fettleibigkeit und Diabetes vor, darunter Irland, Portugal, Estland, Belgien, Norwegen, Finnland und Frankreich.

Foodwatch, aber auch medizinische Fachgesellschaften, wie etwa die Deutsche Diabetes Gesellschaft fordern daher seit langem, eine Herstellerabgabe auf überzuckerte Getränke für Deutschland. Im Gegenzug sollten Obst und Gemüse von der Mehrwertsteuer befreit werden, so Molling.

Frankreich berücksichtigt auch süßstoffgesüßte Getränke

Foodwatch kritisierte allerdings, dass die britische Limo-Steuer bisher Süßstoffe außen vor lasse. Dadurch würden einige Hersteller den Zucker durch Süßstoffe ersetzen.

Rezepturänderungen sollten jedoch darauf abzielen, nicht nur den Gehalt von Zucker, sondern den Süßgeschmack insgesamt zu verringern, um der allgemeinen Süßgewöh­nung insbesondere bei Kindern und Jugendlichen entgegen zu wirken. foodwatch forder­te deshalb, dass eine Herstellerabgabe in Deutschland – ähnlich wie in Frankreich – auch süßstoffgesüßte Getränke mit einbezieht.

Laut einer foodwatch-Marktstudie 2018 ist in Deutschland mehr als jedes 2. Erfrischungs­ge­tränk überzuckert. Demnach enthalten 345 von insgesamt 600 untersuchten Getränken (58 %) mehr als 5 Gramm Zucker je 100 Milliliter – das sind mehr als 4 Zuckerwürfel pro 250-Millilter Glas.

Damit hat sich der Anteil überzuckerter Getränke auf dem deutschen Markt seit einer ers­ten Marktstudie von foodwatch im Jahr 2016 praktisch nicht verändert. Damals enthielten 59 % der Getränke mehr als 5 Gramm Zucker je 100 Milliliter. © gie/aerzteblatt.de

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