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Ausland

Klimawandel: Davos als Weltklimaforum

Mittwoch, 22. Januar 2020

/picture alliance, Gian Ehrenzeller

Davos – Die internationale Wirtschaftselite in Davos will offenbar beim Klimawandel vo­rangehen. Es gibt kaum einen Konzernchef bei der Jahrestagung des Weltwirtschafts­fo­rums (WEF), der sich nicht als progressiver Anpeitscher gibt, keinen Manager, der nicht das Potenzial klimafreundlicher Geschäftsmodelle hervorhebt.

Mehr als 140 Wirtschaftsbosse haben sich in einer Initiative des WEF verpflichtet, sich auf einheitliche Kennzahlen für Investments in nachhaltige Anlageformen zu einigen. Mitwirken wollen auch die vier großen Wirtschaftsprüfer Deloitte, EY, KPMG und PwC.

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„Als Konzernchefs wollen wir langfristige Werte für unsere Anteilseigner schaffen, indem wir stabile Renditen abliefern und indem wir ein nachhaltiges Geschäftsmodell schaffen, das langfristige Gesellschaftsziele adressiert“, kündigt etwa Brian Moynihan an, Chef der US-Großbank Bank of America.

Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock, der Anteile an rund 2.500 Unternehmen hält, will diese dazu bringen, grünen Investments Vorrang zu geben. „Wir müssen festhal­ten, dass Klimarisiken auch Investitionsrisiken sind“, sagte Vizechef Philipp Hildebrand den ARD-„Tagesthemen“.

Naturkatastrophen sind eine Gefahr fürs Geschäft, deshalb stellen Firmen verstärkt ihre Modelle um. Es sieht ganz so aus, als wollte die versammelte Wirtschaftselite einem größeren Eingriff durch die Politik zuvorkommen. Investitionen in Kohle, Öl, Waffen und Tabak gelten vielen mittlerweile als verpönt, mögen die Renditen noch so hoch sein.

„Wir sehen weltweit diesen Druck“, sagt Rich Nuzum, Chef-Investmentberater für Groß­kun­den beim Beratungsunternehmen Mercer. Strafen wegen Fehlverhaltens schlagen zu­dem direkt auf den Unternehmenswert durch, unterstreicht UBS-Investmentchef Mark Haefele.

„Es ist das erste Mal, dass die Wirtschaft den Ton angibt und die Regierungen hinterher­hin­ken“, sagte Allianz-Chef Oliver Bäte und sah die Politik unter Handlungsdruck. „Wir diskutieren immer Pläne für den Kohleausstieg, aber wir diskutieren nur den Zeitpunkt und nicht die nötigen Schritte.“

Der Chef des Versicherers – nach eigenen Angaben der europaweit größte institutionelle Investor an den Kapitalmärkten – sieht die Regierungen im Hintertreffen, wenn es um den Klimaschutz geht.

Jüngst hätten 44 der größten europäischen Investoren die EU aufgefordert, den Klima­schutz zum Gesetz zu machen, attestiert Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Diese stünden für sechs Billionen Euro an investiertem Vermögen. „Sie wollen dieses Gesetz. Sie sagen, es gibt ihnen das Vertrauen, die Rechtssicherheit und Verlässlichkeit, die sie für langfristige Investitionen brauchen.“

Doch es gibt laut Kritikern weiter schwarze Schafe. So wird Klimaaktivistin Greta Thun­berg nicht müde zu betonen, dass viel zu wenig passiert, um eine Klimakatastrophe ab­zuwenden. Auch in Davos liest die Schwedin den Mächtigen und Reichen die Leviten.

Laut einer Analyse von Greenpeace haben Banken seit dem Pariser Klimaabkommen 2015 rund 1,4 Billionen US-Dollar (1,26 Billionen Euro) in fossile Energieträger wie Öl, Kohle und Gas gesteckt.

Trotzdem nimmt auch Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan vor allem Regierungen in die Pflicht. „Es ist tatsächlich die Politik, die uns hier zurückhält“, sagt sie. Regierende sollten sich mit Experten und der Zivilgesellschaft zusammensetzen, um zu klären, was zu tun ist.

Aus der Wirtschaft selbst kommen mitunter noch deutlich schärfere Kommentare. „Kapi­ta­lismus, wie wir ihn kennen, ist tot“, urteilt Marc Benioff, Chef des US-Softwareriesen Salesforce. Die „Obsession“ mit der Gewinnmaximierung allein für Anteilseigner habe zu einer Ungleichheit geführt, die einem globalen Notstand gleichkomme.

„Kapitalismus hat versagt, weil er sich auf kurzfristige Profitabilität und Erfolg fokussiert“, schlägt André Hoffmann, Vizepräsident des Schweizer Pharmahersteller Roche, in die gleiche Kerbe. Unternehmen sollten nicht nur an ihren Finanzen gemessen werden, son­dern daran, wie sie ihre Ressourcen im Sinne der Gemeinschaft einsetzen. Aus Sicht von Wirtschaftsexperten kann der Trend zur Nachhaltigkeit insbesondere für europäische Unternehmen eine große Chance sein.

Nachhaltigkeit setze die Geschäfts­mo­delle nicht zwingend unter Druck, sagt Frank Rie­mensperger, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Accenture. „Im Gegenteil: Nachhaltigkeit ist eine unserer größten Geschäftsmöglichkeiten, weil es darum geht, wie man die physische Welt auf lange Zeit werterhaltend betreibt – und das ist eine unserer größten Stärken in Deutschland und Europa.“

Das hat auch einen Domino-Effekt zur Folge. „Wenn Unternehmen Nachhaltigkeit als Thema und als Markt entdecken, dann funktioniert es nicht mehr nach dem Motto „Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe“. Man kann mit seinen Produkten der Welt nicht etwas Gutes verkaufen und selbst der Bewegung hinterherhinken“, so Accenture-Fach­mann Riemensperger. © dpa/aerzteblatt.de

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