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Ärzteschaft

Krankenhausärzte fühlen sich überlastet

Donnerstag, 23. Januar 2020

/dpa

Berlin – Die Ärzte an deutschen Krankenhäusern fühlen sich überlastet, viele von ihnen so sehr, dass ihre Gesundheit leidet. Das hat eine Befragung des Marburger Bundes (MB) ergeben. Die Ergebnisse des alle zwei Jahre erhobenen MB-Monitors stellte die Ärztege­werkschaft heute in Berlin vor.

Das Institut für Qualitätsmessung und Evaluation hatte im Auftrag des MB im September und Oktober 2019 bundesweit 6.500 angestellte Ärzte online befragt. Erstmals konnten sich diese dort auch zum Thema Arbeit und Gesundheit äußern.

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Dem MB-Monitor zufolge haben drei Viertel der Befragten (74 Prozent) das Gefühl, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten sie in ihrer Gesundheit beeinträchtigt, zum Beispiel in Form von Schlafstörungen oder häufiger Müdigkeit.

15 Prozent der Ärzte gaben an, dass sie durch ihre Arbeit schon einmal so stark psychisch belastet waren, dass sie ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen mussten, zum Beispiel wegen eines Burnouts.

49 Prozent der Befragten sagten, sie fühlten sich häufig überlastet. Und jeder Zehnte gab an, er gehe ständig über seine Grenzen hinaus. Drei Viertel gaben an, ihr Privatleben lei­de unter der hohen Arbeitsbelastung.

Arbeitsbedingungen müssen sich grundlegend verbessern

„Das ist ein schockierender Befund“, sagte die 1. Bundesvorsitzende des MB, Susanne Joh­na. Die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern müssten sich grundlegend verbess­ern. Nur dann könnten Ärzte ihre Patienten so versorgen, wie es ihren Vorstellungen entspreche.

„Wer auf Dauer an seinen eigenen Ansprüchen scheitert und keine Zeit hat für Gespräche mit Patienten, für kollegialen Austausch und nach der Arbeit für Familie und Freunde, fängt irgendwann an, die eigene Tätigkeit infrage zu stellen“, meinte Johna. Weder der Politik noch den Krankenhäusern dürfe diese Entwicklung gleichgültig sein. Immerhin denke bereits jeder fünfte Klinikarzt über einen Berufswechsel nach.

Der Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance zeigt sich nach Ansicht von Johna insbesondere daran, dass der Trend zur Teilzeitarbeit ungebrochen ist. Gaben im MB-Monitor 2013 noch 15 Prozent der Ärzte an, mit reduzierter Stundenzahl zu arbeiten, waren es 2019 bereits 26 Prozent.

Arztgesundheit: Ärzteblatt Spezial

Zum diesjährigen Deutschen Ärztetag hat das Deutsche Ärzteblatt eine Sonderausgabe zum Thema Arztgesundheit aufgelegt. Diese Ausgabe steht jetzt digital zur Verfügung. Im derzeitigen Gesundheitssystem muss sich etwas ändern, will man weiterhin gesunde „Heiler und Helfer“ haben, die eine hochwertige Versorgung leisten. Folgerichtig war der Schwerpunkt des diesjährigen 122. Deutschen Ärztetages in [...]

Demnach war es das Ziel der meisten Befragten, sich einen freien Tag in der Woche zu schaffen. Diese „private Arbeitszeitreform“ sei ein klares Indiz dafür, dass die Kranken­häuser zu wenig in eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben investierten, sagte Johna.

Das zeige sich auch daran, wie die geleistete Arbeitszeit von der gewünschten abweiche. Vollzeittätige Ärzte arbeiteten im Durchschnitt 56,5 Stunden in der Woche, inklusive aller Dienste und Überstunden. Die meisten wünschten sich dagegen eine wöchentliche Ar­beits­zeit von nicht mehr als 48 Stunden, der gesetzlich verankerten Höchstarbeitszeit.

65 Millionen Überstunden im Jahr

37 Prozent der Ärzte leisteten eine bis vier Überstunden pro Woche, 38 Prozent leisteten fünf bis neun Überstunden, 21 Prozent zehn bis 19 Stunden und vier Prozent mehr als 20 Stunden pro Woche. Hochgerechnet auf die rund 186.000 Krankenhausärzte ergäben sich so rund 65 Millionen Überstunden pro Jahr.

„Das ist inakzeptabel“, betonte Johna. Dass 84 Prozent der Ärzte Überstunden am liebsten durch Freizeit ausgleichen würden, zeigt für die MB-Vorsitzende ebenfalls deutlich den Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben.

Zu viel Zeit verbringen Ärzte aus ihrer eigenen Sicht mit Verwaltungstätigkeiten. Der täg­liche Zeitaufwand für Datenerfassung, Dokumentation und Organisation sei im Vergleich zu früheren Befragungen des MB deutlich gestiegen, erklärte Johna. Gaben im Jahr 2013 lediglich acht Prozent der Ärzte an, mindestens vier Stunden täglich mit Verwaltungstä­tigkeiten befasst zu sein, seien es in der aktuellen Umfrage 35 Prozent.

„Das ist eine enorme Arbeitszeitverschwendung“, kritisierte die MB-Vorsitzende. Diese Zeit könnten Ärzte statt am Schreibtisch besser am Krankenbett verbringen. Entlastung könne durch eine bessere Besetzung der Stationssekretariate geschaffen werden. Ver­hin­dert werde das zurzeit auch dadurch, dass das Verwaltungspersonal in den Fallpauscha­len nicht angemessen abgebildet werde.

Am Ende komme es aber vor allem darauf an, die „Überbürokratisierung“ der Kranken­häu­ser endlich zu beenden. „Wir brauchen eine Generalinventur“, forderte Johna. Vorgaben, die unnötig seien, müssten ersatzlos gestrichen werden. „Hier ist die Politik gefordert, der Regulierungswut der Krankenkassen nicht mehr länger nachzugeben“, sagte sie.

Tarifpolitik greift Wünsche der Ärzte auf

Den Wünschen der Krankenhausärzte nach einer geringeren Arbeitsbelastung und einer besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben trage die Tarifpolitik des MB bereits zu großen Teilen Rechnung, erklärte der 2. Vorsitzende des MB, Andreas Botzlar.

Um Belastungen überhaupt messen zu können, müsse in allen Krankenhäusern eine ma­ni­pulationsfreie Arbeitszeiterfassung eingeführt werden, forderte er. Dafür trete der MB auch in den aktuellen Tarifverbandlungen mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) für die tarifgebundenen Universitätskliniken ein.

Außerdem fordert der MB, dass die Zahl der Bereitschaftsdienste begrenzt und eine ver­lässliche Dienstplangestaltung eingeführt wird. Letztere seien die größten Störfaktoren für soziale Teilhabe, erklärte Botzlar.

Derzeit seien die Verhandlungen mit den Ländern allerdings relativ festgefahren. Die TdL habe in den bisherigen Verhandlungen den Eindruck vermittelt, als seien ungeregelte Arbeitszeiten, fehlende Arbeitszeiterfassungen, pauschale Kappungen der geleisteten Ar­beitszeit, ungeplante Inanspruchnahmen und regelmäßige Wochenenddienste bei einer Anstellung in einem Universitätsklinikum billigend in Kauf zu nehmen, hatte Botzlar be­reits bei anderer Gelegenheit kritisiert.

Heute bekräftigte er, dass die Ärzte diese Haltung nicht länger hinnehmen würden. Am 4. Februar werde es deshalb zu einem ganztägigen Warnstreik kommen. Die Ärzte der be­troffenen Universitätskliniken rief Botzlar auf, an diesem Tag nach Hannover kommen, wo vor den erneuten Verhandlungen mit der TdL eine zentrale Kundgebung des MB statt­finden werde. © HK/aerzteblatt.de

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Avatar #742961
hzwo77
am Mittwoch, 29. Januar 2020, 20:25

Der Lichtstrahl der Hoffnung beleuchtet jedoch nur die harte Realität...

Als Betroffener bin ich zuvorderst tief berührt dass mein Arbeitsleben offensichtlich kein Einzelfall ist. Irgendwie gewusst hat man das ja schon immer, aber in Zahlen gefasst wirkt es beruhigend. Man ist nicht als trauriger Einzelfall abgehängt und wird irgendwie auch ausgenutzt, nein, das ist der Regelfall der für die meisten Klinikärzte gilt: überviele Wochenstunden und massig Bürokratie.
Hurra. Und trotzdem werden wir genauso weitermachen, denn schließlich haben wir keine Zeit und auch keine Energie mehr das zu ändern - außer wir entsagen auch noch den letzten Minuten mit der Familie, Freunden, Bekannten...
In der uns Ärzten üblichen Weise werden wir Probleme schnell und unbürokratisch lösen, also den Ausweg nutzen der sich jedem auf andere Weise früher oder später bietet.
Und wenn irgendwann keine Ärzte für den notwendigen Dienst zur Nacht- und Wochenendzeit zur Verfügung stehen, dann sollten wir uns freuen. Dann haben alle einen Job gefunden der auch ein Leben außerhalb des Arztseins zulässt, vielleicht nicht unbedingt mit weniger Arbeit, dafür aber mit einer sinnvollen, verschwendungsfreien Zeiteinteilung und fairem Verdienst.
Und bevor sich jetzt die Spahnsche Logik meldet mit dem Ruf nach größeren Kliniken, sollte erstmal die Frage geklärt werden wer diese Kliniken denn füllt - und zwar auf ärztlicher Seite. Noch mehr Arbeitsverdichtung durch maximale Patientenzahlen wird aus den politisch vorsätzlich unrentabel gemachten "Kleinkliniken" kein Personal in die Großkliniken nach der Idee von Jens Spahn transferieren.
Vielleicht wäre eine radikale neue Idee die Lösung: mehr Personal pro Patient, ergo mehr Zeit, dadurch bessere Zuwendung zum Patienten und in Folge raschere Genesung und bessere Resilienz gegenüber Folgeerkrankungen. Ja, die Zeit die ein Arzt beim Patienten verbringt kann tatsächlich heilende Wirkung haben...
Dass dies aktuell durch die bestehenden Entgeltsysteme bestraft wird ist Teil der gesundheitspolitischen Perversion die uns immer tiefer in Überlastung und Personalschwund treibt.
Wir brauchen wieder Visionen im Gesundheitswesen, zuallererst um die Menschlichkeit in den Alltag von Arzt und Patient zurückzubringen.
Avatar #737153
rodneyprice
am Montag, 27. Januar 2020, 12:57

Krankenhausärzte überbelastet

Ich muß sagen für einen der in der NHS (england) anfänglich als SHO (Assistenzarzt) teilweise bis zu 128 Stunden pro Woche gearbeitet habe, begrüße ich das Bemühen, die Arbeitszeit Menschlich zu gestalten. Allerdings 4 "Überstunden" sind nicht beklagenswert und darüber sollte man nicht jammern und auch nicht vergessen, daß Mann (Frau) als Artzt*in enorm priviligiert ist und sich dem Dienst am Menschen und nicht am eigenen Portmonnai verpflichtet hat.
LNS

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