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Politik

Wunsch nach gesellschaftlichem Pakt gegen sexuelle Gewalt an Kindern

Dienstag, 28. Januar 2020

/bramgino, stock.adobe.com

Berlin – Auf den Tag genau zehn Jahre ist es her, dass Fälle von sexuellem Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg, einer Schule des Jesuiten-Ordens, bekannt wurden und da­mit das Thema Kindesmissbrauch in die öffentliche Wahrnehmung katapultiert wurde.

Eine sehr kritische Bilanz der bisherigen Anstrengungen in Deutschland gegen sexuelle Gewalt an Kindern zog Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, heute vor der Presse in Berlin.

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„Die Fallzahlen sind unverändert hoch. Allein die polizeiliche Kriminalstatistik verzeich­net jährlich mehr als 20.000 Fälle von sexuellem Missbrauch, sexuellem Mobbing, Cyber­grooming oder Kinderpornografie. Missbrauchsabbildungen durchfluten mittlerweile in Terrabyte-Dimensionen das Netz,“ sagte Rörig.

Und weiter: „Ich bin immer wieder erschrocken darüber, mit welcher Gelassenheit sexu­elle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche von Teilen der Gesellschaft hingenommen wird.“

Missbrauch muss „Megathema“ werden

Der Missbrauchsbeauftragte fordert sexuellen Kindesmissbrauch zu einem gesellschaft­lichen „Megathema“ zu machen. „Sexuelle Gewalt kann nur dann wirkungsvoll bekämpft werden, wenn sich alle gesellschaftlichen Kräfte verbünden. Wir brauchen für Deutsch­land einen Pakt gegen Missbrauch“, forderte er.

Dieser Pakt brauche die uneingeschränkte Unterstützung von allen Bürgern, von Bund, Ländern und Kommunen, den politischen Parteien, der Zivilgesell­schaft wie Kirchen, Wohlfahrt, Sport, aber auch des Gesundheitswesens oder der Internetwirtschaft.

Von „sehr großer Bedeutung“ sind nach Ansicht von Rörig auch Ärzte und Psychothera­peuten als wichtige Ansprechpartner für Betroffene und Angehörige. Sie seien häufig auch diejenigen, die Anzeichen für Missbrauch erkennen und dann entsprechend handeln sollten.

„Jede Praxis sollte ein Schutzort werden“, sagte Rörig zuletzt zusammen im Interview mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Stephan Hofmeister. Zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch kooperieren KBV und der Missbrauchsbeauftragte insbesondere bei der Unterstützung von Ärzten und Psychotherapeuten im Umgang mit Kinderschutzfällen.

Gesetzliche Meldepflichten gefordert

Der neue Nationale Rat, das von Bundesministerin Franziska Giffey und Rörig im Dezem­ber 2019 einberufene Spitzengremium aus Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Praxis und Betroffenen, biete eine starke Plattform für diesen Pakt.

Der Missbrauchsbeauftragte widerholte seine Forderungen nach einer interdisziplinären Zusammenarbeit aller. Zudem müssten die Ermittlungsinstrumente besser werden. „Wir brauchen gesetzliche Meldepflichten für sexuellen Missbrauch im Internet“, forderte Rö­rig. Datenschutz dürfe zudem nicht über Kinderschutz stehen. „Die Täter im Netz müssen sich fürchten.“

Darüber hinaus forderte der Missbrauchsbeauftragte eine Stärkung der Beratungsstruk­turen für Betroffene. „Die Versorgung mit Beratungsstellen ist keineswegs flächen­deckend und die Finanzierung dieser Stellen ist nach wie vor prekär, sagte er.

Willen zur Aufklärung und Aufarbeitung fehlt

Auch der Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, Matthias Katsch, zog eine ne­gative Bilanz: „Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wird immer noch nicht als zentrale gesellschaftliche Herausforderung für unser Land angenommen. Vielfach fehlt es am Willen zur Aufklärung und die Aufarbeitung fehlt“, sagte er heute.

Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche hätten in den vergangenen Jah­ren Aufklärung und Aufarbeitung über den Umgang ihrer Institutionen mit Verbrechen ihrer Mitarbeitenden vielfach verschleppt.

Erst jetzt fingen die Kirchen langsam an, sich ihrer Verantwortung zu stellen und unab­hängige Aufarbeitungsprozesse zu initiieren. „Immer noch werden die Opfer eher stigma­tisiert, als dass ihnen notwendige Hilfe und Unterstützung angeboten wird“, kritisierte Katsch.

Das Bewusstsein für die „Normalität“ von sexuellem Kindesmissbrauch sei in der Gesell­schaft zwar gestiegen, aber man sei noch weit davon entfernt, diese Gewaltform in der kommenden Generation zu überwinden.“

Mit dem neuen Spot „Anrufen hilft!“ will Rörig auf das bundesweite Angebot des „Hilfe­telefon Sexueller Missbrauch“ (0800/2255530) hinweisen und Menschen aktivieren, dort anzurufen, wenn sie sich Sorgen um ein Kind machen. Silke Noack, Leiterin des Hilfete­lefons, sagte: „Es ist wichtig, dass Menschen sich trauen hinzuschauen.

Viele Menschen aus dem Umfeld von Kindern haben ein komisches Gefühl, wissen aber nicht, was sie machen sollen. Wir bieten Rat und Unterstützung an.“ Am Hilfetelefon ar­beiten über 20 psychologisch und/oder pädagogisch ausgebildete Fachkräfte mit jahre­langer Erfahrung in der Beratung und Begleitung bei sexuellem Kindesmissbrauch.

Seit Beginn des Hilfetelefons in 2010 wurden mehr als 43.000 Beratungsgespräche ge­führt. Die Beratung erfolgt bundesweit, kostenfrei und anonym.

Den Spot „Anrufen hilft!“ drehte die Filmregisseurin Caroline Link, bekannt durch Filme wie „Nirgendwo in Afrika“ oder aktuell „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", pro bono. Der 30-sekündige Spot, bei dem man es kaum aushält, den gezeigten Kindern in die Augen zu schauen, ist sehr bewegend.

„Zu erfahren, wie viele Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft unter sexuellem Missbrauch leiden, hat mich überrascht und schockiert. Wenn es uns mit dem Spot ge­lingt, Kindern in dieser beklemmenden Lebenssituation zu helfen, wäre ich sehr froh“, sagte Link.

Der Spot wird ab heute auf zahlreichen TV-Sendern, in Kinos, auf Social Media und auf der gleichnamigen Website zum Spot www.anrufen-hilft.de sichtbar sein. Ausgestrahlt wird der Spot überall pro bono. © PB/aerzteblatt.de

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Avatar #726299
Kompromat
am Freitag, 31. Januar 2020, 00:01

Intellektuell unaufrichtig...

...ist die Schlußfolgerung penangexpag's, dass an allem wiedermal die Befreiung vom Joch der sexuellen Stigmatisierung und Unterdrückung schuld sein soll. Offenheit und Ehrlichkeit auch in schwierigen Themen führen laut dieser These zum Schaden am Volkskörper.

Das steht ja eben inhaltlich mit der in seinem restlichen Text gemachten Feststellung, nämlich dass der grösste Triebtäter der katholische Priester ist, gänzlich logisch im Widerspruch. Am Umgang der katholischen Kirche mit diesem Skandal --- d.h. der systematischen Unterdrückung jeder aktiven Aufdeckung, geschweige denn Aufarbeitung --- erkennt man, dass gerade reaktionäre, sich im Moralmonopol wähnende Institutionen unfähig sind, sich überhaupt diesem Problem offen zu stellen.

Außerdem, gebe ich zu bedenken, dass die Inzidenz sexueller Gewalt und Missbrauchs [FGM bei 99% aller Frauen in Guinea z.B.] gerade z.B. in islamisch geprägten Ländern teilweise im zweistelligen Prozentbereich zu messen sind, also weit über dem liegen, was im Westen selbst im anzunehmenden Graubereich passiert.

Das minimiert natürlich in keinster Weise das Leiden der Betroffenen hier oder dort.

Der wichtige Punkt hier ist jedoch, dass wir nicht an zu viel Liberalisierung und Aufklärung leiden, sondern an zu wenig.
Avatar #760232
penangexpag
am Donnerstag, 30. Januar 2020, 13:41

Mißbrauch : Verfolgung und Prävention

Daß im Bereich der katholischen Kirche Mißbrauchsfälle keineswegs selten waren und sind - das wird den neutralen Beobachter nicht überraschen, auch nicht der Verdacht, daß man möglicherweise mit einer sehr hohen Dunkelziffer rechnen muß. Ob das tendenziell auch für andere Religionsgruppen und auch für Sportvereine etc. gilt - das ist eine berechtigte Frage. Soweit man aus den publizierten Daten und Statements schlußfolgern darf liegt aber der Schwerpunkt nicht in diesen , sondern im familiären
Bereich - und das ist ist noch viel schockierender.
Muß man in den vorgenannten Bereichen das Vorhandensein von virulenten egoistischen Triebmotiven als Realität sehen, wird das im familiären Bereich zwar grundsätzlich nicht anders sein, aber hier ist im Normafall eine natürliche Hemmschwelle gegenüber den Kindern und Jugendlichen der eigenen Familie in Funktion. Wegen der Datenlage ist es kaum möglich zu entscheiden, ob da eine historische Aufwärtstendenz vorliegt oder ob heute einfach die Aufklärungsquote steigt. Wahrscheinlich trifft beides zu - und das muß zwingend zu der Frage nach den Ursachen für eine Zunahme solcher Mißbrauchsfälle führen - wenn anders eine Prävention nicht wirklich gelingen kann.
Man kann nicht ausschließen, daß die allgemeine sexuelle Liberalisierung unterschwellig zu einer veränderten Einordnung des Mitmenschen geführt hat, in deren Folge auch Grenzen tangiert werden, die wir eigentlich für gesichert halten.
LNS

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