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Medizin

Meningokokken: Typ-B-Impfstoff erzielt Schutzwirkung ohne Herdenimmunität

Dienstag, 28. Januar 2020

/Jan-Becke, stock.adobe.com

London und Adelaide – Ein Impfstoff gegen Meningokokken der Gruppe B, die derzeit für die meisten Meningokokken-Erkrankungen verantwortlich sind, hat laut einem Bericht im New England Journal of Medicine (NEJM 2020; 382: 309-317) in England zu einem deutlichen Rückgang der Erkrankungen in den ersten Lebensjahren geführt. Eine Impfung von Jugendlichen in Australien hat in einer randomisierten Studie (NEJM 2020; 382: 318-327) die erhoffte Herdenimmunität dagegen nicht erreicht.

Großbritannien hat im September 2015 als erstes Land die Meningokokken B-Impfung in den Impfkalender aufgenommen. Zum Einsatz kommt 4CMenB, einer der beiden zugelassenen Impfstoffe. Statt den empfohlenen 3 Impfungen im Alter von 8, 12 und 16 Wochen plus einem Booster im Alter von 12 Monaten erhalten die Kinder nur 2 Impfungen im Alter von 8 und 12 Wochen plus den Booster im Alter von 12 Monaten.

Die Impfung ist kostenlos. Das Angebot wurde von den meisten Familien gut ange­nommen. Im 1. Quartal 2018 hatten 92,5 % der Kinder vor dem 1. Geburtstag die Grundimmunisierung und 87,9 % nach 2 Jahren auch die Boosterung erhalten. Der Erfolg war ein deutlicher Rückgang der Erkrankungen.

Wie Shamez Ladhani von Public Health England, London, und Mitarbeiter berichten, kam es in den ersten 3 Jahren der Impfkampagne in den impfberechtigten Altersgruppen zu 75 % weniger Meningokokken-Erkrankungen der Gruppe B. Die adjustierte Effektivität des Impfstoffs gegen invasive Erkrankungen durch Meningokokken der Gruppe B betrug nach den ersten beiden Impfdosen 52,7 % (95-%-Konfidenzintervall -33,5 bis 83,2) und nach dem zusätzlichen Booster 59,1 % (-31,1 bis 87,2).

Die Analyse der Effektivität verpasste zwar das Signifikanzniveau (erkennbar an den über die 0-Grenze reichenden 95-%-Konfidenzintervallen). Public Health England verbucht die Ergebnisse dennoch als großen Erfolg. Zwischen 2015 und 2018 sei es statt der zu erwar­tenden 446 Fälle nur zu 277 Erkrankungen gekommen, heißt es in der Pressemitteilung.

Die Erwartungen einer Studie aus Australien erfüllten sich dagegen nicht. Helen Marshall von der Universität Adelaide und Mitarbeiter hatten im Auftrag des Herstellers an 237 Schulen im Bundesstaat South Australia die Schüler der Klassen 10 bis 12 (Alter 15 bis 18 Jahre) auf eine Impfung mit 4CMenB oder auf eine Kontrollgruppe randomisiert (in der die Impfung nach Ende der Studie angeboten wurde).

Das Ziel war nicht die Vermeidung von invasiven Erkrankungen, die in diesem Alter selten sind. Die Rachenschleimhaut von Teenagern ist jedoch häufig asymptomatisch mit N. meningitidis besiedelt. Die Altersgruppe gilt als wichtiger Überträger der Erkrankung. Die Studie sollte zeigen, dass die Impfung der Schüler die Anzahl der Carrier vermindern kann.

Dies gelang nicht. Ein Jahr nach der Impfung wurden Meningokokken im Rachenabstrich von 547 der 12.746 (4,29 %) geimpften Teenager und von 561 der 11.523 (4,87 %) nicht geimpften Teenager nachgewiesen. Der Unterschied war minimal und die adjustierte Odds Ratio von 0,85 verfehlte mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,70 bis 1,04 das Signifikanzniveau.

Bei den 5 Serotypen (A, B, C, W, X und Y), die eine invasive Erkrankung auslösen können, war der Unterschied mit 326 positiven Rachenabstrichen auf 12.746 (2,55 %) geimpften Teenagern versus 291 positiven Rachenabstrichen auf 11.523 (2,52 %) geimpften Teen­agern sogar noch geringer (adjustierte Odds Ratio 1,02; 0,80 bis 1,31). Die Studie liefert damit keinerlei Hinweise dafür, dass eine Impfung von Teenagern zu einer Herden­immuni­tät führt, die das Übertragungsrisiko (auch von Säuglingen) weiter senken könnte.

Die Studie liefert lediglich einige Hinweise auf die Risikofaktoren für eine asymptoma­tische Besiedlung im Teenager-Alter. Dazu gehören ein höheres Schuljahr (adjustierte Odds Ratio für die 12. Klasse gegenüber der 10. Klasse: 2,75; 2,03 bis 3,73), eine aktuelle Infektion der oberen Atemwege (adjustierte Odds Ratio 1,35; 1,12 bis 1,63), Zigaretten­rauchen (adjustierte Odds Ratio 1,91; 1,29 bis 2,83), das Rauchen von Wasserpfeifen (adjustierte Odds Ratio 1,82; 1,30 bis 2,54), Besuch von Pubs oder Clubs (adjustierte Odds Ratio 1,54; 1,28 bis 1,86) und Zungenküsse (adjustierte Odds Ratio 1,65; 1,33 bis 2,05). Immerhin gab es keinen Anlass, an der Sicherheit der Impfung zu zweifeln. © rme/aerzteblatt.de

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