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Politik

Ärztemangel könnte zu Substitution hausärztlicher Leistungen führen

Freitag, 31. Januar 2020

Lothar Riebsamen (CDU) /dpa-report

Berlin – Im hausärztlichen Bereich werde man bei der Versorgung chronisch Kranker künf­tig darauf angewiesen sein, dass Pflegekräfte ärztliche Aufgaben sowohl im Rahmen von Delegation als auch im Rahmen von Substitution übernehmen.

Das meinte der Be­richterstatter der Unionsfraktion im Bundestag für den Bereich „Kran­ken­haus“, Lothar Riebsamen, vorgestern auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) in Berlin. Diese Pflegekräfte müssten zuvor aber in ihrer Ausbildung für diese Aufgaben geschult werden, zum Beispiel im Rahmen einer akademi­schen Ausbildung.

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Der Mangel an Fachkräften im Gesundheitswesen werde darüber hinaus auch den Struk­turwandel im stationären Bereich befördern, so Riebsamen weiter. Allein aufgrund des Pflegemangels werde es künftig zu einer weiteren Strukturbereinigung kommen.

Ein solcher Abbau von Kran­ken­haus­struk­tu­ren sei dabei auch deshalb nicht falsch, weil die absolute Zahl an Pflegekräften in Deutschland im internationalen Vergleich hoch sei.

Risiko der Arbeitsverdichtung im ärztlichen Bereich

Seit Anfang dieses Jahres sind die Pflegepersonalkosten nicht mehr in die Fallpauschalen integriert. Dies hatte der Gesetzgeber im Jahr 2018 im Pflegepersonal-Stärkungsgesetz festgelegt.

Aus Sicht von Riebsamen kann dies die Arbeitsverdichtung für die Ärzteschaft erhöhen. Bislang seien die in den diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG) enthaltenen Mittel für die Pflege von den Krankenhäusern auch verwendet worden, um die nicht ausreichenden Investitionsmittel der Bundesländer zu kompensieren, so der CDU-Politiker. Dies sei nun nicht mehr möglich.

„Die Investitionen müssen aber weiterhin getätigt werden“, sagte Riebsamen. „Es besteht das Risiko, dass nun aus anderen Bereichen Mittel generiert werden und dass der Druck dort dann noch höher wird, als er es bisher schon ist.“ Zu diesen Bereichen zählten insbe­sondere die Arztkosten.

Riebsamen warf den Ländern nicht vor, dass sie die Investitionskosten für die Kranken­häuser nicht zu 100 Prozent erbringen: „Sie tun dies nicht, weil sie nicht wollen, sondern, weil sie nicht können.“ Deshalb bedürfe es einer neuen Art der Investitionskostenfinan­zie­rung.

Riebsamen sprach sich für eine „Mischfinanzierung“ aus, bei der 50 Prozent von den Bun­desländern kommt und die anderen 50 Prozent über die Landesbasisfallwerte finanziert wird. Während es für eine solche Idee noch vor Jahren keine Mehrheit gegeben habe, „spüre ich hier zurzeit zunehmend Bewegung“.

Kritik an Selbstkostendeckung

Mit dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz wurde auch eingeführt, dass die Krankenkassen jede Pflegekraft am Bett voll finanzieren müssen. „Ich war kein Befürworter dieser Rege­lung“, sagte Riebsamen.

Denn „bei einer Selbstkostendeckung würde ich als Geschäftsführer eines Krankenhauses auf die Idee kommen, möglichst viel in die Pflege hineinzurechnen und mir keine Gedan­ken mehr darüber zu machen, wie ich mit weniger Pflegekräften auskommen könnte“.

Die Themen Effizienz und Produktivität seien nun nicht mehr von Bedeutung. Zudem führe das Selbstkostendeckungsprinzip dazu, dass die Krankenhäuser Pflegekräfte aus der Altenpflege oder dem Reha-Bereich „absaugen“. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #812453
F. Dahm
am Montag, 3. Februar 2020, 19:00

"Effizienz und Produktivität seien nun nicht mehr von Bedeutung" – Völlig falsch!

"[…] Denn 'bei einer Selbstkostendeckung würde ich als Geschäftsführer eines Krankenhauses auf die Idee kommen, möglichst viel in die Pflege hineinzurechnen und mir keine Gedan­ken mehr darüber zu machen, wie ich mit weniger Pflegekräften auskommen könnte'. Die Themen Effizienz und Produktivität seien nun nicht mehr von Bedeutung. […]"

Selten einen derartigen Unsinn gelesen.

1) Es herrscht – man möchte es nicht glauben, dass ausgerechnet Hr. Riebsamen nicht selbst darauf kommt – Pflegepersonalmangel. Selbst wenn die Kassen den Häusern zu jeder voll refinanzierten Pflegekraft noch einen Porsche gratis drauflegten: Es gibt schlicht kein Personal, das man unwirtschaftlich verschleudern könnte. Immer mehr Stationen und Funktionsbereiche kämpfen personell um das nackte Überleben. Und die Dramatik der aktuell bekannten Zahlen garantiert, dass niemand von uns Mitlesenden die Lösung dieses Problems noch selbst erleben wird.

2) Die Pflege kämpft mit allen Mitteln dafür, dass endlich rechtlich klar geregelt wird, was Pflege ist – und was nicht. Die ersten Vorbehaltstätigkeiten sind bereits Gesetz geworden, weitere werden absehbar folgen. Wenn es möglich war, die ärztliche Tätigkeit bis zum letzten Federstrich durchzudeklinieren, warum soll dies dann nicht auch für den Pflegeberuf möglich sein? Und die Akademisierung ist hier Öl auf's berufspolitische Feuer. Da sind wir wieder beim Ausgangspunkt: Es herrscht Pflegemangel. Kein Geschäftsführer kann es sich noch leisten, Reinigungs- und Servicetätigkeiten oder Sekretariatsstellen in die Pflegebudgets zu mogeln. Dem schieben vielerorts die Personalvertretungen inzwischen einen Riegel vor, teils mit entsprechenden handfesten Tarifverträgen, und der Gesetzgeber wird diesen Weg zwangsläufig mitgehen, um eine Kostenexplosion durch genau die befürchtete Trickserei zu verhindern.

3) Wir sprechen hier bei den Kostenträgern von den Krankenkassen. Jenen Kassen, die jede Taxifahrt, jede Hilfsmittelverordnung dreimal hinterfragen. Sollten Häuser tatsächlich versuchen, pflegefremde Leistungen über die Selbstkostendeckung der Pflege abzurechnen, dann stehen ihnen Regressforderungen ins Haus, die den bisherigen Querelen um die Fallabrechnungen in nichts nachstehen.
Avatar #812392
Thomas Müller Coburg
am Montag, 3. Februar 2020, 13:39

Kausales Denken gefordert

Die Misere im deutschen Gesundheitswesen hat viele Ursachen:
Bereits vor 50 Jahren war absehbar, dass durch die demoskopische Entwicklung grundlegender Handlungsbedarf besteht. Die Politik hat allerdings in all diesen Jahren den Kopf sehr erfolgreich "in den Sand gesteckt".
Die zu erwartende Misere wurde durch die Einführung von Fallpauschalen drastisch beschleunigt. Durch die Fallpauschalen erzielten die Krankenhäuser ihre Kostendeckung u.A. durch Kürzungen im Pflegebereich. In den letzten Jahren wurden im Pflegebereich ca. 50.000 Stellen eingespart, die ärztlichen Stellen dagegen erhöht. Pflege wird - wie auch in diesem Beitrag wieder ersichtlich - in erster Linie als Kostenfaktor gesehen. Ein Krankenhaus ohne Ärzte geht nicht - ohne Pflege aber ganz sicher auch nicht. Prinzipiell halte ich das Fallpauschalensystem als verfehlt - Krankenhäuser sind nur bedingt als Wirtschaftsbetrieb zu führen. Trotz aller Kostendämpfungsbemühungen in den letzten Jahren steigen die Ausgaben für "Gesundheit" kontinuierlich.
Bevor wir an den Symptomen herum therapieren, sollten wir uns gründlich über die Ursachen Gedanken machen. Kurzfristige Lösungsansätze sind natürlich notwendig, sollten aber parallel mit kurativen Maßnahmen gekoppelt werden.
In erster Linie sollte das Fallpauschalen-System überdacht werden. Zum anderen wurde z.B. im Pflegebereich versäumt, mit der eingeführten Generalistik gleichzeitig die Professionalisierung der Pflegeberufe zu etablieren: wie fast in allen EU-Ländern weg vom Ausbildungsberuf hin zu einer Hochschulreife, wie z.B. mit Bachelor oder Master. Das würde in der Gesellschaft den Pflegeberuf wesentlich attraktiver machen. Aktuell sind in der Pflege nicht in erster Linie die Vergütung, sondern besonders die untragbaren Arbeitsbedingungen das Handikap.
Wie das Image der Pflege in Deutschland eingeschätzt wird, ist deutlich zwischen den Zeilen des obigen Artikels zu lesen!
Avatar #722321
Hennighausen
am Samstag, 1. Februar 2020, 18:38

Vergleich nicht möglich

Die Aussage, dass wir in Deutschland mit der Anzahl unserer Pflegekräfte im Vergleich zum Ausland zu hoch liegen, ist von der Sache her nicht zu halten, da in Deutschland Pflegekräfte auch Arbeiten machen, die in anderen Ländern u. U. von anderen Berufsgruppen oder Angehörigen übernommen werden, z. B. Essen eingeben.
Avatar #32268
maibaum
am Samstag, 1. Februar 2020, 12:39

Faszinierend

Da weiß also ein 62jähriger CDU Politiker und Betriebswirt als Berichterstatter für den Bereich "Krankenhaus" wenn er vor Medizintechnologen redet, wie es bei Hausärzten in Zukunft aussehen wird?
Avatar #88767
fjmvw
am Samstag, 1. Februar 2020, 12:35

Das ist eine interessante Entwicklung

Pflege wird künftig besser bezahlt. Gleichzeitig nimmt die Belastung der Ärzte auf Grund von Sekundäreffekten weiter zu. In der Konsequenz wird es weniger Ärzte geben - was wiederum dazu führt, dass Pflegekräfte mehr ärztliche Arbeit übernehmen müssen.

Zwischenbilanz:
1. Es werden auf Grund der Reform weniger Ärzte in den Krankenhäusern arbeiten, dafür aber mehr Pflegekräfte (weil die künftig nicht mehr budgetiert bezahlt werden).
2. Die Pflegekräfte müssen besser ausgebildet werden, weil sie ja Aufgaben von Ärzten übernehmen müssen.
3. Besser ausgebildete Pflegekräfte, z. B. mit Studium, kosten noch mehr Geld.
4. Unterm Strich hat man weniger Ärzte, mehr Pflegekräfte und deutlich gestiegene Kosten. Das Versorgungsniveau fällt.

Das Ausgangsproblem vieler Krankenhäuser, nicht ausreichend finanziert zu sein, weder bei Investitionen noch für den laufenden Betrieb, und deswegen das Personal zu überlasten, was zu burn-out u. ä. führt, ist mit der Ausgliederung der Pflegekosten aus dem DRG-Systenm nicht behoben worden. Die Kassen wollten Leistungen nicht angemessen bezahlen, was die Kliniken in die roten Zahlen trieb. Jetzt steigen die Ausgaben der Kassen trotzdem, aber dafür erhalten die Patienten kompensatorisch eine schlechtere ärztliche Versorgung.

Das war der stationäre Sektor. Im ambulanten Bereich gibt es zu wenig Landärzte, also muss auch da substituiert werden. Je weniger Ärzte, desto mehr muss substituiert werden und desto besser müssen die Substituierenden ausgebildet werden. Bessere Ausbildung, das steht für Akademisierung. Akademiker verdienen mehr Geld als Lehrberufe, also steigen die Personalkosten in den Praxen.

Habe ich die Stelle verpasst, wo jemand sagte „wir müssen den ambulanten Sektor deutlich besser bezahlen, weil höhere Personalkosten ohne Refinanzierung den Ärztemangel noch weiter verschärfen wird“? Am Ende noch einen Hausarzt zu haben, der 15 akademisierte MitarbeiterInnen zu managen hat führt zu was? Dazu, dass der Arzt nicht mehr Patienten behandelt sondern sein Personal managt.

Weil darunter die Versorgungsqualität leiden würde, müssen kompensatorisch die Qualifikationen der „akademisierten MitarbeierInnen“ weiter angehoben werden. Am Ende des Prozesses habe ich ein Niveau knapp unter „Arzt“ erreicht. Wer knapp unter Arzt qualifiziert ist, will auch „knapp unter Arzt“ verdienen. Derjenige, der am besten für die Arbeit am Patienten qualifiziert ist, der Arzt, wird ins Management gedrängt um diejenigen, die den Job nicht ganz so gut können, zu substituieren.

Das wird deutlich teurer und deutlich schlechter werden.

Gelegentlich würde es helfen erst über etwas nachzudenken, bevor man sich öffentlich äußert. Das gilt nicht nur, in diesem Falle aber ganz besonders, für Politiker.
Avatar #797298
Medicharlotte
am Freitag, 31. Januar 2020, 20:43

Delegation und Substitution im ambulanten Bereich

Die Substitution durch Pflegefachkräfte regelt bereits seit mehr als 10 Jahren der Paragraph 63, Absatz (3b) im SGB V: „Modellvorhaben nach Absatz 1 können vorsehen, dass Angehörige der im Pflegeberufegesetz, im Krankenpflegegesetz und im Altenpflegegesetz geregelten Berufe

1.
die Verordnung von Verbandsmitteln und Pflegehilfsmitteln sowie

2.
die inhaltliche Ausgestaltung der häuslichen Krankenpflege einschließlich deren Dauer
vornehmen, soweit diese auf Grund ihrer Ausbildung qualifiziert sind und es sich bei der Tätigkeit nicht um selbständige Ausübung von Heilkunde handelt.“
Und jetzt starten die ersten Wundzentren mit einem Pflegedienst eine eigenständige Behandlung inklusive Verordnung der benötigten Verbandstoffe. Abschreckend war bisher nur die Tatsache, dass man für die eigenständige Verordnung von teuren Verbandstoffen ggf. in Regress genommen werden könnte (wie wir Ärzte) und unklar, wie die Abrechnung der Verbandstoffe über die Apothekenrechenzentren und die der Leistung am Patienten durch die Krankenkassen erfolgen soll.
Der Trend ist angesichts der Überlastung der Hausärzte*innen und des Desinteresses an der Versorgung chronischer Wunden auch nicht mehr aufzuhalten. Viele von uns haben sich sehr schwer getan zu delegieren und nun wird substituiert - wen wundert‘ s?
LNS

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