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Medizin

Neurologische Erkrankungen erhöhen Suizidrisiko

Donnerstag, 6. Februar 2020

/hikrcn, stock.adobe.com

Kopenhagen – Suizide wurden bisher vor allem mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; 323: 444-454) zeigt jedoch, dass auch viele neurologische Er­krank­ungen mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergehen.

Neurologische und psychiatrische Erkrankungen werden in der Medizin klar voneinander getrennt. Bei der 1. Gruppe betrifft die Schädigung die „Hardware“ und im 2. Fall die „Software“ des Gehirns. Doch ebenso wie ein Computer mit defekter „Hardware“ häufig nicht mehr in der Lage ist, die „Software“ zu bedienen, kommt es auch bei vielen neurolo­gischen Erkrankungen zu psychischen Begleiterscheinungen.

Zu den möglichen Folgen gehört ein erhöhtes Suizidrisiko, das für viele psychiatrische Erkrankungen gut dokumentiert ist. Ein Team um Annette Erlangsen vom Dänischen Forschungsinstitut für die Vorbeugung von Suiziden (DRISP) hat jetzt untersucht, ob auch Patienten mit neurologischen Erkrankungen betroffen sind.

Die Forscher haben die Daten von 7,3 Millionen Dänen untersucht, die im Zeitraum von 1980 bis 2016 über 15 Jahre alt waren. Darunter waren 1,2 Millionen Patienten, die wenigstens einmal wegen einer neurologischen Erkrankung im Krankenhaus behandelt worden waren.

Von den Dänen mit neurologischer Erkrankung nahmen sich 5.511 das Leben (Inzidenz­rate 44,0 pro 100.000 Personenjahre). Bei den Dänen ohne neurologische Erkrankung gab es 29.972 Suizide (Inzidenzrate 20,1 pro 100.000 Personenjahre). Erlangsen ermittelt eine adjustierte relative Inzidenzrate (IRR) von 1,8, die mit einem 95-%-Konfidenz­intervall von 1,7 bis 1,8 signifikant war.

Das höchste Risiko bestand in den ersten 3 Monaten nach der Diagnose (IRR 3,1). Nach 10 Jahren sank die IRR auf 1,5. Erlangsen vermutet, dass der Schock der Diagnose und die Erfahrung der funktionellen Einbußen ein möglicher Auslöser der Suizide sind.

Das höchste Risiko hatten Patienten mit Huntington-Krankheit (IRR 4,9) und Amyotropher Lateralsklerose (IRR 4,9). Auch ein Guillain-Barré-Syndrom (IRR 2,2), eine Multiple Skle­rose (IRR 2,2) und neuromuskuläre Erkrankungen (IRR 1,9) können die Psyche offenbar so stark belasten, dass die Patienten den Freitod wählen.

Für Enzephalitis, Polyneuropathie und andere periphere Neuropathien, Morbus Parkinson, Epilepsien und Kopfverletzungen ermittelt Erlangsen ein IRR von 1,7. Bei ZNS-Infektio­nen und Meningitis betrug sie 1,6.

Bei Myasthenia gravis, bei der chronisch inflamma­torischen demyelinisierenden Poly­neuro­pathie (CIDP) und nach intrazerebralen Blutungen betrug die IRR jeweils 1,4. Nach Hirninfarkten, Subarachnoidalblutungen und Schlaganfällen war das Suizidrisiko mit einer IRR von 1,3 ebenfalls leicht erhöht.

Menschen mit Demenz (IRR 0,8), Morbus Alzheimer (IRR 0,2) und Intelligenzstörungen (IRR 0,6) nehmen sich seltener das Leben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Bei Men­schen mit Demenzen war das Suizidrisiko jedoch in den ersten 3 Monaten nach der Diag­nose deutlich erhöht (IRR 3,0), später lag es dann deutlich unter dem Bevölkerungsdurch­schnitt.

Dänemark hat in den letzten Jahrzehnten die Suizidrate in der Bevölkerung erfolgreich gesenkt. Die Inzidenz sank von 40,4 pro 100.000 Personenjahre im Jahr 1980 auf 10,9 pro 100.000 Personenjahre im Jahr 2016. Davon haben offenbar auch Menschen mit neurolo­gischen Erkrankungen profitiert. Die Suizidrate ging in dieser Personengruppe im gleichen Zeitraum von 78,6 auf 27,3 pro 100.000 Personenjahre zurück. © rme/aerzteblatt.de

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