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Politik

Intensivmediziner rufen Spahn zu Korrekturen bei integrierten Notfallzentren auf

Montag, 10. Februar 2020

/dpa

Berlin – Der Marburger Bund (MB) und sechs Fachgesellschaften haben heute ihre Kritik an den von der Politik vorgesehenen integrierten Notfallzentren (INZ) an Krankenhäusern er­neu­ert. Sie hal­ten es unter anderem für falsch, den Vertragsärzten die fachliche Leitung der INZ zu übertra­gen.

Der Gesetzgeber plant, dass nach einer Reform der Notfallversorgung die INZ von Kran­kenhäusern und KVen gemeinsam betrieben werden. Fachlich geleitet werden sollen die­se von den Vertragsärzten. Über die Zahl und die Standorte der INZ, die rund um die Uhr erreich­bar sein müssen, sollen die erweiterten Landesausschüsse entscheiden, in denen Ärzte, Krankenkassen und Krankenhäuser vertreten sind.

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Der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) werde eine Führungsrolle in den INZ zu­ge­sprochen, die sie „weder personell noch inhaltlich und schon gar nicht im Sinne der 24/7 Verfügbarkeit leisten“ könne, schreiben MB und Fachgesellschaften in einem Brief an Bun­desgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Das Schreiben liegt dem Deutschen Ärzteblatt vor. Unterschrieben ist es neben dem MB von der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin (DGIIN), der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI), der Deutschen interdiszipli­nä­ren Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Die Fachgesellschaften und die Ärztegewerkschaft mahnen an, dass die medizinisch fachli­che Leitung des INZ zusammen mit dem Krankenhaus bevorzugt durch qualifizierte Fach­ärzte mit der Zusatzweiterbildung Klinische Akut- und Notfallmedizin übernommen wer­den müsse.

Sie regen auch an, das im Referentenentwurf aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) angesprochene standardisierte Ersteinschätzungskonzept im INZ wissenschaftlich zu evaluieren. Eine flächendeckende qualitative Evaluation der Notfallversorgung sei „unbedingt anzustreben“, heißt es in dem Brief.

Kein Verständnis für Kürzungspläne

Auf wenig Verständnis stößt die Regelung, dass Krankenhäuser, die künftig kein INZ ha­ben, aber dennoch eine Akutversorgung leisten, diese nicht in voller Höhe bezahlt be­kommen sollen. Es bestehe eine „gesetzliche ärztliche Hilfeleistungspflicht“, schreiben MB und die sechs Fachgesellschaften. Krankenhäuser ohne INZ, die eine Akutversorgung vornähmen, dürften nicht mit einem 50-prozentigen Leistungsabschlag „bestraft“ werden.

In Bezug auf die bundeseinheitlichen und objektivierbaren Definitionen und Vorgaben zu den INZ, die vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) erarbeitet werden sollen, bieten MB und die Fachgesellschaften ihre Expertise an. Die Vorgaben seien „insbesondere des­we­gen von entscheidender Bedeutung, als diese Definitionen und Vorgaben die Grund­la­ge für die Entscheidung der erweiterten Landesausschüsse darstellen, an welchen Kran­kenhäusern ein INZ errichtet wird“.

Bei den Vorgaben des G-BA und den Entscheidungen der erweiterten Landesausschüsse müssten überdies die inzwischen entwickelten und umgesetzten regionalen Konzepte zur gemeinsamen Notfallversorgung berücksichtigt werden. Auch sei die Zusammensetzung der erweiterten Landesausschüsse zu überdenken.

Die per Heilberufe und Kammergesetz für die Notfallversorgung zuständigen Landes­ärz­te­kammern sollten beteiligt werden. Am Ende müssen die Entscheidungen zur Auswahl der INZ-Standorte „objektiv und gut nachvollziehbar sowie bundesweit vergleichbar sein“.

DKG sieht Vorhaben kritisch

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kritisierte heute in einer Stellung­nah­me zum Referentenentwurf die geplante Ausgestaltung der INZ. Dieser „Kernbereich der Reform der Notfallversorgung“ sei aus Sicht der Krankenhäuser inakzeptabel, heißt es dort.

So dünne die vorgeschlagene Begrenzung der ambulanten Notfallversorgung auf INZ an ausgewählten Krankenhäusern die medizinische Versorgung deutlich aus. Außerdem leh­nen die Krankenhäuser es ab, dass die fachliche Leitung der INZ künftig bei den Vertrags­ärzten liegen soll. Der „Betrieb-im-Betrieb“ schaffe darüber hinaus neue Schnittstellen und keine erkennbaren Verbesserungen für die Versorgung der Patienten.

Ähnlich wie die Notfallmediziner hält auch die DKG die Vorgabe für „völlig abwegig“, dass Krankenhäuser ohne INZ, die notfallmedizinische Leistungen erbringen, nur die Hälfte der Vergütung erhalten sollen. Die Krankenhäuser könnten Patienten nicht einfach weg­schicken. Das ließen die gesetzlichen Regelungen nicht zu. Außerdem beklagt die DKG, dass Bundesländer und Krankenhäuser zu wenig Einfluss auf die Planung und Ansiedlung von INZ haben.

Die DKG betont jedoch in ihrer Stellungnahme, dass sie alle Maßnahmen begrüße, die durch eine gezielte Patientensteuerung im Vorfeld der Behandlung zu einer Entlastung der Notaufnahmen der Krankenhäuser führten. Sie unterstütze deshalb die Absicht des Gesetzgebers, die Patientensteuerung durch eine verbesserte telefonische Beratung und eine Zusammenführung der Rufnummern 112 für den Rettungsdienst und 116117 für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst zu verbessern. © may/HK/aerzteblatt.de

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Avatar #743234
DJKF
am Sonntag, 16. Februar 2020, 13:40

arme Patienten

Es wird eine dauerhafte Debatte geführt, wer denn das größte Stück vom Kuchen haben darf, ein niedergelassener Kollege oder eine Klinik, und es dürfen ja nicht zu viele Kliniken beteiligt werden.
An den Patienten wird dabei nicht gedacht. Ich bin selbst Notfallmediziner. Der KV-Bereitsschaftsdienst ist meiner Meinung nach vollkommen überflüssig. Wenn man Glück hat, und das ist selten, hat man einen notfallmedizinisch kompetenten Kollegen bis um 22:00, der einzelne Patienten anschaut. Wenn man Pech hat, und das ist häufig, sitzt ein Dermatologe oder HNO-Arzt im Dienst, schreibt fein säuberlich eine Einweisung für jeden Patienten der kommt oder wenn man großes Pech hat, übersieht beim Patienten schwere Erkrankuungen. Allein n der letzten Woche habe ich eine Sammlung an Fahrlässigkeiten gesehen, bei der man sich fragt, wie es immernoch Leute geben kann, die unser Gesundheitssystem als gut bezeichnen. Nicht, dass in den deutschen Notaaufnahmen alles gut laufen würde und alle Patienten optimal behandelt würden. Aber es ist zumindest immer ein Internist anwesend, fast immer auch ein Chirurg, es gibt erfahrene Notfallpflege. Nicht einen meist fachfremden, nicht notfallmedizinisch gebildeten und an dem Dienst nicht interessierten Kollegen. Wenn der Kollege Interesse an der Notfallmedizin hätte, wenn er darin gut und weitergebildet wwäre und dort Arbeiten wollte, würde er Notarzt fahren oder in einer Klinik arbeiten und dort die Notfallmedizin aufrecht erhalten. Er hat sicher andere Qualitäten. auch deii dauerhafte Cersorgung nicht notfallmedizinischer Patienten, die Nachsorge, Rehabilitation, Risikooptimierung und Vorsorge sind wichtige Teilgebiete der Medizin und der Kollege mag dort extrem gut sein. Das bedeutet aber nicht, dass er ein guter Notfallmediziner ist.
Allein die Idee, diese Kollegen dazu zu zwingen, die Notfallversorgung zu gewährleisten und sie stattdessen den besser qualifizierten Kollegen im Krankenhaus wegzunehmen scheint irgendwie absurd. Warum nicht die Krankenhäuser auch für ihre Notfallmedizin vergüten und sie damit von dem Zwang, einen Notfallpatienten aufzunehmen, um Leistungen bezahlt zu bekommen, befreien? Mit dem Geldkönnten die Krankenhäuser dann auch ihre Versorgung verbessern und es würde endlich mal der Patient gewinnen. Nur die Macht- und Geltungssucht der kassenärztlichen Vereinigung befriedigen verbessert nicht die Patientenversorgung.
Avatar #88767
fjmvw
am Dienstag, 11. Februar 2020, 11:32

Habt ihr schon mal überlegt was passiert, wenn man das alles umkehren würde?

Statt der KV wären es die Krankenhäuser und statt der Niedergelassenen müssten Krankenhausärzte diese Dienste in den INZ übernehmen. Das hätte folgende Auswirkungen:
1. Alle Niedergelassenen wären froh, diese Dienste los zu sein. Umgekehrt dürften sich die Krankenhausärzte über diese zusätzlichen Dienste "freuen".
2. Die Honorar für die INZ stammen aus dem EBM. Niedergelassene machen mit solchen Honoraren moderate Verluste. Für Krankenhäuser wäre es dagegen ein Fass ohne Boden.
3. Wenn die KVen die INZ betreiben, dann zählen die INZ unzweideutig zur "ambulanten Versorgung". Denn nur für die haben die KVen den Sicherstellungsauftrag. Also wird auch die Finanzierung aus der von den Kassen mit befreiender Wirkung gezahlten Gesamtvergütung kommen.
Wären die Krankenhäuser die Betreiber, übernehmen sie einen Teil der ambulante Versorgung. Also wollen sie dafür auch den ihnen zustehenden Anteil an der Gesamtvergütung.
Ärzten steht nur ein angemessener Anteil an der Gesamtvergütung zu. Krankenhäuser müssen / wollen / werden extrabudgetär honoriert werden, da sie andernfalls pleite gehen.
4. Damit wird die Gesamtvergütung über INZ-Vorwegabzüge noch viel schneller geleert als heute schon.
5. Die Niederlassung wird damit auf Grund desaströser wirtschaftlicher Aussichten noch unattraktiver als bisher schon.
6. Der Ärztemangel nimmt zu und kompensatorisch steigt die Nachfrage nach Einrichtungen wie INZ.
7. Jeder Anstieg an INZ führt zu noch niedrigeren Honoraren bei den Niedergelassenen. ==> Es dauert nicht lange, bis der ambulante Sektor aufgibt.
8. Dann haben wir nur noch Krankenhäuser und INZ, bei denen die Leistungen ein Vielfaches teurer als bei Niedergelassenen sind.

Ich bin dafür, den Krankenhäusern die INZ zu geben.
;-)
Avatar #38398
weisser
am Montag, 10. Februar 2020, 21:31

Dr. med. > Pädiater

Nach Jahrzehnten klinisch und ermächtigt tätig, fand es ich eine Segen, dass endlich Notfallzentren der Kliniken und der KVen "unter einem Dach" - ja, physisch - zusammenfinden. Wer nun "der Hahn auf dem Mist" sein soll, erscheint mir eine bürokratische / ökonomische aber nicht fachliche Diskussion zu sein.
LNS

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