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Medizin

Meta-Analyse: Migräne-Prophylaxe bei Kindern ohne belegte Wirksamkeit

Dienstag, 11. Februar 2020

/tonda55, stock.adobe.com

Boston – Obwohl die Migräne zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen gehört und Experten den betroffenen Patienten zu einer medikamentösen Prophylaxe raten, ist deren Wirksamkeit umstritten. Dies könnte laut den Ergebnissen einer Netzwerkanalyse in JAMA Pediatrics (2020; doi: doi:10.1001/jamapediatrics.2019.5856) auch an einer ungewöhnlich starken Placebowirkung bei jüngeren Patienten liegen.

Bei der Behandlung der Migräne wird zwischen einer Therapie der Migräneattacken und einer Prophylaxe unterschieden. Für die Behandlung von Migräneattacken empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure oder Paracetamol. Bei unzureichendem Ansprechen auf Analgetika können – ab dem 12. Lebensjahr – auch Triptane eingesetzt werden. Auffällig in den Studien zur Akuttherapie mit Triptanen bei Jugendlichen war eine starke Placebowirkung.

Diese trat auch in Studien zur Migräneprophylaxe auf, die in den letzten Jahren bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurden. Ein Team um Joe Kossowsky vom Boston Children’s Hospital hat die Ergebnisse jetzt in einer Netzwerk-Analyse zusammengefasst. Diese Variante der Meta-Analyse versucht, die Wirksamkeit der einzelnen Substanzen miteinander zu vergleichen. Im besten Fall ergibt sich eine Rangliste der Medikamente.

Die jetzt vorgestellten Ergebnisse basieren auf 23 Studien aus dem Zeitraum zwischen 1967 und 2018 mit über 2.217 Patienten. Davon erhielt rund 1/4 ein Placebo, während die anderen mit Antiepileptika, Antidepressiva, Kalziumantagonisten, Blutdrucksenkern oder Nahrungsergänzungsmitteln behandelt wurden.

Kossowsky gibt die Wirksamkeit als standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD) an. Dies ist zwar wenig anschaulich, aber notwendig, weil die Wirkung in den einzelnen Studien mit unterschiedlichen Methoden bestimmt wurden. Die besten Ergebnisse erzielten Flunarizin und Pregabalin mit einer SMD von 0,93 und 0,81.

Die Ergebnisse beruhen jedoch jeweils nur auf einer einzigen Studie mit wenigen Patienten, und die Ergebnisse waren statistisch nicht signifikant. Einzig für die beiden folgenden Substanzen auf der Rangliste, Propanolol und Topiramat, ermittelt Kossowsky signifikante Vorteile.

Für Propanolol betrug die SMD 0,60 (95-%-Konfidenzintervall 0,03 bis 1,17) und für Topiramat 0,59 (0,03 bis 1,15). Allerdings sind auch hier die Vorteile zweifelhaft, da in einer weiteren statistischen Auswertung die 95-%-Vorhersageintervalle die 0-Grenze über­schritten. Das Vorhersageintervall („prediction interval“) berücksichtigt die Varianten der Wirksamkeit in den einzelnen Studien. Bei großen Unterschiede steigt die Unsicherheit, dass bei künftigen Patienten tatsächlich die erhoffte Wirksamkeit erzielt wird.

Die Ergebnisse der Netzwerk-Analyse bestätigen laut Kossowsky die Ergebnisse des „Childhood and Adolescent Migraine Prevention Trial“ (CHAMP), in dem Placebos überraschenderweise eine gleich gute Wirkung erzielten wie Amitriptylin und Topiramat. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 11. Februar 2020, 22:03

Genau anders herum

Eltern aus niedrigen sozialen Schichten haben meist nicht die angelesenen Vorbehalte gegen die pharmakologische Behandlung, die ebenso wie die Angt vor dem Stigma "ADHS" in der mittleren und gehobenen Schicht verbreitet sind.
LNS

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