NewsPolitikInitiative diskutiert über Akzeptanz und Nutzen der Digitalisierung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Initiative diskutiert über Akzeptanz und Nutzen der Digitalisierung

Freitag, 14. Februar 2020

/chombosan, stock.adobe.com

Berlin – Damit die elektronische Patientenakte (ePA) als Aushängeschild der Digitali­sie­rung im Gesundheitswesen ein Erfolg wird, muss sowohl für Patienten, Ärzte als auch Forschende zügig ein Nutzen geschaffen werden. Darin waren sich die Redner und Disku­tanten beim gestrigen politischen Abend der Medizininformatik Initiative (MII) einig.

„Wenn Deutschland als Forschungs- und Entwicklungsstandort eine gute Rolle spielen soll, wenn Patientinnen und Patienten nicht nur durch ein Weniger an Bürokratie, son­dern vor allem durch ein Mehr an Gesundheit von der Digitalisierung profitieren sollen, dann muss die elektronische Patientenakte forschungsoffen gestaltet sein“, sagte Chris­tian Luft, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Anzeige

Allein sein Ministerium werde bis 2021 rund 160 Millionen Euro in die Medizininforma­tik-Ini­tiative investieren. Mit dem Geld sollen die vier beteiligten Konsortien Dateninte­gra­­tions­­zentren aufbauen um Routinedaten aus der Krankenversorgung für die medizi­ni­sche Forschung nutzbar zu machen. In den Konsortien sind alle Universitätsklinika Deutsch­lands sowie andere Forschungseinrichtungen und Industriepartner organisiert.

Dies sei eine große Herausforderung, betonte Esti Shelly, Leiterin der Digitalisierungs-Abteilung des Israelischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums, die eine ähnliche Struktur bereits in Israel aufgebaut hat. Sie stellte vor, wie in Israel mittels einer Kombination staatlicher und privater Gelder und unter Mitwirkung von Krankenkassen und Krankenhäusern 23 Digital-Health-Hubs und 54 Pilotprojekte gestartet wurden.

Mit Blick in die Zukunft sagte sie, angelehnt an ein Zitat von Bill Gates, dass die Erwar­tungen für die Veränderungen der nächsten zwei Jahre überschätzt, und die Entwick­lun­gen der nächsten zehn Jahre unterschätzt würden.

„Gute zukünftige Forschungsergebnisse allein sind aber kein ausreichender Anreiz für große Veränderungen“, erklärte Shelly in ihrem Vortrag. Bei jedem Schritt der systemi­schen und klinischen Transformation müsse es klar erkennbare Vorteile geben, sowohl für den individuellen Patienten als auch für die Mitarbeiter der Gesundheitsberufe. „Regie­rungsstrategie und –handeln müssen sich ständig neu der wandelnden Realität an­passen“, betonte sie.

Die Israelin erläuterte darüber hinaus den Unterschied zwischen primärem und sekun­därem Nutzen bei der Analyse von Gesundheitsdaten. Primär kämen die Auswertungen dem Patienten selbst zugute, indem die eigenen Daten zur Verbesserung der Behandlung genutzt würden. Der sekundäre Zweck sei die aus der Forschung hervorgehenden Er­kennt­nisse für die gesamte Gesellschaft.

Von den hohen Investitionskosten sollen alle profitieren

Dem pflichtete der Geschäftsführer der Gematik, Markus Leyck Dieken, bei. Er hob hervor, dass alle Neuerungen der kommenden Jahre aufeinander aufbauen müssten und davon letztlich alle profitieren könnten. Mit Blick auf Deutschland stellte er den Fahrplan für die Weiterentwicklungen der ePA bis 2025 vor. Dabei wünschte er sich eine enge Zusammen­arbeit mit der MII.

Er sprach jedoch auch von hohen Investitionskosten, die besonders auf Krankenhäuser zukämen, die nicht an Universitäten angegliedert sind. Alle Häuser müssten anschluss­fähig gemacht werden, betonte er.

Stephan Albani (CDU), Mitglied im Forschungsausschuss des Bundestages, stimmte ihm zu: Große und kleine Krankenhäuser, wie auch die niedergelassenen Ärzte müssten unbe­dingt bei den Entwicklungen der kommenden Jahre mitgenommen werden. Die Ge­schwindigkeit der digitalen Transformation sei abhängig vom individuellen Nutzen der ePA. „Die Patienten werden die Ärzte in die Pflicht nehmen, wenn sie einen Nutzen für sich sehen“, sagte er.

„Zurzeit kommt beim Arzt kein Nutzen an“, erwiderte Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Daher sei es wichtig, nun schnellstmög­lich sinnvolle Anwendungen zu produzieren. Hierfür leiste die MII wichtige Vorarbeit. Die KBV beschäftigt sich aktuell mit der Entwicklung der Medizinischen Informationsobjekte (MIO). Er wünschte sich ähnlich „agile Prozesse“ auch in der Politik.

Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, plä­dierte dafür, die Öffentlichkeit sowie Patientenverbände und die Wirtschaft in die Ent­wicklung der ePA stärker einzubinden. „Beteiligen Sie die Bevölkerung, sonst wird das auf lange Sicht nicht funktionieren“, mahnte sie. Patienten bräuchten ein Gefühl von Sinnhaf­tigkeit der neuen Anwendungen, bekräftigte die Politikerin.

Auch fehle bisher die gesetzliche Grundlage, um Patientendaten an die Forschung weiter­geben zu können. Das Problem seien die 16 unterschiedlichen Datenschutzgesetze der Länder, die einen Austausch der Daten erschweren. Transparente und valide Informatio­nen könnten hier die öffentliche Debatte erleichtern, sagte Klein-Schmeink.

Akzeptanz der Digitalisierung fördern

Hans-Ulrich Prokosch, Professor für Medizininformatik an der Universität Erlangen-Nürn­berg, stellte zudem die Wichtigkeit einer standardisierten Einwilligungserklärung für Pa­tienten heraus. Hierfür war von der MII eine bundesweite Blaupause erarbeitet worden.

Laut einer Forsa-Umfrage seien 80 Prozent der Bevölkerung bereit, ihre Daten für For­schungs­zwecke zu spenden. Allerdings müsse es möglich sein, aus den riesigen Daten­men­gen rechtssicher Rückschlüsse auf den individuellen Patienten zu ziehen, damit die­ser direkt vom primären Nutzen profitiere.

Die Medizininformatik-Initiative baue aktuell zudem eine Forschungsdatenbank auf, über die Forschende auf die Datenintegrationszentren zugreifen können sollen. Als Ergänzung zu anonymisierten Daten bräuchte die Forschung „unbedingt eine Verknüpfbarkeit mit ein­willigungsbasierten Forschungsvorhaben, die pseudonymisierte Daten nutzen“, er­klärte Prokosch, der auch Mitglied des nationalen Steuerungsgremiums der MII ist.

Dass Deutschland bislang bei der Digitalisierung hinterherhinkt, zeigte Thomas Kostera, Experte für Gesundheitssysteme bei der Bertelsmann Stiftung. Diese hatte 2018 in einer internationalen Studie zum Stand der Digitalisierung Deutschland auf den vorletzten Platz verwiesen. Die digitale Aufholjagd habe nun aber begonnen. Jetzt brauche es eine bessere Koordinierung um die Akzeptanz zu fördern, sagte er.

International hätten sich Standardisierungsbehörden als nützlich erwiesen, welche die Kodierungen von Gesundheitsdaten vorgeben. So würden die Daten strukturiert, verein­heitlicht und für die Forschung nutzbar gemacht. „Sonst erzeugen wir nur mehr Daten, aber keine Verbesserung der Versorgung“, meinte er. © jff/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #815700
A. Meier
am Donnerstag, 20. Februar 2020, 14:49

Automatische Datenbereitstellung für die Forschung nach dem Tod?

Die Forschung würde nachhaltig von Daten in elektronischen Patientenakten profitieren, wenn sie in großer Zahl verfügbar wären. Laut der zitierten Forsa-Umfrage sei die Mehrzahl der Deutschen willig, ihre Daten zu spenden. Abzuwarten bleibt, ob der Anteil der tatsächlichen Spenden ebenso hinter der theoretischen Bereitschaft zurückbleibt, wie dies schon beim Organspendeausweis passiert.
Vielleicht wäre ja eine gesetzliche Regelung denkbar, nach dem Tod eines Menschen seine Akte automatisch für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen. Die Ausgestaltung wäre sicher noch intensiv zu diskutieren, aber das Aufwands-Nutzen-Verhältnis für uns alle scheint sehr positiv.
Avatar #109
Claas Hüttenrauch
am Freitag, 14. Februar 2020, 21:18

Ärzteblatt & Civey-Umfragen

Ärzteblatt & Civey fragen in / zu diesem Artikel des DÄ:

„...Wird sich das Leben der Menschen in Deutschland Ihrer Meinung nach durch die Digitalisierung nachhaltig verbessern?...“

Rechnen mit Civey: Neuer Stern am Himmel des Umfrage-Hokuspokus von Michael Klein:
„...Je größer die Abweichung der Ergebnisse auf Basis der Rohdaten von den Ergebnissen, die als repräsentativ bezeichnet werden, ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass repräsentative Ergebnisse vorliegen.
.
Man kann sich das so ungefähr vorstellen wie Darts mit verbundenen Augen zu werfen. Man wirft. Daneben. Ein Beobachter sagt: Weiter links. Man wirft. Daneben. Ein Beobachter sagt, noch weiter links. Man wirft und trifft die fünf. Und diese Fünf wird dann als repräsentativer Wurf verkauft.
.
Es ist und bleibt eben Humbug.
Aber Humbug, der sich rechnet und darüber hinaus nicht Gefahr läuft, an den Tatsachen zu scheitern.
Denn um ein angeblich repräsentatives Umfrageergebnis als Blödsinn bloßstellen zu können, müsste man z.B. eine Vollerhebung durchführen und z.B. alle Deutschen, die mindestens 18 Jahre alt sind, befragen. Derartige Volksbefragungen führt natürlich niemand durch, es geht ja beim Umfrage-Hokuspokus gerade darum, den Status quo zu legitimieren und solche Volksbefragungen zu vermeiden. ..“
https://sciencefiles.org/2020/02/14/rechnen-mit-civey-neuer-stern-am-himmel-des-umfrage-hokuspokus/
Avatar #672734
isnydoc
am Freitag, 14. Februar 2020, 20:42

Föderalismus hinderlich?

Tja, da war doch gerade etwas Unvorhergesehenes in Thüringen, worüber sich alle Welt masslos aufregt ...
"Das Problem seien die 16 unterschiedlichen Datenschutzgesetze der Länder, die einen Austausch der Daten erschweren. Transparente und valide Informatio­nen könnten hier die öffentliche Debatte erleichtern, sagte Klein-Schmeink".
Avatar #88767
fjmvw
am Freitag, 14. Februar 2020, 20:12

Super, dann ist die ePA also ein Flop, Herr Kriedel !

Wer würde für ein Produkt Geld ausgeben, das für ihn keinen Mehrwert hat? Wenn mir etwas keinen Nutzen verschafft, dann werde ich doch den Teufel tun - aber auf keinen Fall Geld dafür ausgeben.

Bei der ePA wollen Ärzte und auch die sogenannten Ärztevertreter, also beispielsweise die KBV, die Ärzte dazu zwingen, Geld und Ressourcen zu investieren, damit die Ärzte die ePA nutzen. Was ist das für ein mieses Spiel, welches hier mit den Ärzten getrieben wird?

An alle Ärztevertreter, die den Ärzten die TI wider besseren Wissens überstülpen wollen:
Ihr seid das Allerletzte!

Oder sieht das jemand anders?
LNS

Nachrichten zum Thema

28. Februar 2020
Berlin – Polen treibt die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit Nachdruck voran. Ein landesweites elektronisches Rezept (E-Rezept), die elektronische Überweisung (E-Überweisung) und ein
E-Rezept entwickelt sich in Polen zum Erfolg
26. Februar 2020
Berlin – Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) wollen mit Mikroimplantaten Nervenzellen gezielt elektrisch stimulieren und damit chronische Leiden wie
Mikroimplantate sollen neue Therapien gegen Volkskrankheiten ermöglichen
25. Februar 2020
Berlin – Die regelmäßige „Befüllung“ der elektronischen Patientenakte (ePA) durch die Ärzte sollte aus Sicht des Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) nicht extra bezahlt werden. Das geht aus einer
AOK-Bundesverband will Ärzte nicht für das Befüllen der elektronischen Patientenakte bezahlen
25. Februar 2020
Durham/North Carolina – Eine für Kinder mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) konzipierte Spiele-App für Tablets hat in einer randomisierten Studie die Aufmerksamkeit und die
ADHS: Tablet-App trainiert (nur) die Aufmerksamkeit
25. Februar 2020
Heidelberg – Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) warnt davor, Gesundheits-Apps ungeprüft zu verwenden. Anwender sollten sich vorab vergewissern, wie sicher und valide die App arbeitet. Das DKFZ
Deutsches Krebsforschungszentrum empfiehlt Checkliste für Gesundheits-Apps
19. Februar 2020
Berlin – Mehrere Ärzteorganisationen kritisieren die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) geplanten Nachweise für Hersteller von digitalen Gesundheitsanwendungen. Die Fachanhörung zur
Ärzte und Kassen bewerten Vorgaben für Apps kritisch
19. Februar 2020
Köln – Wer das Internet nach Krankheitssymptomen durchsucht, steigert damit seine Sorgen über die eigene Gesundheit. Das konnte ein Team um Alexander Gerlach, Professor am Lehrstuhl für Klinische
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER