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Streit um mutmaßliches Clan-Mitglied: Ärzte an MHH räumen Fehler ein

Mittwoch, 19. Februar 2020

/dpa

Hannover – Nach anhaltender Kritik an der Behandlung eines mutmaßlichen Clan-Mit­glieds unter Polizeischutz haben Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erstmals Fehler eingeräumt.

In einem Schreiben an alle Mitarbeiter, das gestern im MHH-Intranet veröffentlicht wur­de, erklärte der Direktor der Klinik für Unfallchirurgie, er habe den Vizepräsidenten der MHH „aus heutiger Sicht“ zu spät über den ganzen Vorgang informiert. Das berichtete zuerst die Hannoversche Allgemeine Zeitung.

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In der Unfallchirurgie werden seit knapp zwei Wochen die Schussverletzungen eines Mannes behandelt, der Mitglied der Mafia in Montenegro sein soll. Der Chef der MHH-Unfallchirurgie erhielt nach eigener Darstellung am 3. Februar per E-Mail eine Anfrage aus einer Klinik in Montenegro, ob er einen Patienten „mit multiplen Schussverlet­zun­gen“ übernehmen könne.

Der Patient sei nach Abklärung von medizinischen Fragen und Kostenfragen am 7. Feb­ruar in die Notaufnahme der MHH eingeliefert worden. Erst zu diesem Zeitpunkt habe der begleitende Arzt darauf hingewiesen, dass die Klinik in Montenegro von einem starken Polizeiaufgebot geschützt worden sei. Daraufhin habe man umgehend die Polizei infor­miert.

Der Patient sei zunächst von zwei Beamten bewacht worden. Als am 10. Februar SEK-Beamten hinzukamen, habe er den Vizepräsidenten der MHH informiert, schreibt der Klinikdirektor.

Die MHH-Spitze informierte am 11. Februar das Wissenschaftsministerium. Wegen der Behandlung des mutmaßlichen Clan-Mitglieds steht die landeseigene MHH in der Kritik. Landespolitiker aller Parteien bemängeln, dass der Steuerzahler für den Polizeieinsatz aufkommen muss.

Patienten und Besucher und Beschäftigte sind irritiert und fragen sich, warum so ein fragwürdiger Patient überhaupt aufgenommen worden war. „Wir haben ihn nicht herge­holt, wir haben ihm keinen roten Teppich ausgerollt“, betonte Niedersachsens Innenmi­nis­ter Boris Pistorius.

Der Polizeieinsatz sei mit dem Bundeskriminalamt abgestimmt und diene vor allem dem Schutz Unbeteiligter wie Mitarbeiter, Patienten und Besucher. „Er ist weder Gefährder noch ist er in Deutschland Straftäter oder gesucht“, sagt der SPD-Politiker.

Der Steuerzahlerbund verlangt, die immensen Kosten für den Polizeieinsatz dem Privat­patienten beziehungsweise seiner „Clan-Familie“ in Rechnung zu stellen, falls dies recht­lich möglich sei. Auch die Ehefrau des 35-Jährigen, die in einem Hotel in der Nähe wohnt, wird dem Vernehmen nach bewacht. Abgeordnete in Hannover verlangen Aufklärung von der rot-schwarzen Landesregierung. Selbst vom Verdacht der Geldwäsche ist die Rede.

Nach Informationen der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung kostet die Behandlung etwa 90.000 Euro. Die Summe sei nach einem Kostenvoranschlag auf ein spezielles Konto der MHH für ausländische Patienten überwiesen worden.

Für zusätzliche Verwirrung sorgte gestern die Erklärung eines hannoverschen Rechtsan­walts, es handele sich um eine Verwechselung. Sein Mandant heiße zwar auch Igor K., sei aber nicht vorbestraft und habe mit der Mafia nichts zu tun, sagte Harald Lemke-Küch. Die Sicherheitsbehörden bleiben jedoch bei ihrer Einschätzung, dass der Patient und das Umfeld geschützt werden müssen.

Selbstzahlende Patienten aus dem Ausland machen nur einen Bruchteil der Behandlungs­fälle in deutschen Kliniken aus. Bei Prominenten oder Politikern wird höchste Diskretion gewahrt. Die Charité in Berlin will sich zu dem Thema nicht äußern. Das LML-Klinikum in München erklärt: „Die Entscheidung, ob ein Patient bei uns behandelt wird oder nicht, hängt von einer Vielzahl von Kriterien ab. Generell ist eine Gefährdung weiterer Patien­ten und Mitarbeiter auszuschließen.“

Nach Auswertung der Forschungsstelle Medizintourismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ließen sich 2017 rund 247.500 Patienten aus 177 Ländern stationär oder am­bulant in Deutschland behandeln und bescherten dem deutschen Gesundheitssystem Einnahmen von etwa 1,2 Milliarden Euro.

Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Laut Juszczak besteht seit mehr als zwölf Jahren ein Arbeitskreis „Internationale Patienten“, in dem sich regelmäßig etwa 30 der größten deutschen Kliniken austauschen. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) nimmt dem Forscher zufolge seit einigen Jahren nicht mehr an den Sitzungen teil. © dpa/aerzteblatt.de

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