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HIV: Migranten infizieren sich häufiger nach der Ankunft in Europa

Montag, 24. Februar 2020

/Siarhei, stock.adobe.com

Stockholm – In einigen europäischen Ländern entfällt mehr als die Hälfte aller HIV-Neuinfektionen auf Migranten, von denen sich viele offenbar erst nach dem Eintreffen in Europa infizieren. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) fordert stärkere Präventionsmaßnahmen in der vulnerablen Gruppe, die in vielen Ländern keinen oder nur einen unzureichenden Zugang zu einer Kranken­ver­sorgung hat.

Nach einer Umfrage, die die ECDC bereits 2018 in der WHO-Region Europa (einschließlich der Türkei, Israel und den zentralasiatischen Mitgliedsstaaten der ehemaligen Sowjetunion) durchgeführt hat, entfielen 19,2 % aller HIV-Neuinfektionen auf Menschen, die außerhalb von Europa geboren sind. Der Anteil dieser Menschen an der Gesamtbevölkerung liegt bei 10,5 %.

Das Infektionsrisiko von Migranten ist also fast doppelt so hoch wie in der einheimischen Bevölkerung. Europaweit gibt es laut dem Report erhebliche Unterschiede. In Schweden, Luxemburg und Irland liegt der Anteil der Migranten unter den Neuinfizierten bei über 70 %. In Polen, Serbien und Lettland (wo es insgesamt wenige Migranten gibt), sind es weniger als 2 %. In Deutschland liegt der Anteil bei 39 %.

Die Herkunft der mit HIV-infizierten Migranten ist unterschiedlich. In den west- und nordeuropäischen Ländern stammen sie häufig aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara, teilweise auch aus Lateinamerika und der Karibik. In den ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes, aber auch in Österreich und Israel sind vor allem Migranten aus Zentral- und Osteuropa mit HIV infiziert.

Nach einer früheren Untersuchung der ECDC infizieren sich 63 % der HIV-positiven Migranten nicht in ihren Heimatland, sondern erst in Europa. Gefährdet sind vor allem Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Diese konnten ihre Sexualität in ihren Heimatländern oft nicht ausleben. Auch intravenöse Drogenkonsumenten unter den Migranten haben sich zumeist erst in Europa infiziert.

Die gesundheitliche Versorgung von HIV-Infizierten in Europa ist oft lückenhaft. Die „90-90-90“-Ziele der Welt­gesund­heits­organi­sation werden häufig nicht erreicht. Sie fordern, dass 90 % der HIV-Infizierten von ihrer Infektion wissen sollten, dass hiervon 90 % behandelt werden sollten und von diesen wiederum 90 % eine ausreichende Virussuppression erreichen sollten.

Das 1. Ziel wird laut dem Report (von 6 Ländern, die hierzu Daten erheben konnten) nur in Großbritannien erreicht. Das 2. Ziel wurde von 10 meldenden Ländern nur in Groß­britannien, Schweden, der Schweiz und Österreich erreicht. Beim 3. Ziel blieb von 10 Staaten nur Österreich unterhalb der 90 %-Marke. Aus Deutschland gab es zu keinem der drei „90-90-90“-Ziele Angaben.

In den meisten Ländern werden die Migranten von Programmen zur HIV-Prävention nicht erreicht. Dies gilt insbesondere für die Präexpositionsprophylaxe (PrEP), die 2018 erst in 9 Ländern verfügbar war, aber vermutlich selten von Migranten in Anspruch genommen wurde. Inzwischen haben 27 Länder PrEP-Programme.

Der Report hat zur Verfügbarkeit der PrEP unter Migranten keine Daten erhoben. Auch HIV-Tests werden in vielen Ländern kaum durchgeführt. Besonders problematisch ist die Situation bei Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung. Diese sind in vielen Ländern von der Gesundheitsversorgung ausgeschlossen, was auch die HIV-Tests und die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten betrifft.

Da eine effektive Behandlung das Übertragungsrisiko senkt, steigt mit der Zahl der unbehandelten Patienten die Gefahr, dass sich das HI-Virus weiter ausbreitet. Einmalige Tests nach der Einwanderung sind nach Einschätzung der ECDC nicht in der Lage, die HIV-Epidemie unter Migranten aufzuhalten. © rme/aerzteblatt.de

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