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Medizin

Rapider Anstieg von Covid-19-Erkran­kungen in Italien

Montag, 24. Februar 2020

/picture alliance, AP Photo

Stockholm – Mit dem Auftreten von mehreren Covid-19-Clustern in Norditalien ohne Bezug auf Reisen nach China ist die Epidemie mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 in Europa in eine dynamische Phase eingetreten.

Die Zahl der Covid-19-Erkrankungen in Norditalien hat in den vergangenen Tagen deut­lich zugenommen. Nach Medienberichten gibt es inzwischen Cluster in Piemont (Turin), Lombardei (Codogno e dintorni, Sesto Cremonese, Pizzighettone, Soresina, Sesto S.G., Pieve Porto Morone), Venetien (V'o Euganeo, Mira) und der Emilia-Romagna.

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Da die Patienten keine positive Reiseanamnese haben und sich meist kein Bezug zu an­de­ren Patienten herstellen lässt, muss sich das Virus in den betroffenen Ortschaften be­reits festgesetzt haben.

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) geht deshalb von einer Zunahme der Erkrankungen in den nächsten Tagen aus. Heute Mittag waren in Italien 219 Ansteckungsfälle nachge­wiesen, 5 Patienten sind be­reits an Covid-19 gestorben.

Außerhalb der Cluster ist das Risiko auf eine Sars-CoV-2-Infektion nach Einschätzung der ECDC gering bis mäßig. Das Risiko, dass es zu weiteren Clustern kommt, sei jedoch mä­ßig bis hoch. Das Risiko für die Gesundheitssysteme wird als gering bis mäßig eingestuft.

Die ECDC hofft, dass eine etwaige Epidemie nicht mit der derzeitigen Grippe-Welle zu­sammenfällt. Diese könnte nach den jüngsten Wochenberichten (7/2020) ihren Höhe­punkt erreicht haben.

Der Anteil der Proben, die bei der Sentinel-Überwachung positiv getestet wurden, nimmt laut ECDC leicht ab. Einige EU/EWR-Länder hätten möglicherweise bereits den Gipfel der Influenza überschritten, so die ECDC.

Sollte der Anstieg der Covid-19-Erkrankungen mit einer hohen Influenzaaktivität zu­sammenfallen, wären die potenziellen Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme nach Einschätzung der ECDC mäßig bis hoch.

Weil Influenza und Covid-19 die gleichen Symptome verursachen, könnte die Zahl der Personen, die getestet werden müsste, deutlich ansteigen. Die Situation würde sich verschärfen, wenn sich eine beträchtliche Anzahl von Beschäftigten im Gesundheits­wesen infizieren würde.

Die Maßnahmen der italienischen Behörden wurden von der EU-Kommission begrüßt. Diese hatten am Wochenende drakonische Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen. 11 Städte im Norden wurden abgeriegelt, 52.000 Menschen stehen praktisch unter Quarantäne. Der Karneval von Venedig wurde vorzeitig abgebrochen.

Im Kampf gegen die Verbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 hat die EU-Kom­mission heute Hilfszahlungen in Höhe von 232 Millionen Euro angekündigt. „Mit mehr als 2.600 Toten gibt es keine andere Option, als sich auf allen Ebenen vorzubereiten“, sagte der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenarcic, heute in Brüssel.

Das neue Hilfspaket solle die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) unterstützen und Län­dern mit schwächerem Gesundheitssystem zur Verfügung stehen. Allein 90 Millionen Euro sollen in die Suche nach einem Impfstoff investiert werden. „Es sollte keinen Zweifel daran geben, dass es sich um eine globale Herausforderung handelt.“

Lenarcic betonte, dass alle Reaktionen auf die durch das Coronavirus ausgelöste Lungen­krankheit Covid-19 auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden sollten. Zudem sollten alle Maßnahmen angemessen und in Absprache mit den anderen EU-Staaten getroffen werden. Zugleich machte er klar, dass etwaige Reiseeinschränkun­gen im eigent­lich kontrollfreien Schengenraum Sache der einzelnen EU-Länder seien.

Spahn hält Pandemie für möglich

Angesichts der Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 im Norden Italiens bereitet sich die Bundesregierung auch auf eine gravierendere Lage in Deutschland vor. „Die Corona-Epidemie ist als Epidemie in Europa angekommen“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) in Berlin. „Deshalb müssen wir damit rechnen, dass sie sich auch in Deutschland ausbreiten kann.“ Die Lage deute darauf hin, dass sich das Virus in Form einer Pandemie ausbreite.

Spahn schloss zusätzliche Schutzmaßnahmen bei einer Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland nicht aus. Beim Auftreten von Infektionen in einer Stadt oder Gemeinde werde entschieden, welche Maßnahmen im öffentlichen Raum notwendig seien, sagte Spahn. „Grundsätzlich lassen sich keine Maßnahmen ausschließen, gleichzei­tig stellt sich immer die Frage der Verhältnismäßigkeit.“

Das Infektionsschutzgesetz sehe verschiedene Möglichkeiten vor, um ein Infektionsge­schehen zu begrenzen. Zwischen der Absage von Großveranstaltungen, der Schließung von Einrichtungen wie Schulen oder Kitas „bis hin zum Abriegeln ganzer Städte“ gebe es zahlreiche Zwischenstufen.

Es müsse „im Einzelfall“ entschieden sowie „angemessen und verhältnismäßig“ vorgegan­gen werden. Obwohl beispielsweise die Masern deutlich ansteckender seien als Corona, würden auch bei Maserninfektionen keine Städte gesperrt, sagte Spahn.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sagte in Berlin, es gehe da­rum „Zeit zu gewinnen“, um neue Erkenntnisse zu dem Erreger umzusetzen und beispiels­weise Therapiemöglichkeiten für Patienten zu finden. „Wir müssen davon ausgehen, dass sich das Virus in Deutschland ausbreitet.“

Untersuchung auf Sars-CoV-2

Bei der routinemäßigen Überwachung von akuten Atemwegserkrankungen in Deutsch­land mit Hilfe von ausgewählten Arztpraxen wird nun auch Augenmerk auf das neuartige Coronavirus gelegt. Wie das RKI bekanntgab, hat die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) eine Untersuchung auf Sars-CoV-2 „in das Spektrum der zu untersuchenden Erreger inte­griert“. Nach RKI-Angaben werden Atemwegsproben von Patienten aus 100 bis 150 Arzt­praxen nun auch dahingehend analysiert.

Bei der ganzjährigen Überwachung durch die AGI geht es unter anderem um den Verlauf und die Stärke der Atemwegserkrankungen sowie um Merkmale der jeweils zirkulieren­den Erreger. Anhand der Stichprobe der teilnehmenden Arztpraxen sollen Trends erkannt werden. Vorrangig geht es dabei um die Grippe, an der jedes Jahr Tausende Menschen in Deutschland erkranken. Getestet wird unter anderem auch auf Rhinoviren.

Treffen in Rom

Morgen findet ein Krisentreffen in Rom statt. Italiens Ge­sund­heits­mi­nis­ter Roberto Spe­ranza habe dazu für den Nachmittag Vertreter mehrerer Länder in die italienische Haupt­stadt eingeladen, sagte Spahn. Auch er werde an dem Treffen teilnehmen. Innerhalb Europas machten „nationale Alleingänge keinen Sinn“, betonte der Minister.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts verwies auf geänderte Reisehinweise für Italien, nach denen man sich vor einem Reiseantritt gegebenenfalls beim italienischen Gesund­heitsministerium unter der Telefonnummer + 39/1500 oder bei der betroffenen Region Lombardei unter 800/894545 informieren solle.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides sagte, die Situation in Italien sei besorgnis­er­­re­gend und zeige, wie wichtig es sei, dass die EU-Staaten vorbereitet sind. Morgen werde eine gemeinsame Mission der WHO und der europäischen Präventionsbehörde ECDC nach Italien reisen.

Starker Anstieg der Todesfälle in China

In China stieg die Zahl der Toten wieder stark an. Die Gesundheitskommission berichtete heute in Peking von weiteren 150 neuen Covid-19-Todesfällen. Der Ständige Ausschuss des Parlaments billigte formell die Verschie­bung der diesjährigen Sitzung des Volkskon­gresses.

Die Zahl der Infizierten stieg bis heute erneut um 409 auf 77.150. Auch viele Ärzte und Pfleger haben sich angesteckt – nach Angaben von Staatsmedien mehr als 3.000. Mit den 150 neuen Todesfällen sind 2592 Tote zu beklagen.

Die überwiegende Zahl der Toten und Infektionen wurden aus der schwer betroffenen Pro­vinz Hubei in Zentralchina gemeldet. Am Wochenende besuchte ein Team der Weltge­sund­heitsorganisation (WHO) mit chinesischen Kollegen die Provinzhauptstadt Wuhan.

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping sprach am Vortag von der „größten Gesundheits­krise“ seit der Staatsgründung 1949. Er rief zu energischen Maßnahmen zur Kontrolle der Epidemie auf. Nachdem das wirtschaftliche Leben in der zweitgrößten Volkswirtschaft stark abgebremst worden oder mancherorts sogar zum Stillstand gekommen ist, rief der Präsident nach Angaben der Staatsmedien auch dazu auf, je nach Einschätzung der Gesundheitsrisiken vor Ort die Arbeit und Produktion langsam wieder aufzunehmen.

In Südkorea, wo sich gerade ein größerer Ausbruch entwickelt, meldeten die Gesund­heitsbehörden im Verlauf des heutigen Tages 231 neue Fälle von Infektionen im ganzen Land – der bisher stärkste Anstieg an einem Tag.

Davon wurden allein 172 neue Fälle in der Millionen-Stadt Daegu im Südosten erfasst. Bis zum Nachmittag zählten die Behörden 833 Menschen, die sich nachweislich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben. Zudem wurden bisher sieben Todesfälle mit dem Virus in Ver­bin­dung gebracht.

Aus rund 30 Ländern und Regionen außerhalb Festlandchinas sind mehr als 2.200 Infek­tio­nen und mehr als 25 Todesfälle berichtet worden. Im Iran stieg die Zahl der gemelde­ten Todesopfer auf 12. Im Nachbarland Afghanistan wurde heute der erste Fall einer Er­krankung bestätigt. Auch die beiden Staaten Bahrain und Kuwait auf der Arabischen Halb­insel bestätigten heute erste Fälle des Coronavirus. © rme/dpa/afp/aerzteblatt.de

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