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Medizin

Tetanus- und Diphtherie-Impfung: Auffrischungen im Erwachsenenalter senken Erkrankungs­häufigkeit nicht

Dienstag, 25. Februar 2020

/dpa

Portland/Oregon – In Ländern, wo – wie in Deutschland – zu regelmäßigen Auffrisch­ungen der Tetanus- und Diphtherie-Impfung geraten wird, kommt es nicht seltener zu Erkran­kungen als in Ländern, die sich auf eine Grundimmunisierung im Kindesalter be­schränken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie in Clinical Infectious Diseases (2020; DOI: 10.1093/cid/ciaa017).

Die Impfungen gegen Tetanus und Diphtherie gehören zu den ältesten und zugleich er­folgreichsten. Die Todesfälle an Tetanus und Diphtherie sind seit Beginn der Impfungen um mehr als 99 % gesunken. Die Grundimmunisierung gegen Tetanus und Diphtherie er­folgt im Kindesalter.

Ursprünglich wurden die Impfungen im Erwachsenenalter regelmäßig wiederholt. Die Intervalle wurden jedoch von anfangs 3 Jahren immer wieder verlängert. In vielen Län­dern, so auch in Deutschland, gilt eine 10-Jahres-Empfehlung.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) riet ab 2006 nur noch zu einer Auffrischung (bei der 1. Schwangerschaft oder zu Beginn der Militärzeit). Seit 2017 betrachtet die WHO die Grundimmunisierung im Kindesalter für ausreichend.

In Großbritannien wurde niemals zu einer Auffrischung im Erwachsenenalter geraten. Dort kommt es nach Recherchen von Mark Slifka von der Oregon State University in Port­land pro Jahr zu 0,12 Tetanus-Erkrankungen auf 1 Million Personen. In Frankreich, wo bis 2012 alle 10 Jahre und seither alle 20 Jahre zur Impfung geraten wird, beträgt die Inzi­denz 0,21 auf 1 Million Einwohner pro Jahr.

Beide Länder haben eine vergleichbare Impfquote (96 % und 94 % im Säuglingsalter in Frankreich und Großbritannien) und ein ähnliches Impfschema mit 5 Dosierungen. Für Slifka ist der Vergleich der beiden Nachbarländer ein Indiz dafür, dass die Auffrischungen im Erwachsenenalter nicht notwendig sind.

Eine weiterte Analyse mit Daten aus 31 Ländern bestätigte den Eindruck. Slifka ermittelt zwar eine Risk Ratio von 0,78, sprich eine um 22 % niedrigere Erkrankungsrate in Län­dern mit Auffrischungen im Erwachsenenalter. Das 95-%-Konfidenzintervall von 0,36 bis 1,70 war jedoch nicht signifikant.

Ähnlich ist die Situation bei der Diphtherie. In Frankreich, wo alle 10 Jahre zur Auffrisch­ung geraten wird (an der aber nur 57 % teilnehmen), beträgt die Inzidenz 0,06 Erkrank­ungen auf 1 Million Einwohner und Jahr.

In Großbritannien sind es trotz fehlender Auffrischungen 0,03 Erkrankungen auf 1 Million Einwohner und Jahr. Die Impfquote in beiden Ländern beträgt wie beim Tetanus 96 % (Frankreich) und 94 % (Großbritannien). Beide Impfstoffe werden in der Regel gemeinsam verabreicht.

Die Analyse von 30 Ländern (Lettland wurde wegen einer lange niedrigen Impfquote he­rausgenommen) ergab eine Risk Ratio von 2,46 (also sogar tendenziell mehr Erkrankun­gen in Ländern mit Auffrischungen), die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,54 bis 11,23 jedoch nicht signifikant war.

Eine Analyse zur zeitlichen Entwicklung ergab, dass die Zahl der Tetanus-Erkrankungen auch nach 2000 weiter zurückgegangen ist. Diphtherie-Erkrankungen waren im gesamten Zeitraum sehr niedrig (außer in Lettland, wo die Zahlen aber stark zurückgegangen sind).

Nach Ansicht von Slifka könnte in den Industrieländern auf die Auffrischungen im Er­wach­senenalter verzichtet werden. Allein in den USA würde das Gesundheitswesen da­durch jährlich 1 Milliarde US-Dollar sparen.

Auf eine Grundimmunisierung darf jedoch keinesfalls verzichtet werden. Clostridium te­tani ist im Erdreich verbreitet. Für nicht-geimpfte Menschen besteht deshalb ein Infekti­ons­risiko. In Deutschland kommt es derzeit pro Jahr zu weniger als 15 Erkrank­ungsfällen. Coryne­bacterium diphtheriae wird meist von Mensch zu Mensch übertragen, zoonotische Infektionen sind jedoch möglich.

Menschen ohne Impfschutz profitieren in der Heimat von einer Herdenimmunität. Bei Reisen in Endemie-Länder kann es jedoch zu Infektionen kommen. Wenn die Erkrankung dann im Heimatland ausbricht, kann dies eine umfangreiche Untersuchung von Kontak­ten erforderlich machen. © rme/aerzteblatt.de

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