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Politik

Berlin braucht Tausende neue Pflegekräfte

Mittwoch, 26. Februar 2020

/dpa

Berlin – Berlin braucht einer Untersuchung zufolge perspektivisch Tausende weitere Pfle­gekräfte für Krankenhäuser und Pflegeheime. „Wir werden 2030 einen zusätzlichen Be­darf an 10.000 Vollzeit-Pflegekräften haben“, sagte der Geschäftsführer der Berliner Kran­kenhausgesell­schaft (BKG), Marc Schreiner.

Die Zahl ist das Ergebnis von Berechnungen des Deutschen Krankenhausinsti­tuts in Auf­trag der BKG. Laut der Studie „Situation und Entwicklung der Pflege in Berlin bis 2030“ des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI), die morgen veröffentlicht werden soll, benö­tigt die stationäre Pflege einen zusätzli­chen Zuwachs von rund 2.000, die Kliniken und die ambulante Pflege je rund 4.000 Voll­zeitkräfte.

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„Wir müssen jetzt handeln. Zehn Jahre sind in der Personalentwicklung eine kurze Zeit“, betonte Schreiner angesichts der Prognose. Diese berücksichtige unter anderem die al­ternde Gesellschaft und den damit einhergehenden steigenden Bedarf an aufwendigen Behandlungen sowie die übliche Fluktuation.

Würde die Besetzung in Krankenhäusern verbessert, liege der erwartete Mehrbedarf an Pflegekräften sogar noch deutlich höher, so die BKG. Die Prognose bezieht sich übergrei­fend auf Kliniken, ambulante und stationäre Pflege. Es gelte nun, so viele Pflegekräfte wie möglich zu gewinnen. „Die Aufgaben sind enorm“, sagte Schreiner.

Mit der Aktion #PflegeJetztBerlin, die ebenfalls morgen startet, wolle die BKG mit Part­nern wie Krankenkassen, Gewerkschaften, Arbeitsagentur und Senatsverwaltung für Ge­sundheit, Pflege und Gleichstellung ein gemeinsames Konzept gestalten. Vorgesehen ist ein Zehn-Punkte-Plan für mehr Pflegekräfte.

Darin seien viele Maßnahmen enthalten, „bei denen wir zuversichtlich sind, dass wir sie in kurzer bis mittlerer Frist implementieren können, so dass sie bis in zehn Jahren Zeit den gewünschten Effekt erreichen“, sagte Schreiner. Der Plan sieht Maßnahmen wie den Ausbau der Ausbildungskapazitäten, besseren Arbeitsbedingungen und zum Beispiel auch das Anwerben ausländischer Pflegekräfte vor.

Problem der Stellenbesetzung

Bereits heute stünden Kliniken vor dem Problem, offene Stellen in der Pflege nicht oder nicht rechtzeitig besetzen zu können – und dies in „erheblicher“ Zahl, sagte Schreiner. Folge sei, dass zahlreiche, im Krankenhausplan ausgewiesene Betten zwar aufgestellt seien, aber nicht mit Patienten belegt werden könnten. Genaue Zahlen lägen der BKG nicht vor, allerdings seien schätzungsweise derzeit einige Hundert Stellen zu besetzen.

Der vorübergehende Aufnahmestopp am Kinderkrebszentrum der Charité zum Beispiel hatte vor Weihnachten ein Schlaglicht auf den Fachkräftemangel geworfen. „Wir sehen auch, dass die Zufriedenheit der Arbeitenden in unseren Einrichtungen immer mehr in Frage gestellt wird“, räumte Schreiner ein. Kürzlich war zum Beispiel in Berlin die Ab­wanderung einer Abteilung von einer Klinik zu einer anderen bekannt geworden.

Viele Pflegekräfte wanderten in die Leiharbeit ab oder wechselten in Teilzeit, um neben­bei für Personaldienstleister tätig zu werden, sagte Schreiner. Um personelle Lücken zu füllen, sind Kliniken auf diese Anbieter angewiesen. „Das heißt, wir verlieren unsere Pflegekräfte und bekommen sie für teures Geld noch einmal zurück.“

Viele der Prozesse, die man nun anstoßen wolle, seien „leider auch langwierig“, betonte Schreiner. Klar sei zum Beispiel, dass ausländische Pflegekräfte eine sinnvolle Ergänzung sein könnten, „aber sicherlich nicht die strukturelle Lösung unseres Fachkräfteproblems“. Dies müsse man vor Ort angehen – zum Beispiel, in dem man die Ausbildungskapazitä­ten erweitere. Viele Träger setzten dies ab diesem Jahrgang schon um. Es fehle nicht an Bewerbern.

Grundsätzliche werde der Beruf nach wie vor als wertvolle Aufgabe wahrgenommen. Was gelitten habe, sei das Image der Arbeitsbedingungen, sagte Schreiner. „Da sind wir in der Pflicht, das zu verbessern.“ Gleiches gelte für die Ausbildung.

In vergangenen Jahren war – auch in anderen Bundesländern – von recht hohen Abbre­cherquoten bei Pflegeschülern die Rede. Valide Zahlen für Berlin liegen der BKG nach eigenen Angaben nicht vor. Der Deutsche Evangelische Krankenhausverband etwa hatte im vergangenen Jahr gesagt, man verzeichne derzeit etwa 30 Prozent Abbrüche – ein Wert, der „sicher auf die gesamte Branche übertragbar“ sei, hieß es.

Um noch mehr junge Menschen für den Beruf zu interessieren, sei geplant, dass Pflege-Auszubildende als „Botschafter“ in Schulen berichten, so Schreiner. Kinder sollen zudem mit Virtual-Reality-Brillen einen 360-Grad-Einblick in den Ausbildungsberuf erhalten.

Auch der Frage, wo Pflegekräfte in Zukunft wohnen sollen, müsse sich Berlin angesichts der Wohnungsknappheit stellen. „Wir Krankenhäuser denken über die Wiederbelebung der Schwesternwohnheime nach oder über Dienstwohnungen auf unseren Geländen.“ Sollte dies nicht darstellbar sein, brauche es eine „zumutbare und belastbare Pendelin­frastruktur“, um die Gesundheitsversorgung sicherzustellen, forderte Schreiner.

Mehr Geld für Pflegekräfte sehe man nicht als Kern-Anliegen: „Ich habe nicht den Ein­druck, dass es in erster Linie eine Vergütungsfrage ist, die die Attraktivität des Berufes ausmacht.“ Es gebe in Berliner Krankenhäusern nahezu flächendeckend Tarifverträge. Die Vergütungsbedingungen müssten die Tarifparteien selbst aushandeln.

Man kämpfe jedoch für bessere finanzielle Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser, betonte Schreiner. „Da haben wir eine Reihe von Themen, die viel Geld kosten.“ Er verwies auf Maßnahmen wie eine automatische Erfassung von Blutdruckwerten in der elektronischen Patientenakte, die die Pflege weniger bürokratisch machten und sie verbessern könnten. Auch moderne Gebäude mit kürzeren Wegen für Pflegekräfte und Roboter-Unterstützung seien Möglichkeiten, um die Mitarbeiter zu entlasten. © dpa/may/aerzteblatt.de

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