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Medizin

RKI bewertet Gefahr durch SARS-CoV-2 seit heute als „mäßig“

Montag, 2. März 2020

Jens Spahn (CDU, mitte) spricht bei einer Pressekonferenz zur weiteren Entwicklung der Coronavirusinfektionen. Lothar H. Wieler (rechts) und Christian Drosten (links) / pictire alliance
Jens Spahn (CDU, Mitte) spricht bei einer Pressekonferenz zur weiteren Entwicklung der Coronavirusinfektionen. Lothar H. Wieler (rechts) und Christian Drosten (links). / pictire alliance

Berlin – Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat die Risikoeinschätzung des SARS-CoV-2-Virus für die Bevölkerung in Deutschland leicht heraufgesetzt. Die Bewertung sei auf „mäßig“ gestellt worden. Bisher wurde sie als „gering bis mäßig“ eingestuft. Bei der heutigen Presse­konferenz in Berlin, bekräftigte RKI-Präsident Lothar H. Wieler, die Lage sei weiter­hin sehr dynamisch und müsse jeden Tag neu eingeordnet werden.

Auf der Webseite des RKI berichtet das Institut heute Morgen über die aktuellen Fallzah­len in Deutschland: In Deutschland wurden demnach bislang 150 Fälle einer SARS-CoV-2-Infektion bestätigt. Der Großteil davon, 86 der Infizierten, stammt aus Nordrhein-Westfalen. In Berlin, Bremen und Hamburg gibt es hingegen bisher nur jeweils einen bestätigten Fall. Weltweit wurden gut 89.000 positiv auf das Virus getestet worden.

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Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erklärte, würden aktuell die Labore ab­gefragt, um zu erfahren, wie viele Tests auf SARS-CoV-2 in Deutschland bislang gemacht worden sind. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) betonte, die Negativtestzah­len seien mindestens genauso wichtig zur Einschätzung der Gesamtlage wie die positiven Fälle.

Zum „Turning Point“ kam es laut Wieler vergangene Woche, als zum ersten Mal mehr Fälle außerhalb Chinas berichtet wurden als innerhalb Chinas. Wie gefährlich das Virus ist, könne man heute dennoch kaum einordnen, sagte Christian Drosten, Direktor des Ins­tituts für Virologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Zwei Faktoren, die dabei aber eine entscheidende Rolle spielen, seien zum einen die Fallsterblichkeit sowie Schätzun­gen zur Geschwindigkeit der Ausbreitung.

Die Basisreproduktionszahl bestimmt den Stopp einer Pandemie

Drosten geht davon aus, dass die Fallsterblichkeit im Laufe der Zeit eher geringer werden wird. „Im Moment befinden wir uns in einem Korridor von 0,3 bis 0,7 % Fallsterblichkeit.“ Die sekundäre Attack-Rate gibt darüber hinaus an, auf wie viele Kontaktpersonen ein In­fizierter das Virus tatsächlich übertragen hat.

Sie liege bei SARS-CoV-2 Schätzungen zufolge etwa bei 5 bis 10 Prozent und somit unter der Rate einer Influenza-Pandemie, erklärte der Berliner Virologe heute in der Bundes­pressekonferenz. Diese Zahlen seien aber nicht gesichert und die Lage könnte sich jeder­zeit ändern.

„Falls es doch zu einer Pandemie kommen sollte, müssten sich etwa 70 % infizieren, be­vor die Pandemie wieder stoppt“, erläuterte Drosten anhand eines Rechenbeispiels. Dabei geht er davon aus, dass jeder Infizierte 3 weitere Menschen ansteckt (Basisreproduktions­zahl R0). Sinkt die Basisreproduktionszahl aufgrund vieler immuner Menschen in der Be­völkerung auf < 1, kommt die Pandemie zum Stillstand.

2019-nCoV: Wie hoch ist die Basisreproduktions­zahl R0?

Genf – Mit den ersten Berichten über eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung außerhalb von China sinken die Chancen, dass die Epidemie in absehbarer Zeit gestoppt werden kann. Entscheidend für den weiteren Verlauf ist die Basisreproduktionszahl R0. Das ist die Zahl der Menschen, die ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Ein Team um Neil Ferguson vom WHO Collaborating Centre for Infectious Disease

Virologen zweifeln Berichte zur Reinfektion an

Publikationen, denen zufolge sich auch infizierte Menschen nach Genesung erneut anste­cken können, überzeugen Drosten und auch andere Experten aus der Schweiz und den USA aktuell nicht.

Nachdem vor ein paar Tagen ein Fall in Japan bekannt wurde, bei dem eine genesene COVID-19-Patientin nach einer zweiten Symptom-Welle erneut positiv getestet worden war, folgen jetzt weitere wissenschaftliche Ergebnisse in diese Richtung.

Chinesische Me­di­ziner des Krankenhauses in Wuhan veröffentlichten vergangenen Donnerstag in JAMA in einem kurzen Report Ergebnisse zu 4 weiteren genesenen COVID-19-Patienten.

Sie alle waren den angelegten Kriterien zufolge als genesen einzustufen – für länger als 3 Tage kein Fieber, überwundene Atemwegssymptome, Verbesserung in Computertomo­grafie-Bildern der Lunge, zwei aufeinanderfolgende negative PCR-Tests mit mindestens einem Tag Abstand.

Die Patienten führten die Quarantäne auf Anweisung 5 Tage zu Hause fort. Fünf bis 13 Tage nach der Feststellung der Genesung waren 2 erneute PCR-Tests des gleichen Her­stellers positiv sowie auch ein weiterer eines anderen Herstellers.

Die japanische Patientin entwickelte nach erster Erholung weitere schwerere Symptome. Im Zuge dessen diskutierten internationale Experten die Möglichkeit eines zweiphasigen Verlaufs von COVID-19.

Die 4 Patienten des JAMA-Reports zeigten allerdings keine 2. Welle von Symptomen nach der Genesung; ihre initialen Symptome waren als mild bis moderat einzuschätzen, ein Patient war sogar asymptomatisch.

Es kommt sehr wohl oft vor, dass noch Virusgenom vorhanden ist, aber kein infektiöses Virus mehr. Bei Masern ist das oft über Monate der Fall. Florian Krammer, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York

Zweifel an den Ergebnissen äußerte neben dem Charité-Experten Drosten auch Florian Krammer von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York: Was mit dem PCR-Test detektiert werden würde, sei nicht das Virus, sondern das Virusgenom.

„Und es kommt sehr wohl oft vor, dass noch Virusgenom vorhanden ist, aber kein infekti­öses Virus mehr. Bei Masern ist das oft über Monate der Fall“, erklärte der Professor für Vakzinologie am Department of Microbiology. Und weiter: Es gebe schon einige Reports, die Antikörperantworten gegen SARS-CoV-2 beschreiben würden und man wisse das auch von SARS-CoV-1.

Zur Beurteilung des Testergebnis sei auch wichtig zu wissen, wie viel Erbgut des Virus noch vorhanden sei, ergänzt Isabella Eckerle vom Universitätsklinikum Genf. Diese Anga­ben würden im JAMA-Bericht jedoch fehlen.

„Mit den Angaben wie viel Viruskopien pro Milliliter vorhanden sind, könnte man bei­spielsweise einschätzen, ob es sich nur noch um Reste des Virus handelt oder noch eine aktive Infektion vorhanden ist“, so die Leiterin der Forschungsgruppe emerging viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten.

Die WHO wies darauf hin, dass gestern in China nur 206 neue Infektionen mit SARS-CoV-2 gemeldet worden seien, wie WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus heute in Genf sagte. Das sei die niedrigste Zahl seit dem 22. Januar. Am meisten Sorge bereite aktuell die Lage in Südkorea, Italien, dem Iran und Japan, wo es teils ein deutliches Plus bei den Fallzahlen gebe. Heute sei ein WHO-Team im Iran eingetroffen, um bei der Be­kämpfung der Krankheit zu helfen, so Tedros.

Er wies erneut darauf hin, dass das Virus mit den richtigen und rigiden Maßnahmen im Vergleich zum Beispiel zu einer Grippe gut einzudämmen sei. Wäre COVID-19 eine Grippeepidemie, wäre eine weltweite Verbreitung zu erwarten. „Bemühungen, sie zu verlangsamen oder einzudämmen, wären nicht machbar“, so Tedros.

Dagegen seien im Fall von Sars-CoV-2 nach aktuellen Kenntnissen mehr als 130 Länder noch ohne einen einzigen nachgewiesenen Fall. In vielen anderen Staaten gebe es nur eine äußerst begrenzte Zahl von Infektionen mit dem Erreger der neuen Lungenkrankheit COVID-19. © gie/dpa/aerzteblatt.de

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