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Medizin

COVID-19: Wann eine Nachverfolgung von Kontaktpersonen die Epidemie stoppen könnte

Montag, 2. März 2020

 Coronaviren verbreiten sich rund um den Globus. /denisismagilov, stock.adobe.com
Entscheidend für den weiteren Verlauf ist die Basisreproduktionszahl R0. Das ist die Zahl der Menschen, die ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. /denisismagilov, stock.adobe.com

London – Niemand kann derzeit vorhersagen, wie sich die COVID-19-Epidemie in Deutschland weiterentwickeln wird. Eine intensive Nachverfolgung von Kontaktpersonen ist nach Modellrechnungen britischer Mathematiker in Lancet Global Health (2020; doi: 10.1016/S2214-109X(20)30074-7) kein aussichtsloses Unterfangen. Unter günstigen Umständen könnte die COVID-19-Epidemie innerhalb von 3 Monaten gestoppt werden. Dafür müssten allerdings mehrere Voraussetzungen erfüllt sein.

Kontaktuntersuchung und Fallisolierung sind bewährte Methoden, um kleinere Krankheitsausbrüche, etwa bei einer offenen Lungentuberkulose zu stoppen. Ob die derzeitigen Maßnahmen auch bei COVID-19 erfolgreich sein werden, hängt nach Ansicht einer Projektgruppe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine um die Epidemiologin Rosalind Eggo vor allem von 2 Faktoren ab. Der erste Faktor ist die Basisreproduktionszahl R0, also die Zahl der Patienten, die ein Infizierter ansteckt. Liegt die R0 bei unter 1, sinkt die Zahl der Erkrankten und die Epidemie findet ein allmähliches Ende. R0 war zu Beginn der COVID-19-Epidemie in Wuhan relativ hoch.

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Bei einem anfänglichen R0-Wert von 3,5 sind die Chancen gering, eine Pandemie zu verhindern. In diesem Fall sei ein Ausbruch praktisch nur zu stoppen, wenn es gelinge, mehr als 90 % der Kontakte zu identifizieren und unter Quarantäne zu stellen, rechnet Eggo vor. Bei einem R0-Wert von 2,5 müssten mehr als 70 % der Kontakte gefunden und isoliert werden.

Günstiger ist die Situation, wenn der R0-Wert nur bei 1,5 liegt. Dann könnte die Epidemie bereits nach der Identifizierung von 50 % der Kontakte gestoppt werden, schreibt Eggo. Christian Drosten, Direktor des Ins­tituts für Virologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, erläuterte heute in Berlin, wie die Reduktion der Basisreproduktionszahl von 3 auf <1 aufgrund vieler immuner Menschen (70 % Infizierte) in der Be­völkerung zu einem Stillstand einer Pandemie führen würde.

RKI bewertet Gefahr durch SARS-CoV-2 seit heute als „mäßig“

Berlin – Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat die Risikoeinschätzung des SARS-CoV-2-Virus für die Bevölkerung in Deutschland leicht heraufgesetzt. Die Bewertung sei auf „mäßig“ gestellt worden. Bisher wurde sie als „gering bis mäßig“ eingestuft. Bei der heutigen Pressekonferenz in Berlin, bekräftigte RKI-Präsident Lothar H. Wieler, die Lage sei weiterhin sehr dynamisch und müsse jeden Tag neu

Der 2. wesentliche Faktor ist der Anteil der Infektionen, die sich vor Ausbruch der Symptome ereignen. Ideal wäre es, wenn es keine asymptomatischen Übertragungen gäbe. Dies ist bei dem SARS-CoV-2 offenbar nicht der Fall. Eine realistische Annahme ist derzeit ein Anteil von 15 %, die durch Personen infiziert werden, die noch keine Symptome haben. In diesem Fall sind die Chancen auf ein Ende der Epidemie laut den Berechnungen von Eggo mit 90 % oder mehr sehr hoch. Dies gelte allerdings nur, wenn die anfängliche R0 bei 2,5 liege und wenn es gelänge, wenigstens 80 % der Fälle zu finden und unter Quarantäne zu stellen. Eine weitere Voraussetzung ist, dass nicht zu viel Zeit bei der Kontaktsuche vergeht. Ein Unsicherheitsfaktor ergibt sich zudem, wenn einige Personen infiziert sind, aber niemals erkranken.

Die Kontaktuntersuchungen sind aufwendig. Wenn jeder Patient 20 Personen getroffen hat, werden bei 100 Fällen bereits 2.000 Kontaktuntersuchungen notwendig. Die Kapazitäten des Gesundheitswesens könnten sich deshalb rasch erschöpfen, wenn die Zahl der erkannten Erkrankungen weiter zunimmt.

Insgesamt ist Eggo eher pessimistisch. In den meisten plausiblen Ausbruchszenarien würden Fallisolierung und Kontaktverfolgung allein nicht ausreichen, um Ausbrüche zu kontrollieren, schreibt sie. In einigen Szenarien würde selbst eine nahezu perfekte Kontaktverfolgung nicht ausreichen. Eine effektive Kontaktverfolgung und -isolierung könnte jedoch dazu beitragen, das Ausmaß eines Ausbruchs zu verringern oder ihn über einen längeren Zeitraum unter Kontrolle zu bringen. © rme/aerzteblatt.de

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