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SARS-CoV-2: Abklärung in „Corona-Drive-Ins“

Dienstag, 3. März 2020

/Budimir Jevtic, stock.adobe.com

Marburg/Berlin – Die Hausärzte in Deutschland bereiten sich zurzeit auf Patienten vor, die mit grippeähnlichen Symptomen eine Infektion mit SARS-CoV-2 abklären lassen woll­en. Probleme verursachen dabei vor allem die fehlenden Ressourcen.

„Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, bei respiratorischen Symptomen dem Patienten einen Mund-Nasen-Schutz anzulegen sowie selbst während des Abstrichnehmens eine Schutzkleidung zu tragen, die aus einem Einmalschutzkittel, Handschuhen, einem Mund-Nasen-Schutz und gegebenenfalls einer Schutzbrille besteht“, sagte zum Beispiel Ulrike Kretschmann, Hausärztin aus Marburg, dem Deutschen Ärzteblatt.

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„Das ist aus meiner Sicht nicht darstellbar. Denn wir haben diese Ressourcen nicht in ausreichendem Umfang.“ Kretschmann ist mit anderen Hausärzten in einem deutschland­weiten Forum vernetzt. „Die Probleme sind überall dieselben“, sagt sie, „es gibt nicht aus­reichend Materialien, um die Vorgaben einzuhalten.“

Mundschutz und Desinfektionsmittel nicht lieferbar

Das macht auch eine Mitteilung auf der Interplattform aponow.de. deutlich. „Vor allem die große Nachfrage bei Mundschutz und Desinfektionsmitteln hat dazu geführt, dass beides mo­mentan bundesweit nicht mehr lieferbar ist“, erklärte der Geschäftsführer der ApoNow-GmbH, Thomas Engels.

Mehr als 4.000 Apotheken mit Lieferservice arbeiten Engels zufolge mit dem Unterneh­men zusammen. „Dadurch haben wir einen bundesweiten Überblick über Lagerbestände“, sagte er. „Und egal, wohin wir schauen: Die Regale in Deutschlands Apotheken sind leer­gefegt. Wir müssen täglich viele Kunden darüber informieren, dass weder Mundschutz noch Desinfektionsmittel zu haben sind.“

Abklärung in „Corona-Drive-Ins“

„Wir Hausärzte müssen jetzt mit den Gegebenheiten umgehen, die uns zur Verfügung stehen“, sagt Kretschmann. Deshalb hat sie sich zusammen mit ihren drei Praxiskollegen für einen anderen Weg entschieden.

„Wir sagen den Patienten, die ihre respiratorischen Symptome bei uns abklären lassen wollen, dass sie mit ihrem Auto auf den Hinterhof der Praxis fahren und dann im Auto sitzen bleiben sollen, damit wir dort den Abstrich nehmen können“, sagte sie. Dadurch vermeide man einen Kontakt mit anderen Patienten und spare Ressourcen.

„Danach bitten wir die Patienten, wieder nach Hause zu fahren und dort zu warten, bis das Laborergebnis vorliegt.“ Die elektronische Gesundheitskarte könne in diesen Fällen nachgereicht werden.

In der Tagesschau hat Kretschmann einen Bericht über „Corona-Drive-Ins“ in Südkorea gesehen, wo die Patienten in ihren Autos zu eigens aufgestellten Containern fahren, in denen Schnelltests auf COVID-19 vorgenommen werden.

„Ich halte das für eine gute Idee“, sagt Kretschmann, die sich auch für Deutschland zen­tra­lisierte Anlaufstellen wünscht, an denen Patienten ihre Symptome abklären lassen können. Mancherorts, wie in Heinsberg oder an der Berliner Charité, wurden solche An­laufstellen bereits eingerichtet.

Das Berliner Universitätsklinikum Charité hatte heute von einer Warteschlange an der neu eingerichteten Untersuchungsstelle auf dem Gelände des Virchow-Klinikums berich­tet. Heute Mittag habe es eine Schlange mit rund 100 Patienten gegeben, sagte der Ärzt­liche Direktor der Charité, Ulrich Frei. Heute Morgen hatte die neue Anlaufstelle ihre Arbeit aufgenommen.

„Dann wird die medizinische Versorgung zusammenbrechen“

Bislang haben alle Patienten, die sich auf SARS-CoV-2 testen lassen wollten, vorher in der Praxis von Kretschmann angerufen. „Viele dieser Patienten sorgen sich darum, dass sie nun für 14 Tage in Quarantäne gesteckt werden könnten“, sagt Kretschmann. Gerade selbstständige Patienten fürchteten einen großen wirtschaftlichen Schaden.

Auch sie selbst sorgt sich wegen der derzeitigen Quarantäneregelung, der zufolge Menschen, die mit COVID-19-Infizierten in Kontakt standen, für 14 Tage in Quarantäne gehen müssen.

„Das wird in Kürze auch viele Ärzte, vor allem Hausärzte, betreffen“, sagt sie. „Wenn aber Hausärzte in dieser Situation für 14 Tage in Quarantäne gehen, wird die medizinische Ver­sorgung zusammenbrechen.“ Vor diesem Hintergrund sei ein Abstrich sinnvoll, um in kurzer Zeit Klarheit darüber zu haben, ob ein Patient infiziert ist oder nicht.

Hausärzte stellen sich überall im Land auf die Situation ein

„Wir werden derzeit bombardiert mit Telefonanfragen und Patienten, die wegen Be­schwer­den vorstellig werden“, sagt der Vorsitzende des Mediverbundes, der Allgemein­me­di­ziner Werner Baumgärtner in Stuttgart.

Auch beim Kölner Hausarzt Andreas Koch gibt es zeitweise eine lange Schlange von Pa­tienten. Er hat eine schnelle Methode gefunden, um mögliche SARS-CoV-2-Infizierte von seinen sonstigen Patienten fernzuhalten.

Alle regulären Termine hat er aus Kapazitätsgründen gestrichen und sich morgens vor die Tür gestellt, um jeden Wartenden einzeln abzufragen, wie der Allgemeinmediziner erklärte. „Im Moment ist meine Hauptarbeit, zu reden. Kommunikation.“

Von allen Patienten mit einem Erkältungsinfekt habe er sich die Namen aufgeschrieben und sie dann wieder nach Hause geschickt, so Koch. Anschließend habe er sie angerufen und befragt – etwa zu Aufenthalten in Risikogebieten wie China, Iran und Norditalien und zu den genauen Symptomen.

Darauf basierend entscheide er, ob er dem Patienten einen Hausbesuch abstatte oder ihn außerhalb der Sprechzeiten isoliert einbestelle. Großer Vorteil eines Hausarztes sei, dass er seine Patienten kenne und gut einschätzen könne.

„Wir müssen die Patientenströme trennen“

Mathias Berndt, Chef des Hausärzteverbands in Niedersachsen, hält die Einrichtung regionaler Schwer­punktpraxen für nötig. „Wir müssen die Patientenströme trennen“, betont der Allgemein­me­diziner. In Niedersachsen ist die Einrichtung solcher regionalen Zentren bereits vorge­sehen.

Die Zentren könnten Notaufnahmen und andere Anlaufstellen wie Hausärzte entlasten – und das Personal dort schützen. Da es eine Impfung frühestens in einem Jahr geben wird, können sich Ärzte und Pfleger ebenso anstecken wie jeder andere Mensch auch. Er dürfe sein Team nicht gefährden, betonte etwa der Kölner Hausarzt Andreas Koch. „Wenn wir in Quarantäne gesteckt werden, können wir nichts mehr tun.“

Ein Aspekt sind knapp werdende Schutzmaterialien wie Atemmasken. Diese gingen der­zeit in vielen Praxen zur Neige, sagte die baden-württembergische Landeschefin des NAV-Virchow-Bundes, Brigitte Szaszi, aus Sachsenheim.

„Aufgrund der Produktionsausfälle in China stehen wir in diesem Bereich weltweit in ab­sehbarer Zeit vor einem Nachschubproblem“, so Niedersachsens Ge­sund­heits­mi­nis­terin Carola Reimann kürzlich. Und auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sagt: „Der Grundbestand, über den die niedergelassenen Kollegen in ihren Praxen verfügen, wird bundesweit nicht ausreichen, wenn die Zahl der Ver­dachts­fälle steigen wird.“

Man sei im Gespräch mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) und allen Beteilig­ten, um rasch Abhilfe schaffen zu können und Schutzbekleidung dort vorzuhalten, wo sie gebraucht werde.

„Es muss Klarheit darüber herrschen, wie die Ärzte an das notwendige Material gelangen können“, so Gassen. Kapazitätsprobleme bei den Tests auf das Virus gebe es nicht. „Wenn ein Arzt einen solchen Test aus medizinischer Sicht für angebracht hält, dann soll er ihn auch durchführen.“ Es handele sich um einen Rachenabstrich, der in einem Labor ausge­wertet werde.

Etwa 200 bis 250 Labore sind derzeit nach Angaben des Berufsverbands Deutscher La­borärzte (BDL) bundesweit mit Tests auf SARS-CoV-2 beschäftigt. „Das sind zwei Drittel aller Labore und es werden jeden Tag mehr, die diese Tests auch machen können“, sagte BDL-Sprecher Thomas Postina. Derzeit gehe es in den Laboren ruhig zu. „Die Labore sind nicht wegen des Coronavirus überlastet.“ Die Tests auf Grippe spielten derzeit die weitaus größere Rolle. © fos/dpa/aerzteblatt.de

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