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Medizin

Nationaler Pandemieplan angepasst, Eindämmung bleibt oberstes Ziel

Donnerstag, 5. März 2020

/Dezay, stock.adobe.com

Berlin – Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat den für Influenza entwickelten Nationalen Pandemieplan für die Bekämpfung des neuen Coronavirus angepasst. Die wichtigsten Unterschiede zur Influenza seien, dass es gegen SARS-CoV-2 derzeit noch keine Impfung und auch keine wirksamen Therapeutika gebe, erklärte RKI-Präsident Lothar H. Wieler heute bei einer Pressekonferenz in Berlin. Dagegen stünden die Chancen einer erfolgrei­chen Eindämmung besser, da sich SARS-CoV-2 deutlich langsamer verbreite als Influenza.

„Das ist der Grund, weshalb wir die Eindämmungsphase [der Pandemieplanung] immer weiter fahren werden (…) auch wenn wir bereits in der Schutzphase sind“, betonte Wieler.
Eine sehr effektive Möglichkeit, eine Epidemie zu stoppen, sei natürlich ein Impfstoff, doch diese Option bestehe momentan nicht.

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Der im Influenza-Pandemieplan vorgesehene Einsatz von Impfstoffen wurde deshalb in der für SARS-CoV-2 angepassten Version gestrichen. „Ich gehe davon aus, dass wir im Lauf des nächsten Jahres einen Impfstoff haben werden“, sagte Wieler.

Auch Therapeutika, wie es sie für die Influenza gibt, stünden momentan nicht zur Verfü­gung. Wieler wies aber auf intensive Forschungsbemühungen hin, speziell in China würden derzeit in vielen Studien Medikamente experimentell getestet. „Wir sind optimis­tisch, dass in den nächsten Wochen solche Medikamente dann auch in Deutschland eingesetzt werden können“, so der RKI-Präsident.

Der Nationale Pandemieplan wurde erstmals 2005 veröffentlicht und 2007 überarbeitet und aktualisiert. Er dient der Vorbereitung auf eine Influenzapandemie in Deutschland und sieht 3 klar voneinander abgegrenzte Phasen vor: Eindämmung, Schutz und Mitigation.

Diese Trennung in 3 Phasen ergebe bei der Influenza Sinn, da sich das Virus rasch ver­breite. „Wenn ein Patient einen anderen Menschen ansteckt, hat man schon nach 2 bis 3 Tagen beim nächsten eine Krankheit“, sagte Wieler. „Bei SARS-CoV-2 ist diese Rate lang­sa­mer. Sie beträgt etwa 7 Tage.“

Somit bestehe doppelt so lange die Chance, Ausbrüche noch eindämmen zu können. Bei der Kontaktnachverfolgung von Infizierten sei man möglicherweise erfolgreicher als bei der Influenza, so Wieler weiter. „Wir werden mit aller Kraft, die wir im öffentlichen Ge­sundheitssystem haben, dafür Sorge tragen müssen, dass wir die Eindämmungsphase immer weiter parallel laufen lassen, auch wenn wir in der Schutzphase sind.“

Nicht verändert wurden im angepassten Pandemieplan bislang die Empfehlungen zum Einsatz von persönlicher Schutzausrüstung durch das medizinische Personal. Angesichts der knapper werdenden Ressourcen schlagen Experten eine gewisse Lockerung der Em­pfehlungen vor. Eine entsprechende Regelung, an die sich Ärzte halten können, kündigte Wieler aber noch für diese Woche an.

Der Krisenstab der Bundesregierung hatte gestern mitgeteilt, dass das Bundesministeri­um für Gesundheit (BMG) Schutzaus­rüstung wie Atemmasken und Spezialanzüge zentral für Praxen und Kliniken beschaffen will. Ressortchef Jens Spahn (CDU) machte deutlich, dass dies ergänzend geplant sei. Andere Akteure wie die Länder sollten weiterhin auch selbst einkaufen. Angeordnet wurde außerdem ein Exportverbot für Schutzausrüstung.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, erläuterte, Praxen seien wie andere Einrichtungen mit einem gewissen Kontingent ausgestattet, das aber keine Grippe- oder Coronavirus-Wellen vorausempfinden könne. „Es macht auch kei­nen Sinn, dass jede Praxis sich Jahresbedarfe im Keller bunkert.“ Gassen verwies etwa auf Lagerkapazitäten und Verfallsdaten des Spezialmaterials. Er begrüßte, dass Material nun zentral beschafft werden soll.

Forderung nach mehr Karenztagen wird lauter

Um die SARS-CoV-2-Epidemie einzudämmen, fordern Ärzteverbände mittlerweile zuneh­mend die Erhöhung der Zahl der Karenztage, in denen Arbeitnehmer ohne Krankschrei­bung vom Arzt zuhause bleiben können.

Bereits vorgestern hatte die KBV Unternehmen dazu aufgerufen, die Zahl der Karenztage für Mitarbeiter, die an Infekten der oberen Atemwege erkrankt sind, vorübergehend auf 6 Tage zu erhöhen, um das System der ambulanten medizinischen Versorgung zu entlasten.

Nun bitten auch die Kinder- und Jugendärzte die Krankenkassen, 6 Karenztage für Eltern kranker Kinder zuzulassen, um das Medizinsystem arbeitsfähig zu halten. „Derzeit rennen uns die Eltern die Türen ein wegen Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen, weil sie zu Hause kranke Kinder betreuen müssen, warnte Thomas Fischbach, Präsident des Be­rufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) heute in Köln.

Unterdessen ist die Zahl der Infektionen in Deutschland auf mehr als 349 gestiegen. Das sind rund einhundert bestätigte Fälle mehr als noch gestern. „Die Fallzahlen werden wei­ter nach oben gehen“, sagte Wieler.

Der Erreger ist inzwischen in 15 Bundesländern nachgewiesen, die meisten registrierten Fälle seit Jahresanfang gibt es in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Baden-Württemberg und Bayern.

Die Zunahme von Neuinfektionen ist mittlerweile außerhalb Chinas größer als im Ur­sprungsland. Das betrifft vor allem Südkorea und den Iran. In Europa hat Italien mit rund 3.000 bestätigten Fällen bisher die größte Infektionswelle.

Weltweit ist das neue Coronavirus nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation in 79 Ländern registriert. Unter 95.270 registrierten Fällen gab es demnach bisher 3.281 er­fasste Todesfälle, darunter vor allem ältere Menschen. © nec/dpa/may/aerzteblatt.de

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Avatar #705995
Hermione
am Freitag, 6. März 2020, 09:22

Großveranstaltungen - auch Medizinerkongresse - sollten einheitlich ausgesetzt werden

will man tatsächlich die Strategie der Eindämmung weiter verfolgen, sollten konsequenterweise ALLE großen Veranstaltungen vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium zentral untersagt ausgesetzt werden. Diese Veranstaltungen sind Multiplikatoren der Krankheit und können auch durch verstärkte Hygienemaßnahmen Tröpfcheninfektionen nicht verhindern. Abstandsregeln von zwei Metern sind in diesen Fällen sowieso illusorisch.
Derzeit zögern zahlreiche Veranstalter, Messen, Kongresse etc. abzusagen, weil empfindliche finanzielle Forderungen drohen. Durch ein Verbot von Seiten der Behörden würde hingegen "höhere Gewalt" greifen...
dies gilt aus meiner Sicht ganz besonders für Mediziner-Veranstaltungen: Infektionen von Ärzten sind hier bereits belegt und wären mit zunehmender Ausbreitung der Erkrankung immer wahrscheinlicher. Welche Folgen Infektionen bei Ärzten (und Pflegekräften) für die Patientenversorgung und letztlich die Funktionsfähigkeit der medizinischen Versorgung haben können, zeigen diese wenigen Fälle eindrücklich.
LNS

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