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Politik

Barmer setzt auf Gruppentherapien zur Wartezeiten­reduzierung in der Psychotherapie

Donnerstag, 5. März 2020

/zinkevych, stock.adobe.com

Berlin – Die Reform der ambulanten Psychotherapie im Jahr 2017 hat zwar den Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung erleichtert. Die Wartezeiten auf einen Richtlinien­psychotherapieplatz sind aber immer noch zu lang. Das ist ein Ergebnis des Arztreports 2020 der Barmer, den die Krankenkasse heute in Berlin vorgestellt hat.

Danach muss jeder dritte Patient nach dem Besuch einer psychotherapeutischen Sprech­stunde immer noch mindestens einen Monat und jeder zehnte Patient mehr als drei Mo­na­te auf eine Richtlinienpsychotherapie warten. Knapp 18 Prozent können aber auch be­reits nach ein bis zwei Monaten eine Psychotherapie aufnehmen.

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Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat die Psychotherapierichtlinie zum 1. April 2017 geändert. Seitdem müssen die Praxen unter anderem zusätzlich eine Psychothera­peuti­sche Sprechstunde anbieten, eine Akutbehandlung zur Krisenintervention und eine bessere telefonische Erreichbarkeit vorhalten. In der Sprechstunde wird entschieden, ob eine Therapie notwendig ist und wenn ja, wie dringend sie ist.

Psychotherapien finden einzeln statt

„Wenngleich die Reform der Psychotherapie-Richtlinie gute Impulse zur Erleichterung der Versorgung setzt, sollten die Wartezeiten noch weiter verkürzt werden“, sagte Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

Ein Lösungsansatz könnte seiner Ansicht nach das vermehrte Angebot von Gruppenthera­pien sein – 94,4 Prozent der Psychotherapien sind dem Arztreport zufolge immer noch Einzeltherapien. Er appellierte an die Berufsverbände, bei ihren Mitgliedern vermehrt für diese Therapieform zu werben – die medizinische Notwendigkeit vorausgesetzt.

Nach Angaben der Barmer ist die Zahl derjenigen, die eine Psychotherapie in Anspruch genommen haben, zwischen 2009 und 2018 um 41 Prozent gestiegen: 2008 nahmen 2,76 Prozent der Bevölkerung in Deutschland Kontakt zu einem Psychotherapeuten auf; 2018 waren es bereits 3,89 Prozent.

Überproportional stark war der Anstieg zwischen 2016 und 2018 um 345.000 Patienten, was die Autoren des Arztreports auf die geänderte Psychotherapie-Richtlinie zurückfüh­ren, die den Zugang zum Therapeuten erleichtert hat.

Allein die Psychotherapeutische Sprechstunde wurde Barmerdaten zufolge allein im ers­ten Jahr nach der Reform 8,9 Millionen mal abgerechnet. Demgegenüber wurden Richtli­nien-Psychotherapien tendenziell 2018 etwas seltener abgerechnet als vor der Reform der Richtlinie.

„Die Psychotherapeutische Sprechstunde hat sich bewährt. Sie findet bei den Betroffenen positiven Anklang“, sagte Joachim Szecsenyi, Autor des Barmer-Arztreports und Ge­schäfts­führer des aQua-Instituts in Göttingen. So hätten sich fast 90 Prozent der Patien­ten dieser Umfrage positiv darüber geäußert, wie umfassend die Therapeuten auf ihre Anliegen eingegangen seien.

Etwas verhaltener fiel hingegen das Urteil der befragten Patienten zur Psychotherapie selbst aus. So waren zwar fast 89 Prozent der Befragten mit dem Vertrauensverhältnis zum Therapeuten sehr zufrieden, allerdings nur 66 Prozent mit dem Ergebnis der Thera­pie. Jeder Dritte war demnach teilweise oder ganz unzufrieden mit den Resultaten.

„Eine mögliche Ursache hierfür könnte in einer unrealistischen Erwartungshaltung lie­gen“, sagte der Barmer-Vorstandsvorsitzende Straub. Deshalb sei es wichtig, dass die The­ra­peuten den Patienten zu Beginn einer Therapie klar formulieren, was sie sich von einer Therapie erhoffen können, so Straub.

Zahl der Psychotherapeuten stark gestiegen

Dem Arztreport zufolge gab es 2018 mehr als 36.500 Psychotherapeuten und Ärzte mit einer psychotherapeutischen Qualifikation. Fast drei Viertel derjenigen sind den Psy­chologischen Psychotherapeuten (PP) (57,5 Prozent) und den Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeuten (KJP) (15 Prozent) zuzuordnen. Seit dem Jahr 2009 stieg die Zahl der PP um 54 Prozent von 13.700 auf 21.000. Die Zahl der KJP hat sich mehr als verdoppelt, von rund 2.600 auf etwa 5.500.

„Die steigende Anzahl der Therapeuten kommt nicht eins zu eins in der Versorgung an, weil immer mehr ihre Arbeitszeit reduzieren. 2013 haben 89 Prozent der Psychologischen Psychotherapeuten in Vollzeit gearbeitet und in 2018 nur 73 Prozent“, berichtete Szecse­nyi.

Gravierende Differenzen gibt es dem Barmer Arztreport zufolge auch bei der regionalen Verteilung von Psychotherapeuten – wenngleich die Unterschiede rückläufig sind. Wäh­rend in dünnbesiedelten Gebieten danach 21 Psychotherapeuten auf 100.000 Einwohner kommen, sind es in dichtbesiedelten Regionen 69 Therapeuten.

Überdurchschnittlich stark sind die Therapeutenzahlen insbesondere in den neuen Bun­desländern gestiegen. Spitzenreiter ist Mecklenburg-Vorpommern mit einer Steigerung von 13,8 Prozent in 2013 auf 84,1 Prozent in 2018, gefolgt von Sachsen-Anhalt (von 13,9 Prozent auf 59,3 Prozent).

Patientenspektrum hat sich nicht geändert

Das Spektrum der Patienten mit erstmaligem Zugang zum Psychotherapeuten hat sich dem Arztreport zufolge durch die Reform der ambulanten Psychotherapie nicht geändert. Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen werden nicht häufiger in Therapie genommen als vor der Reform.

Junge Frauen zwischen 16 und 29 Jahren nehmen nach wie vor deutlich häufiger Kontakt zu einem Psychotherapeuten auf als gleichaltrige Männer. Patienten mit akademischen Ausbildungsabschlüssen erhalten nach Erstkontakten tendenziell häufiger Richtlinien­psy­chotherapien als Patienten mit niedrigeren Ausbildungsabschlüssen. © PB/aerzteblatt.de

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