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Politik

Ethikrat sieht großes Nutzenpotenzial für Robotik in der Pflege

Dienstag, 10. März 2020

/Production Perig, stock.adobe.com

Berlin – Robotik kann einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen und der Arbeitsqualität in der Pflege leisten, sofern sie ver­antwortungsvoll eingesetzt wird. Zu dieser Einschätzung kommt der Deutsche Ethikrat in seiner heute veröffentlichten Stellungnahme „Robotik für gute Pflege“, die sich mit Chan­cen und Risiken der Robotertechnologie in der Pflege befasst.

Voraussetzung dafür sei, dass der Einsatz von Robotertechnik zwischenmenschliche Be­ziehungen nicht ersetze und die Technologie nicht gegen den Willen der Betroffenen oder zur bloßen Effizienzsteigerung genutzt werde. Zudem müssten die Betroffenen in die Entwicklung der Techniken einbezogen werden, so der Ethikrat.

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Kritik am Defizitansatz

Aus Sicht der Experten taugt Robotik im Pflegebereich jedoch nicht dazu, Personal­eng­pässe oder den Pflegenotstand zu beseitigen. So warnt der Ethikrat vor einem in erster Linie defizitorientierten Fokus, der etwa die Förderung der Erforschung und Ent­wicklung robotischer Systeme vor allem mit den Problemen vor dem Hintergrund des Fachkräfte­mangels in der Pflege und der wachsenden Zahl pflegebedürftiger Menschen begründet.

Der Einsatz von Robotik in der Pflege müsse nicht einem Defizitansatz, sondern könne vielmehr einem Ressourcenmodell folgen, betonte hingegen der Vorsitzende des Deu­tschen Ethikrates, Peter Dabrock. „Menschlichkeit und Technik müssen kein Gegen­satz sein“, sagte er. Vielmehr hat Robotik aus Sicht des Ethikrates das Potenzial zur Förderung „guter Pflege“.

„Im Zentrum guter Pflege steht das Wohl der zu pflegenden oder hilfebedürftigen Person in ihrer Individualität“, erläuterte die Gerontologin Adelheid Kuhlmey, eine der Auto­rinnen der Studie.

Für die Gepflegten liege dieses Potenzial nicht nur in der Erhaltung von Selbstständigkeit sowie von körperlichen und kognitiven Fähigkeiten, sondern auch in deren möglicher Rückgewinnung durch rehabilitative Maßnahmen. „So können robotische Systeme auch zu Mitteln werden, Veränderungs- und Anpassungspotenzial auszuschöpfen und verloren gegangene Fähigkeiten wieder neu aufzubauen“, sagte Kuhlmey.

Potenzial für die rehabilitative Pflege

Die Expertin wies zugleich auf erheblichen Forschungsbedarf hin: „Über die tatsächlichen Auswirkungen des Einsatzes von Robotern auf Menschen mit einem Assistenz- oder Pfle­ge­­­bedarf ist noch viel zu wenig bekannt“, meinte sie. Ob die heute verfügbaren Roboter­techniken in diesem anspruchsvollen Sinn zur Realisierung „guter“ Pflege bei­tragen können, sei „wissenschaftlich noch viel zu wenig erforscht“.

Auch der Geriater Andreas Kruse, Ethikratsmitglied und Sprecher der Arbeitsgruppe „Ro­botik und Pflege“, verwies darauf, dass Pflege als „soziales Interaktionsgeschehen“ zu definieren sei. „Roboter sollen diese unmittelbare Interaktion zwischen Personen eben nicht ersetzen“, betonte Kruse, sondern vielmehr durch Entlastung und Unterstützung diese Interaktion fördern beziehungsweise erleichtern.

Bei einem Menschen mit weit fortgeschrittener Demenz etwa sei es durchaus möglich, durch ein robotisches Assistenzsystem das mimische und gestische Verhalten des Kran­ken besser zu verstehen, erläuterte Kruse. Hierbei würden die Robotersysteme in einer produktiven Art und Weise in die soziale Interaktion eingreifen.

Mögliche Schattenseiten

Aus Sicht des Ethikrates wäre es jedoch „äußerst fragwürdig, wenn pflegebedürftige Men­schen soziale und emotionale Bedürfnisse zukünftig überwiegend im Umgang mit Be­gleit­robotern stillen würden, die Gefühle lediglich simulieren“, betonte Kuhlmey. Auch im Fall anderer Arten von Robotern (siehe Info-Kasten) könnte sich das unab­hängige Leben in vertrauter Umgebung durchaus als ein Leben in sozialer Isolation erweisen, warnen die Experten.

Aufseiten der Pflegekräfte seien Ängste vor Überforderung durch die anspruchsvolle Bedienung komplizierter Robotertechnik ernst zu nehmen. Anstatt Raum für beziehungs­orientierte Pflege zu schaffen, könnte die Unterstützung durch Robotik auch die Arbeits­dichte verstärken. Darüber hinaus gibt es die Sorge, dass die hohen Kosten für die Einfüh­rung von Assistenzsystemen zu Mittelkürzungen im Personalwesen führen könnten.

Arten robotischer Systeme
Der Ethikrat unterscheidet in seiner Studie verschiedene Arten robotischer Technik, die für den Pflegebereich relevant sind:

  • Assistenzroboter unterstützen Pflegende und Gepflegte bei alltäglichen Verrichtungen. Sie entlasten Pflegekräfte bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten oder können die Angewiesenheit auf stationäre Pflege bei Menschen mit steigendem Pflegebedarf hinauszögern. Beispiele: intelligentes Bett, Exoskelett zur Fortbewegung.
  • Monitoring-Techniken können ein selbstbestimmtes Leben im heimischen Umfeld unterstützen, indem sie etwa Körperfunktionen, wie Puls, Zuckerspiegel oder Blutdruck, sensorbasiert aus der Ferne überwachen oder rasche Hilfe im Notfall, etwa bei einem Sturz, gewährleisten.
  • Soziale Begleitroboter, etwa in Gestalt von Kuscheltieren wie die Robbe „Paro“, assistieren bei zwischenmenschlichen Interaktionen oder dienen selbst als Interaktionspartner und sollen vor allem kommunikative und emotionale Bedürfnisse erfüllen.

Empfehlungen für die Umsetzung

Insgesamt jedoch setzt der Ethikrat darauf, dass Robotertechniken für die Pflege von großem Nutzen sein können – vorausgesetzt, die Entwicklungs- und Implementierungs­prozesse werden partizipativ und verantwortlich gestaltet. Der Ethikrat gibt hierfür eine Reihe von Empfehlungen, die sowohl auf individueller als auch auf institutioneller und politisch-systemischer Ebene ansetzen.

Auf der Mikroebene gehe es vor allem um die Interaktion zwischen Gepflegtem und Pflegendem, erläuterte Kruse. Hierbei stünden insbesondere die Würde und das Wohl der pflegebedürftigen Person sowie ihre Autonomie und Selbstbestimmung im Zentrum.

Von großer ethischer Bedeutung sei zudem unter anderem auch der Respekt vor Privat­heit, Intimität und Scham. „Das Wohl der zu pflegenden Person in ihrer Individualität sollte stets im Zentrum der Pflege stehen, auch wenn der Einsatz von Technik die Stan­dar­disierung und Schematisierung von Prozessen erforderlich macht“, fordert daher der Ethikrat.

Die Mesoebene betrifft ihm zufolge die Träger von Pflegeeinrichtungen sowie die Ent­wick­ler robotischer Systeme. Hier gehe es beispielsweise um die Frage, inwiefern Einrich­tungen es dem Personal ermöglichen, kontinuierlich über die Bedeutung von Roboter­tech­nologie für ihr eigenes Verständnis von guter Pflege zu reflektieren, so Kruse.

Dies bedeute, dass die Pflege-Institutionen „einen tiefgreifenden Reflexionsprozess mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führen“. Der Ethikrat empfiehlt zudem, Pflege­kräfte sowohl in der Ausbildung als auch in der Fort- und Weiterbildung gezielt im Um­gang mit Robotertechniken zu schulen.

Die Makrobebene umfasst die systemischen Rahmenbedingungen und betriff laut Kruse insbesondere den Aspekt der sozialen Ungleichheit. „Es geht um die Frage, inwiefern ro­botertechnische Elemente, die dazu beitragen, eine gute Pflege zu leisten, allen Men­schen zugute kommen werden“, erläuterte Kruse. Durch die Einführung der Technik dürfe eine soziale Spaltung nicht noch verstärkt werden, forderte der Geriater.

Zu den Forderungen des Ethikrates zählen beispielsweise auch die angemessene Ein­be­zie­h­ung sowohl von Menschen mit Assistenz- oder Pflegebedarf als auch von (professio­nell) Pflegenden in die Entwicklung robotischer Systeme. Sicherheitsstandards und Haf­tungsregelungen sollten überprüft und gegebenenfalls angepasst werden, um einer Ero­sion von Verantwortung im Umgang mit Robotertechniken vorzubeugen.

Reaktionen

Aus Sicht der Grünen eröffnet die Pflegerobotik viele Möglichkeiten, Menschen mit Ein­schränkungen und älteren Menschen das Leben zu erleichtern und das Pflegepersonal zu entlasten.

„Wo sich Prozesse verändern, Tätigkeiten entfallen oder hinzukommen und neue Berufe entstehen, braucht es ein neues Miteinander der Gesundheitsberufe“ betonte Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Alten- und Pflegepolitik bei der Bundestagsfraktion der Grünen. Die Grünen fordern einen Innovationsfonds für die Pflege, eine sektorenüber­greifende Versorgung und Finanzierung sowie einen Digitalpakt für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.

„Die Bundesregierung muss die Mahnung des Ethikrats ernst nehmen und den Bedarf von Menschen mit Pflegebedarf in den Mittelpunkt stellen“, kommentierte Pia Zimmermann, pflegepolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, die Stellungnahme des Ethikrats. Robotik könne eine sinnvolle Ergänzung in der Pflege sein, jedoch kein Ersatz. Durch den Einsatz von Robotik ergäben sich neue Arbeitsfelder für Pflegekräfte, auf die diese sich zusätzlich einstellen müssten.

Die Bundesregierung müsse außerdem dafür sorgen, dass der Einsatz von Robotik Men­schen mit Pflegebedarf nicht zusätzlich finanziell belaste. „Die Anreize durch fiktives Ein­sparpotenzial durch Roboter, das einzig den Pflegeanbietern nutzen würde, dürfen nicht auch noch dadurch verstärkt werden, dass Menschen mit Pflegebedarf die Einfüh­rung der Robotik finanzieren müssen“, forderte die Politikerin.

Die Stellungnahme des Ethikrates „bestärkt uns in unserer Überzeugung, dass konkrete Kriterien für den guten Einsatz von Robotern in der Pflege entwickelt werden müssen“, erklärte Caritas-Präsident Peter Neher. Roboter könnten dann die Situation von pflegebe­dürf­tigen Menschen verbessern, „wenn sie Zeit und Raum für menschliche Beziehungen eröffnen“, meinte er. Zudem müsse die Anwendung robotischer Systeme „von den Ge­pflegten und den Pflegenden gewollt sein, damit sie eine wirkliche Hilfe darstellt“, bekräftigte er.

Neher verwies auf das Förderprojekt „BeBeRobot“ (Begründungs- und Bewertungsmaß­stäbe von Robotik für die Pflege), in dem ein ethischer Kriterienkatalog für den Einsatz von Pflegerobotern erstellt werde. © KBr/aerzteblatt.de

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