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Medizin

Studie: Niedriger Blutdruck könnte Sterberisiko von gebrechlichen älteren Menschen erhöhen

Dienstag, 10. März 2020

/giorgiomtb, stock.adobe.com

Exeter/England – Ein niedriger Blutdruck, wie er zunehmend in Leitlinien auch für ältere Menschen empfohlen wird, war in einer Auswertung von Krankenakten britischer Patienten mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden, obwohl laut der Publikation in Age and Ageing (2020; doi: 10.1093/ageing/afaa028) ein Anstieg von kardiovaskulären Erkrank­ungen bei Senioren mit erhöhtem systolischen Blutdruck erkennbar war.

Seit die SPRINT-Studie, eine randomisierte kontrollierte Therapiestudie, gezeigt hat, dass eine Senkung des systolischen Blutdrucks auf 120 mm Hg ältere Menschen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vorzeitigem Tod schützt, wird zunehmend zu einer aggressi­ven Blutdrucksenkung im Alter geraten. Dem stehen die Erfahrungen aus Beobachtungs­studien gegenüber, in denen ein niedriger Blutdruck bei älteren Menschen mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert war.

Ein Grund für die Diskrepanz könnte nach Ansicht von Jane Masoli von der Universität Exeter darin bestehen, dass Menschen mit orthostatischer Dysregulation (Blutdruckabfall nach dem Aufstehen) oder kardiovaskulären Vorerkrankungen von der Teilnahme an der SPRINT-Studie ausgeschlossen waren. Im klinischen Alltag weisen allerdings viele Menschen diese Störungen mit steigendem Alter immer häufiger auf.

Die Epidemiologin Masoli hat deshalb die Daten der „Clinical Practice Research Datalink“, die in England die Daten von vielen Hausarztpatienten verwaltet, ausgewertet. Die Analyse beruht auf den Daten von 415.980 Patienten im Alter von 75 bis 109 Jahren, von denen etwa 1/3 einen erhöhten „Electronic Frailty Index" (eFI) hatte.

Die Patienten mit einem erhöhten eFI hatten häufiger Schlaganfälle und Herzinfarkte in der Vorgeschichte, und auch Hypertonie, Hypercholesterinämie und Rauchen, die wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, waren bei ihnen häufiger. Es gilt als erwiesen, dass diese Risikofaktoren Ursachen für eine erhöhte Gebrechlichkeit im Alter sind.

Die Analyse zeigt, dass auch im hohen Alter ein erhöhter Blutdruck weiter mit einer erhöhten Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen einherging. Dies trifft insbesondere auf den Schlaganfall zu, für den ein erhöhter Blutdruck der wichtigste Risikofaktor ist. Aber auch Herzinsuffizienz und Herzinfarkte waren bei Hypertonikern häufiger.

Das Gesamtsterberisiko war jedoch bei Patienten mit hohem Blutdruck niedriger. Im Alter von 75 bis 84 Jahren war ein systolischer Blutdruck von 130 mm Hg bis 170 mm Hg mit einem leicht verminderten Sterberisiko verbunden. Im Alter von über 85 Jahren war eine protektive Assoziation sogar für einen systolischen Blutdruck von über 180 mm Hg erkennbar.

Besonders ausgeprägt war diese „Schutzwirkung“ bei den Senioren mit hoher Gebrech­lichkeit. Sie hatten bei einem systolischen Blutdruck von über 180 mm Hg ein um 39 % vermindertes Sterberisiko (Hazard Ratio 0,61; 95-%-Konfidenzintervall 0,49 bis 0,77). Ein Blutdruck von unter 130 mm Hg war dagegen mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden.

Die Gründe für die Diskrepanz (niedrigstes Sterberisiko bei hohem Druck trotz vermehrten Herz-Kreislauf-Erkrankungen) kann Masoli nicht klären. Wie immer in epidemiologischen Studien besteht die Gefahr, dass die Studie ein verzerrtes Abbild der Wirklichkeit liefert.

Der Vorteil gegenüber der SPRINT-Studie und anderen randomisierten Studien besteht darin, dass die Ergebnisse repräsentativ für die Gesellschaft sind. Klären ließe sich das Paradoxon nur durch weitere randomisierte Studien, die gebrechliche Patienten nicht von der Teilnahme ausschließen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Mittwoch, 11. März 2020, 22:58

Wie immer kommt es drauf an...

Der starr Blick auf den Blutdruck versperrt den Blick auf das "dahinter": Wie ein normotoner RR bei gebrechlichen Patienten mit zahlreichen Medikamenten erzwungen, kann dies zusammen mit der häufigen Polypragmasie der Arzneiverordnung en höheres Sturzrisiko und damit auch ein höheres Sterbersiko auslösen.
Ohne Berücksichigung der Medikamentnanamnese sind diese Studien wenig aussagekräftig.
Drei bis vier Antihypertensiva, Antidiabetica, Antidementiva, Xanthinoxidasehemmer, Diuretica, Aldosteronantagonisten und nicht zu vergessen die zahlreichen Psychopharmaka und Analgetica - diesr Cocktail ist der Anlass für die höhere Sterberate.
Menschen mit einem ohne Medikamente normalen Blutdruck leben auf jeden Fall länger und sind auch gesünder.
Möglicherweise ist es so, dass lmit höherem Blutdruck länger lebende Patienten (Haus-)Ärzte haben, die sich mehr Gedanken um das Patientenwohl machen und nicht Zielgrößen zu erreichen versuchen, die nur mit hohen anderen Risiken erreichbar sind.
Der Blutdruck ist sozusagen ein "Surrogatparameter"
Avatar #759489
MITDENKER
am Dienstag, 10. März 2020, 22:38

Hochdruckhysterie

Es haben Heilpraktiker schon vor Jahren davor gewarnt, den Blutdruck bei Senioren zu stark abzusenken. Zeigt sich immer wieder. Für unsereiner nichts Neues.
LNS

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