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Politik

SARS-CoV-2: „Wir müssen den Ausbruch verlangsamen“

Montag, 9. März 2020

Jens Spahn (rechts, CDU), Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, Christian Drosten (Mitte), Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, und Lothar H. Wieler (links), Präsident des Robert Koch-Instituts. /picture alliance, Bernd von Jutrczenka

Berlin – Im Kampf gegen die Ausbreitung des SARS-CoV-2 hat die Bundesregierung heute deutlich gemacht, dass sich die Menschen auf längere Einschränkungen im Alltagsleben einstellen müssen.

„Wir reden deutlich über mehrere Monate als über mehrere Wochen“, sagte Bundesge­sund­­heitsminister Jens Spahn (CDU) in Berlin. „Wir müssen den Ausbruch verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem weiter funktionieren kann.“ Gleichzeitig gelte es, Unter­brechungen des normalen Alltags so gering wie möglich zu halten.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, das Coronavirus werde sich weiter ausbrei­ten. Bisherige Maßnahmen seien aber nicht vergebens gewesen. Das wirksamste Mittel sei nun der „Faktor Zeit“, um eine Überlastung etwa von Ärzten und Krankenhäusern zu verhindern. Die Ausbreitung des Virus müsse verlangsamt werden – auch damit die Wissenschaft für einen Impfstoff forschen könne.

Merkels Sprecher Steffen Seibert betonte: „Die Bürger können darauf vertrauen, dass die gesamte Bundesregierung mit der Bundeskanzlerin an der Spitze alles tut, um die Aus­brei­tung dieses Virus einzudämmen.“ Sie sei mit aller Kraft und allem Einsatz dabei, „unser Land durch diese extrem schwierige Situation zu steuern“.

Spahn sagte, die Möglichkeiten des Virus , sich durch den Kontakt von Menschen untereinander zu verteilen, müssten verringert werden. „Dazu brauchen wir die gesamte Ge­sellschaft. Wir brauchen jeden einzelnen Bürger und jede einzelne Bürgerin.“ Dafür gelte es zu prüfen, auf was eine Zeit lang zu verzichten oder schwerer zu verzichten sei. Aus seiner Sicht sei der Verzicht auf ein Konzert, einen Clubbesuch oder ein Fußballspiel leich­ter als auf den täglichen Weg zur Arbeit.

Der Minister appellierte an die Eigenverantwortung der Bürger, alle Möglichkeiten in Er­wägung zu ziehen – etwa weniger zu reisen oder wenn möglich von zu Hause zu arbei­ten. Chronisch kranke Arbeitnehmer sollten Vereinbarungen mit dem Arbeitgeber treffen, die sie und ihre Kollegen schützen. Unternehmen sollten bereit sein, dies zu ermöglichen.

In großen Städten könnten viele häufiger zu Fuß gehen oder Rad fahren, statt den öffent­lichen Nahverkehr zu nutzen. Spahn ermunterte erneut dazu, Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern abzusagen. Schulen und Kitas sollten dagegen nicht grundsätzlich geschlossen werden, damit Eltern weiter zur Arbeit gehen könnten, sagte Spahn.

Wenn Ärzte, Pflegekräfte, Polizisten oder Busfahrer ausfielen, hätte das wiederum Folgen für das öffentliche Leben und die Sicherheit. Es gelte weiterhin, „besonnen und ernsthaft“ an die dynamische Lage heranzugehen. Ziel sei, die wertvolle Ressource von 28.000 Betten in der Intensivversorgung auch für die gleichzeitige Behandlung einer größeren Patientenzahl funktionsfähig zu halten.

Auch kleinere Veranstaltungen bei hohem Risiko absagen

Zum Eindämmen der Epidemie sind aus Spahns Sicht auch Absagen von Veranstaltungen mit weniger als 1.000 Teilnehmern sinnvoll – wenn das Infektionsrisiko hoch ist. „Die Zahl 1.000 heißt ja nicht: Alles da drunter ist per se ok, und alles da drüber ist per se nur problematisch.“

Die genannte Größenordnung begründete er damit, dass sie ein stückweit europäischer Standard geworden sei. „Es gab ein Bedürfnis danach, das habe ich gespürt in vielen Ge­sprächen, mal ein Parameter zu haben.“ Mit dieser Zahl habe er auch denjenigen den Rücken stärken wollen, die solche Entscheidungen zu treffen haben.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) dringt auf schnelle Vorkehrungen gegen eine starke Zu­nah­me von Infizierten. „Das ist eine ernste Lage, und diese Lage könnte sich weiter zu­spit­zen“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler.

Behörden vor Ort müssten auch über den Umgang mit Großveranstaltungen und zeitwei­se Schließungen öffentlicher Einrichtungen entscheiden – „und zwar schon, bevor es massenhaft Fälle in einer Gegend gibt“. Auch Praxen, Kliniken oder Altenheime müssten Vorbereitungen jetzt abschließen.

Das Frühjahr und der Sommer dürften die Virus-Ausbreitung aus Sicht des Direktors des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, kaum verlangsamen. Es sei wohl damit zu rechnen, „dass wir direkt in eine Epidemiewelle hineinlaufen“. Der sai­sonale Effekt auf diese Viren dürfte nicht so groß sein wie auf einige andere Erkältungs­viren. Drosten verwies auf entsprechende verfeinerte Modellrechnungen einer Studie aus den USA.

Erste Todesfälle in Deutschland

In Deutschland gibt es die ersten Todesfälle infolge des Virus. In einem Krankenhaus in Essen starb heute eine 89-jährige Patientin, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Auch im Kreis Heinsberg gab es nach Angaben eines Sprechers der Kreisverwaltung einen Todes­fall. Insgesamt stieg die Zahl der bestätigten Coronavirusansteckungen auf 1.123 Fälle. In Brandenburg wurden rund 5.000 Menschen in Neustadt an der Dosse unter Quarantäne gestellt.

Bei der 89-jährigen Essenerin war der Erreger nach Angaben der Stadt am vergangenen Dienstag festgestellt worden. Ihr Allgemeinzustand sei zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme an der Uniklinik Essen bereits so stark eingeschränkt gewesen, dass sie auf der Intensivstation behandelt wurde. Sie starb demnach an einer Lungenentzündung infolge einer Infektion mit SARS-CoV-2.

Zu dem Todesfall im vom Coronavirus besonders betroffenen Kreis Heinsberg konnte der Sprecher zunächst nichts Näheres mitteilen. Es sollte aber am Abend eine Pressekonfe­renz geben. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es inzwischen bereits 484 Infektionen, wie aus den aktuellen Daten des RKI hervorging. Einzig in Sachsen-Anhalt wurde bis Montag kein Fall bekannt.

Weltweit haben sich inzwischen weit mehr als 111.000 Menschen mit dem Virus infiziert. Fast 3.900 sind daran bis heute Nachmittag (17 Uhr) gestorben. Aktuelle Fallzahlen hat die John Hopkins CSSE in einer interaktiven Karte online zusammengefasst. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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