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Politik

Gemeinden und Krankenhäuser sollen Krisenpläne aktivieren

Dienstag, 10. März 2020

/picture alliance

Berlin – Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat Gemeinden und Krankenhäuser wegen der Aus­breitung des Coronavirus SARS-CoV-2 dazu aufgerufen, ihre Krisenpläne zu aktivieren. RKI-Präsident Lothar Wieler sprach heute in Berlin von einer ernsten Situation. „Wir ste­hen am Anfang dieser Epidemie“, sagte er. „Wir werden sie nur be­wäl­­tigen, wenn alle Ver­antwortungsträger mit dieser bevorstehenden Krise entsprechend umgehen.“

Das RKI erklärte heute ganz Italien zu einem Risikogebiet. Für Deutschland stuft es in der Risikobewertung die Gefahr als „mäßig“ ein. Es gebe aber auch in Deutschland besonders gefährdete Gebiete, vor allem den nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg.

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Nach den seit gestern Nachmittag nicht weiter aktualisierten Zahlen des RKI gibt es in Deutschland 1.139 bestätigte Erkrankungen, zwei Menschen in Nordrhein-Westfalen star­ben. Noch nicht berücksichtigt in den RKI-Zahlen sind die mittlerweile in Sachsen-Anhalt bestätigten vier Erkrankungen, womit auch das letzte Bundesland SARS-CoV-2-Fälle mel­de­te.

Nach den Fallzahlen, die die John Hopkins Universität in einer interaktiven Karte online zusammenfasst, gibt es 1.281 nachweislich Infizierte (Stand 17.30 Uhr) in Deutschland. Weltweit haben sich inzwischen mehr als 116.000 Menschen mit dem Virus angesteckt. Fast 4.100 sind da­ran insgesamt bis heute Nachmittag (17.30 Uhr) gestorben.

Bundesländer verbieten Großveranstaltungen

Zunehmend umgesetzt wird in den Bundesländern die Empfehlung von Bundesgesund­heitsminister Jens Spahn (CDU), Veranstaltungen mit 1.000 und mehr Teilnehmern abzu­sagen. Je nach Infektionsgefahr könne das aber auch für kleinere Treffen gelten, sagte er.

Zur Eindämmung der Infektionen können die örtlichen Behörden in NRW auch Veranstal­tungen mit weniger als 1.000 Personen absagen, wenn es besondere Risiken gibt. Darauf weist ein heute beschlossener Erlass der nordrhein-westfälischen Landesregierung hin.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte heute von allen Bundesländern ein einheitliches Vorgehen. Es dürfe auf keinen Fall ein Kompetenzchaos geben, sagte er nach einer Sitzung des Landeskabinetts in München.

Kein Bundesland dürfe bei den Schutzmaßnahmen für sich entscheiden, unter den Em­pfeh­lungen der Experten zu bleiben. Für den Freistaat habe er daher entschieden, dass die Vorgaben und Empfehlungen des Bundes vollständig umgesetzt würden. Es gelte jetzt das „Primat der Medizin“, dem müsse sich alles unterordnen.

Söder betonte, dass sich Bayern und Deutschland langfristig für einen seriösen Umgang mit dem Coronavirus wappnen müsse – etwa mit Blick auf die Zahl von geeigneten Krankenhausbetten. „Das ist schon ein echter Stresstest für unser Gesundheitssystem.“

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt hat sich bei Krisensituationen wie jetzt für mehr Kompetenzen des Bundes ausgesprochen. Er denke, „dass wir Krisenmechanismen entwickeln müssen für solche Epidemien, (...) wo eine Bundeskompetenz dann begründet wird, die auch verbindlich für Deutschland Entscheidungen in diesem Umfang treffen kann“, sagte Dobrindt.

Er sei überrascht, dass es Bundesländer gebe, die noch nachdenken müssten, ob sie den Empfehlungen von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn folgen sollten. Er halte dieses „für sehr ratsam“. In solchen bundesweiten Krisenfällen könnten die Länder nur wenig selbst ausrichten.

Es sei die „klassische Aufgabe des Bundes“ und eine seiner „Urkompetenzen“, in Krisensi­tu­ationen dieser Größenordnung geeignete Maßnahmen zu ergreifen, sagte Dobrindt und verwies als Beispiel auf das Kurzarbeitergeld, mit dem unter anderem die Auswirkungen der COVID-19-Epidemie auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Deutschland begrenzt werden soll. Regionale Hochwasser etwa seien dagegen Aufgabe der zuständigen Stellen vor Ort.

Hausärztetage und KBV-VV abgesagt

Die österreichische Bundesregierung untersagte heute bis Anfang April Veranstaltungen in geschlossenen Räumen mit mehr als 100 Teilnehmern. Für Outdoor-Veranstaltungen liegt die Grenze bei 500 Menschen.

Auch immer mehr Veranstalter sagen Messen und größere Treffen ab. Dazu gehörten in den vergangenen Tagen der Deutsche Pflegetag und mehrere Hausärztetage. Auch die für Freitag geplante Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) findet nicht statt. Begründet wurde das vor allem damit, dass die Kapazitäten der Ärzte und Pflegekräfte sowie der gemeinsamen Selbstverwaltung in der Versorgung benötigt würden.

Als Reaktion auf die Epidemie bleiben von heute an auch im Bundestag die Reichstags­kuppel und die Dachterrasse für Besucher geschlossen. Das Dachgarten-Restaurant in direkter Nachbarschaft bleibe aber geöffnet, teilte das Restaurant Käfer mit. Allerdings sei eine Anmeldung nötig.

Bundesinnenminister Horst See­hofer (CSU) verweilt wegen eines Kontakts zu einem mög­li­cherweise mit SARS-CoV-2-Infizierten vorerst weiter zu Hause in Ingolstadt. Es soll das Testergebnis der Kontaktper­son abgewartet werden, wie Seehofers Sprecher Steve Alter sagte. „Wir rechnen damit, dass wir heute Abend mehr Klarheit haben.“

Alter hatte gestern Abend auf Twitter mitgeteilt, dass der 70-jährige Seehofer und die Kontaktperson bei einer Besprechung in Brüssel im selben Raum waren. Deshalb war der Minister von seinem Wohnort Ingolstadt nicht nach Berlin zurückgekehrt. Zu der Begeg­nung war es bei einem Treffen der EU-Innenminister vergangene Woche in Brüssel ge­kommen.

Der Bundestag stellt voraussichtlich massive Finanzmittel zum Kampf gegen den Virus zur Verfügung. „Wir werden zusätzliche Haushaltsmittel zur Verfügung stellen bis zu einer Milliarde Euro“, kündigte Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) heute vor einer Sitzung der Unionsfraktion in Berlin an.

Rückkehrer aus Risikogebieten sollten zu Hause bleiben

Schleswig-Holsteins Ge­sund­heits­mi­nis­terium hat an das Verantwortungsbewusstsein von Rückkehrern aus SARS-CoV-2-Risikogebieten appelliert. Sie sollten wenn möglich zu Hause bleiben und bei auftretenden Symptomen telefonisch un­ter der Nummer 116117 die weitere Diagnostik klären, erklärte das Ministerium weiter.

Das Ministerium verwies auch auf Möglichkeiten, zu Hause zu arbeiten. Dies könne ein sinnvolles Instrument für Reiserückkehrer sein, um das Risiko einer möglichen Krank­heits­übertragung zu verringern. Arbeitgeber sollten solche Möglichkeiten prüfen und nutzen.

Auf Besuche von Angehörigen in Kliniken und Pflegeheimen sollte vorübergehend mög­lichst verzichtet werden, um das Infektionsrisiko zu verringern. Diese Einschränkung tra­ge auch dazu bei, die begrenzten Ressourcen an Schutzkleidung dort nutzen zu können, wo sie vorrangig gebraucht werden, nämlich in der medizinischen Versorgung.

Leichte Besserung in Asien

Chinas Behörden meldeten heute 19 neu nachgewiesene Virusfälle und 17 weitere To­des­fälle. Nicht nur der Anstieg der Infektionen war relativ gering – auch der tägliche Zu­wachs der Todesfälle war der niedrigste seit sechs Wochen.

Damit sind in der Volksrepu­blik 3.136 Tote zu beklagen. Seit Beginn der Epidemie im Dezember haben sich nach der offiziellen Statistik 80.754 Menschen in Festlandchina mit dem neuen Coronavirus infi­ziert. Fast 60.000 haben die Krankenhäuser wieder verlassen.

Inwieweit die offizielle Statistik die wahre Lage widerspiegelt und wie hoch die Dunkel­­ziffer ist, scheint unklar. Seit einer Änderung der Zählweise Mitte Februar hat sich der täglich berichtete Anstieg der neuen Infektionen mit dem Virus und der Todesfälle in der amtlichen Auflistung reduziert. Amtliche Stellen ver­weisen gerne auf den Rückgang der Zahlen, wenn dazu aufgerufen wird, in weniger be­troffenen Gebieten zur Normalität zu­rückzukehren und die Produktion wieder aufzuneh­men.

Auch in Südkorea sank die Zahl der Neuinfizierten. Gestern habe es 131 weitere Fälle ge­geben, teilten die Gesundheitsbehörden heute mit. Das war die niedrigste Zunahme an einem Tag seit zwei Wochen. Die Gesamtzahl stieg auf mehr als 7.500. Bisher gab es in Südkorea 54 Todesfälle, die mit dem neuartigen Coronavirus in Verbindung gebracht werden.

Ganz Italien ist Sperrzone

In Europa breitet sich das Virus weiter rasant aus. Im am stärksten betroffenen Land Ita­li­en weitete die Regierung die Sperrungen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit auf das ganze Land aus. Rund 60 Millionen Menschen können sich seit heute nicht mehr frei bewegen.

Es gebe keine Zeit zu verlieren, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, sagte Pre­mier­minister Giuseppe Conte gestern Abend. Internationale Zug- und Flugverbindungen sowie der öffentliche Nahverkehr sollen nicht ausgesetzt werden. Mit Bezug auf das Aus­land „ändere sich nichts“. Dafür bleiben Schulen, Universitäten und Kindergärten im gan­zen Land bis mindestens 3. April geschlossen. Auch alle Sportveranstaltungen, einge­schlossen der Spiele der Serie A, werden ausgesetzt.

Das Land kämpft gegen eine rapide steigende Zahl von Infizierten und Toten durch die COVID-19-Lungenkrankheit. Mittlerweile haben sich fast 10.000 Menschen angesteckt, mehr als 460 sind gestorben. Die Krankenhäuser in den besonders betroffenen Zonen sind am Limit, Plätze in den Intensivstationen sind knapp.

Touristen konnten auch bisher aus den Sperrzonen im Norden ausreisen. Allerdings hatten Fluglinien ihre Verbindungen in den Norden zusammengestrichen oder ganz aus­gesetzt. An den Grenzen sollen Einreisende nach Italien kontrolliert werden. Angesichts der Epidemie hatte das Auswärtige Amt in Berlin schon vorher von Reisen in zahlreiche Gebiete im Norden und in der Mitte Italiens abgeraten. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de

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Avatar #43208
tuktuk
am Dienstag, 10. März 2020, 18:48

Kommunen als Vorbild?

Leider sind die Kommunen noch nicht einmal in der Lage ihren eigenen Mitarbeitern, die im Home-Office arbeiten können, dieses auch zuzugestehen. Was bekommt man auf Nachfrage zu hören: ...freuen wir uns Sie morgen hier begrüßen zu dürfen...
Avatar #109
Claas Hüttenrauch
am Dienstag, 10. März 2020, 17:55

"Kriegsmedizin" in Italien

"...Wie es in Krankenhäusern aussieht, wenn auf exponentielles Wachstum nicht adäquat reagiert wird, das kann man den folgenden beiden Berichten von Ärzten aus italienischen Krankenhäusern entnehmen.
Der erste Bericht findet sich im Rahmen eines Interviews, das der Narkosearzt Christian Salaroli aus Bergamo dem Corierre della Sera gegeben hat. Die Übersetzung stammt von Eva-Maria Michels. Im zweiten Bericht schildert Daniele Macchini seinen Alltag als Stationsarzt ebenfalls in Bergamo...":
https://sciencefiles.org/2020/03/10/sars-cov-2-ist-nicht-mit-der-grippe-vergleichbar-ein-blick-nach-italien-reicht-um-das-zu-erkennen/
LNS

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