NewsÄrzteschaftIntensivmediziner wollen praktikable Quarantäne­regelungen für medizinisches Personal
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Intensivmediziner wollen praktikable Quarantäne­regelungen für medizinisches Personal

Dienstag, 10. März 2020

/Sabphoto, stock.adobe.com

Berlin – Die Kritik an den Quarantäneempfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) für medizinisches Personal reißt nicht ab. Die strikte Beachtung der Vorgaben würde „zu ei­nem Kollaps der Gesundheitsversorgung durch Krankenhäuser und Arztpraxen führen“, warnte jetzt die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallme­di­zin (DGIIN).

Ihre Forderung: Asymptomatische Kontaktpersonen sollen unter klar geregeltem Schutz und Überwachungsmaßnahmen weiterhin an der Patientenversorgung teilnehmen können. Bereits in der vergangenen Woche hatten Ärztevertreter das RKI aufgefordert, die Quaran­täneempfehlungen für medizinisches Personal zu lockern.

Anzeige

Das RKI hält jedoch an seinen Empfehlungen fest: Die Empfehlung zur häuslichen Qua­ran­täne gelte schließ­lich nur für diejenigen, die engen (≤ 2 Meter) ungeschützten Kontakt zu einem bestä­tigten COVID-19-Fall im Rahmen der Pflege oder medizinischen Untersu­chung gehabt hätten.

Doch eben diese Regelung wird nun von der DGIIN als „nicht praktikabel“ kritisiert: Mit­arbeitende in der Notfallaufnahme kämen beispielweise im Laufe eines Arbeitstages mit einem großen Personenkreis des übrigen dort tätigen medizinischen Fachpersonals in Kontakt. Dies sei auch dann der Fall, wenn eine COVID-19-Erkrankung bei einem Mitar­bei­ter (oder Patienten) noch nicht erkannt und diagnostiziert sei.

„Kommt es dann zu einer nachgewiesenen Infektion mit SARS-CoV-2 und nachfolgender COVID-19-Erkrankung müssten laut aktuellen Empfehlungen des RKI alle Kontaktper­so­nen ebenfalls in Quarantäne“, so die Fachgesellschaft. „Ein solcher Ausfall kann aufgrund der ohnehin schon dünnen Personaldecke nicht kompensiert werden“, gibt Stefan John, Präsident der DGIIN, zu bedenken.

Vor diesem Hintergrund hat es in der jüngsten Vergangenheit bereits Abweichungen von der Empfehlung des RKI gegeben. In Abstimmung mit den lokalen Gesundheitsbehörden haben sich Krankenhäuser nicht nur der Maximalversorgung für ein anderes Vorgehen ent­schieden, um die Sicherheit der zum Teil kritisch erkrankten Patienten durch Ausfall von ganzen Belegschaften nicht zu gefährden.

Vorschlag für neue Handlungsempfehlungen

Doch: „Solche Abweichungen können zur Verunsicherung der Bevölkerung und des medi­zi­nischen Personals beitragen“, erklärte John, der am Klinikum Nürnberg den Funktions­bereich Intensivmedizin leitet.

Die DGIIN schlägt daher folgende Handlungsempfehlungen vor:

  • Asymptomatisches medizinisches Personal der Kategorie I des RKI muss nach Kon­takt mit einer SARS-CoV-2-positiven Person unverzüglich auf SARS-CoV-2 getestet werden. Bei fehlenden Symptomen oder sonstigen Zeichen einer Infektion kann die betreffende Person zunächst weiter bis zum endgültigen negativen Testergebnis arbeiten.
  • Die Kontaktperson muss bei der weiteren Arbeit jedoch einen Mund-Nasen-Schutz tragen.
  • Weiterhin sollte zweimal pro Tag Fieber gemessen und ein Gesundheitstagebuch geführt werden mit einer Dokumentation des allgemeinen Befindens.
  • Die Kontaktpersonen werden außerdem gebeten, auch im häuslichen Umfeld Hy­gie­nemaßnahmen einzuhalten und auf den Besuch von größeren öffentlichen Ver­anstaltungen zu verzichten.
  • Zudem muss alle zwei bis drei Tage ein Test der Person auf das Virus erfolgen.

Sobald das Virus bei einer Kontaktperson nachgewiesen werde, müsse natürlich eine häusliche Quarantänestellung erfolgen, betonte John. Und dies gelte auch für Kontakt­personen, die plötzlich Symptome zeigten.

Spahn: Gute Intensivmedizin

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sieht nach eigener Einschätzung Deutsch­land unterdessen im Kampf gegen das Virus medizinisch besser aufgestellt als andere europäische Länder.

In den deutschen Krankenhäusern gebe es 28.000 Intensivplätze, davon seien 25.000 mit Beatmungsmöglichkeiten ausgerüstet, sagte Spahn heute nach Angaben von Teilnehmern in der Sitzung der Unionsfraktion im Bundestag in Berlin. Dies sei mehr als in anderen EU-Ländern.

Spahn sagte nach diesen Angaben, ein Anteil von ein bis drei Prozent der Infizierten müsse auf einer Intensivstation behandelt werden – und davon wiederum müsse ein Teil beatmet werden. Er unterstrich in diesem Zusammenhang, irgendwann werde der Punkt erreicht, an dem das Gesundheitssystem seine Ressourcen konzentrieren müsse. © nec/dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #749292
bluedreams54
am Dienstag, 10. März 2020, 18:57

Wie bitte?

Med. Personal wird zweitklassig behandelt. Da aber eine bspw Pflegekraft mehrere Lebensrollen hat werden sie sich sicher zu schützen wissen. Und wenn das Gebot ' Selbstpflege' lautet. Denn auch die eigene Gesundheit ist Gold wert. Und red. Personaluntergrenzen sorgen- neben Überforderung durch immensen Arbeitsaufwand- nicht selten zur red. Immunlage des Personals. Gilt auch für Ärzte übrigens.
LNS

Nachrichten zum Thema

7. April 2020
Berlin – Die Zahl der offiziell gemeldeten SARS-CoV-2-Infektionen in Deutschland steht kurz vor der 100.000-Marke, die Zahl der Neuerkrankungen ist mit 3.834 aber etwas geringer als an den Vortagen.
Weniger Neuinfektionen, aber RKI will noch nicht von Entspannung sprechen
7. April 2020
Berlin – Der Deutsche Ethikrat ermutigte heute die Bevölkerung, sich in die Debatte über eine Lockerung der massiven Beschränkungen im öffentlichen Leben im Rahmen der COVID-19-Pandiemie einzubringen.
Ethikrat wirbt für breite, sachliche und soziale Debatte über Öffnungsperspektiven
7. April 2020
Hongkong − Patienten, die sich während der Inkubationszeit der SARS-CoV-2-Infektion einer Operation unterzogen, erkrankten in einer Fallserie aus China in EClinicalMedicine (2020; doi:
SARS-CoV-2: Infektion erhöht Sterberisiko chirurgischer Patienten
7. April 2020
Berlin − Krankenpflegekräfte und Ärzte in den landeseigenen Krankenhäusern in Berlin sollen wegen der Coronakrise in den nächsten Monaten insgesamt 450 Euro zusätzliches Gehalt bekommen. Von
450 Euro extra für Pfleger und Ärzte bei Vivantes und Charité
6. April 2020
Washington/Cheongju – In den vergangenen Tagen wurde zunehmend über die Möglichkeit spekuliert, dass sich SARS-CoV-2 nicht nur per Tröpfcheninfektion verbreitet, sondern auch über Aerosole in der
SARS-CoV-2-Infektion über die Luft nicht auszuschließen
6. April 2020
Potsdam – Am Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann sind neun weitere Menschen positiv auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus getestet worden. Bei neuen Tests wurde bei sieben Mitarbeitern
Potsdamer Klinik verzeichnet weitere Coronainfizierte
6. April 2020
Dachau − Neben COVID-19-Patienten behandelt ein Klinikum in Dachau schrittweise wieder andere Kranke. „Wir wollen so schnell wie möglich wieder den Normalbetrieb aufnehmen“, teilte
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER