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Vorübergehende Abmeldung von Betten verschärft Lage in Kliniken

Mittwoch, 11. März 2020

/dpa

Wiesbaden/Eschborn – Zu viele Klinken, zu viele Betten – seit Jahren sprechen Gesundheitsexperten von Überkapazitäten im Gesundheitswesen. Patienten haben eher einen gegenteiligen Eindruck: Die Kliniken sind voll, das Personal an der Belastungs­grenze, auf Termine muss man warten. Die Hessische Krankenhausgesellschaft sieht im Fachkräftemangel eine Hauptursache: Die offiziell gemeldete Bettenzahl entspreche nicht der Zahl im Alltag.

Seit Jahrzehnten sinkt in Hessen die Zahl der Krankenhäuser und der vorgehaltenen Betten. 137 Kliniken gab es nach aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes im Jahr 2017, 152 waren es noch im Jahr 2000 gewesen.

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Im selben Zeitraum sank die Zahl der Betten von knapp 37.000 auf unter 33.000. „Die Auslastung der Betten ist dagegen relativ konstant über die Jahre, da hat sich gar nicht so viel geändert“, sagt Steffen Gramminger, Geschäftsführer der Hessischen Krankenhaus­gesellschaft.

Das lässt eigentlich darauf schließen, dass wirklich eine Überkapazität da war oder vielleicht noch da ist: So forderte die Bertelsmann Stiftung im Sommer 2019 eine Halbierung der Zahl der Kliniken in Deutschland.

Doch in Hessens Krankenhäusern werden immer mehr Menschen behandelt.
Die Zahl der Fälle stieg in 17 Jahren von 1,17 Millionen auf 1,34 Millionen. Möglich ist das nur, wenn mehr Patienten in kürzerer Zeit behandelt werden.

„Die durchschnittliche Verweildauer hat sich vehement verändert. Im Vergleich zu den 90er Jahren hat sie sich quasi halbiert von 14 auf sieben Tage“, sagt Gramminger.

Verkürzt worden sei vor allem die Zeit, in der der Patient gesund gepflegt wird - und die eigentlich weniger arbeitsintensiv ist. Stattdessen sind nun die Tage in der Klinik voll ausgefüllt. „Das hat zu einer erheblichen Arbeitsverdichtung geführt, die Prozesse in den Kliniken sind viel enger getaktet.“

Die Krankenhäuser haben darauf reagiert und auch wegen EU-Vorgaben die Zahl der Ärzte seit 2000 fast verdoppelt. In der Pflege dagegen wurde gespart - die Mitarbeiter­zahl blieb über all die Jahre nahezu identisch.

Jetzt sind neue Pflegekräfte kaum zu bekommen - mit erheblichen Folgen: „In den pflegesensitiven Bereichen müssen die Kliniken Personaluntergrenzen einhalten – sie dürfen ein bestimmtes Verhältnis von Pfleger pro Patienten nicht unterschreiten“, sagt Gramminger: „Wenn sie das nicht einhalten können, sind die Kliniken gezwungen, Betten zeitweise zu schließen.“ Doch temporäre Schließungen tauchten in der Statistik nicht auf und verschleierten somit die Zahlen.

Angesichts des neuartigen Coronavirus müsse nun aber nicht befürchtet werden, dass Bettenschließungen die Versorgung erschwerten, betonte Gramminger und verwies auf Krisenpläne für den Fall von Pandemien.

Angesichts des derzeit leichten Verlaufs der Krankheitsfälle in Hessen mache zwar die häusliche Quarantäne Sinn – sowohl für die Erkrankten wie auch für normale Kranken­haus­patienten. Sollten aber schwerere Krankheitsverläufe auftreten, sei auch von maximalen Bettenkapazitäten in den Krankenhäusern auszugehen.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz sieht die Ursachen für die zunehmende Abmeldung von Betten beim Personalmangel. „Während die Kliniken in den letzten Jahrzehnten 70 Prozent mehr Ärzte eingestellt haben, wurde im Pflegebereich gespart“, sagt der Vorsitzende Eugen Brysch: „Diese Fehlentwicklung fällt den Einrichtungen mit der Einführung von Personaluntergrenzen nun auf die Füße.“ Jetzt werde offenkundig, dass es zu wenig Pflegekräfte gebe.

Dem Gesetzgeber sei bei der Einführung der Untergrenzen für bestimmte Bereiche 2017 klar gewesen, dass die Krankenhäuser Neuaufnahmen notfalls ablehnen oder ganze Abteilungen schließen würden. Deshalb sei eine bundesweite Lösung für die Zukunft der Krankenhäuser in Deutschland nötig. „Bund, Länder und Kommunen sind zusammen mit den Krankenhausbetreibern gefordert“, erklärt Brysch.

Das hessische Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Wiesbaden betont dagegen, dass die offizielle Betten-Auslastung von 77,2 Prozent ein vernünftiger Wert sei. „Eine höhere Auslastung würde dazu führen, dass Leistungsspitzen bestehen und die Auslastung punktuell über 100 Prozent liegt. Eine niedrigere Auslastung würde zu wirtschaftlichen Problemen führen“, sagt Sprecherin Isabel Flory.

Der Anteil der abgemeldeten Betten habe sich zuletzt nur wenig erhöht: von 28.000 Fällen im Jahr 2018 auf 30.000 Fälle im Jahr 2019.

Das kurzfristige Abmelden von Betten in diesem Umfang ist unproblematisch, denn es gibt Situationen, in denen ein Krankenhaus nicht zur Aufnahme neuer Patientinnen und Patienten in der Lage ist“, ergänzt Flory. Grundsätzlich sei eine Versorgung dann in einem anderen, nahen und geeigneten Krankenhaus in vielen Fällen möglich.

Mit der Vernetzung der Kliniken könnten die vorhandenen Kapazitäten in den Kranken­häusern besser genutzt und eine punktuell hohe Nachfrage in einer Region durch die Kapazitäten einer anderen Region ausgeglichen werden. © dpa/lhe/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 11. März 2020, 21:28

Betten-Abmeldungen verschärfen die Lage

Angesichts einer SARS-CoV-2-Pandemie und COVID-19-Erkrankungen wird aktuell über eine Verringerung der Zahl der Krankenhäuser und damit der Bettenzahlen in Deutschland nicht mehr konkret nachgedacht. Doch auch Personalmangel-bedingte Abmeldung von Betten verschärfen die Lage in den Kliniken.

Im AOK-Krankenhaus-Report von 2018 sollten 500 Kliniken in Deutschland dran glauben.
https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/bedarfsplanung/article/959967/aok-krankenhausreport-500-kliniken-koennen-dicht-machen.html

Die "Leopoldina" mit einem 8-Thesen-Papier und dem anspruchsvollen Titel "Nationale Empfehlungen - Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem (2016)" wollte 600 Kliniken ersatzlos schließen.
www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/publication/zum-verhaeltnis-von-medizin-und-oekonomie-im-deutschen-gesundheitssystem-2016/pdf

Zugespitzt wurde das Ganze durch einen Report der Bertelsmann-Stiftung (BS) von 2019, nach dem die gerade erst im ländlichen Raum geförderten Kliniken wieder geschlossen werden sollten: Paradoxerweise, damit die Versorgung der Patienten verbessert werden kann.

Von den derzeit knapp 1.400 Krankenhäusern sollten nur deutlich weniger als 600 größere und bessere Kliniken erhalten bleiben. Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten hätten genügend Er­fahrung für eine sichere Behandlung, betonten die Autoren der BS-Studie.
Völlig vernachlässigt wurde dabei, dass Erst-, Notfall-, Rettungs- und Transportmaßnahmen dadurch erheblich verzögert werden und in die BS-Kalkulationen nicht mal ansatzweise eingeflossen sind. Primäre, sekundäre und tertiäre Versorgungsebenen gehören nicht nur im ländlichen Raum, sondern auch in Sozialen Brennpunkten und Randgebieten zur Daseinsvorsorge.

Medizin- und Versorgungs-fremd argumentierende bzw. volks- und betriebswirtschaftlich den großen Krankenhaus-Konzernen nahestehende "Krankenhausexperten" wie Professor Boris Augurzky vom RWI, Professor Reinhard Busse von der TU Berlin oder Professor Max Geraedts von der Uni Marburg haben Interesse-geleitet ein Zerrbild entwickelt, das in IGES-Simulationsrechnungen der Kliniklandschaften mündete.

Das Chaos wird vorprogrammiert: Ärztinnen und Ärzte, Kranken- und Gesundheitspflege, Logistik und freie/gemeinnützige Klinik-Betreiber werden zu Gunsten großer, teilweise monopolartig operierender Krankenhaus-Konzerne und Aktiengesellschaften von der Bertelsmann-Stiftung und dem Berliner IGES-Institut diskriminiert und auseinanderdividiert!

Dazu schaltete sich fach- und wissensfremd auch noch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) als institutionelle Vertretung der vertragsärztlich niedergelassenen Haus- und Fachärzte bzw. Psychotherapeuten ein, die in vielen Bereichen nicht mal den eigenen Sicherstellungsauftrag für die Kassenärztliche Versorgung stemmen kann.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)
LNS

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