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Medizin

Cochrane-Analyse: Anonyme Alkoholiker langfristig erfolgreicher als Psychotherapien

Dienstag, 17. März 2020

Umgekippte, fast leere Alkoholflasche /Photographee.eu, stock.adobe.com
Die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) versteht ihr Programm als spirituelles Konzept, das jedem offen lässt, eine eigene Vorstellung von einer „höheren Macht“ zu entwickeln. /Photographee.eu, stock.adobe.com

Palo Alto/Kalifornien – Die Anonymen Alkoholiker, eine weltweit agierende Selbsthilfe­bewegung mit kulturellen Wurzeln in den USA, sind nach einer Metaanalyse in der Cochrane Library (2020; DOI: 10.1002/14651858.CD012880.pub2) häufiger in der Lage, Menschen mit einer Alkoholkrankheit vom Trinken abzuhalten als professionelle Psychotherapien.

Die Alkoholkrankheit wird – nach einer etwaigen Entgiftung unter ärztlicher Aufsicht – in der Regel von Psychologen behandelt, die verschiedene Behandlungsstrategien entwickelt haben. Außerhalb des „Medizinbetriebs“ gibt es Selbsthilfegruppen, die den Betroffenen Unterstützung anbieten. Die vermutlich älteste Laienorganisation sind die 1935 von einem Arzt und seinem alkoholkranken Patienten in Akron/Ohio gegründeten „Alcoholics Anonymous“, die heute als AA in 180 Ländern aktiv sind und mehr als 118.000 Gruppen betreiben.

Das Konzept der AA ist ein religiös motiviertes 12-Schritte-Programm, in dem der Betroffene nach dem Anerkennen seiner Hilflosigkeit mit göttlicher Hilfe langsam zur „spirituellen Erweckung“ geführt wird, die ihn am Ende befähigt, andere Menschen vom Alkoholkonsum zu befreien. Das ist nicht nach Jedermanns Geschmack, und viele Psychotherapeuten, die bei der kognitiven Verhaltenstherapie ebenfalls einen Weg von einer Erkenntnis der Ursachen hin zu Techniken der Alkoholvermeidung anbieten, dürften die AA nicht als wissenschaftlich begründete Therapie betrachten.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Welten besteht darin, dass die AA-Gruppen häufig über viele Jahre eine Gemeinschaft schaffen, deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützen, während eine professionelle Psychotherapie nach einer begrenzten Zahl von therapeutischen Sitzungen vorüber ist.

12-Schritte-Programm der AA-Gruppen mit 42-%-Erfolgsquote

Nach den jetzt von einem Team um Keith Humphreys von der Stanford Universität in Palo Alto vorgestellten Auswertung von 27 Studien mit 10.565 Teilnehmern könnte das 12-Schritte-Programm der AA-Gruppen am Ende die besseren Ergebnisse erzielen.

Nach einem Jahr waren 42 % der Teilnehmer der AA abstinent, während es nach einer Psychotherapie (etwa der kognitiven Verhaltenstherapie) nur etwa 35 % waren. Die Risk Ratio von 1,21 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,03 bis 1,42 signifikant.

Der Effekt war laut Humphreys vor allem darauf zurückzuführen, dass die Teilnehmer der AA-Gruppen dazu motiviert werden, nach dem Abschluss des 12-Schritte-Programms weiter an den Treffen teilzunehmen. So war der Vorteil in den Abstinenztagen in den ersten 12 Monaten noch relativ gering. Nach 24 Monaten und nach 36 Monaten gelang es den Teilnehmern der AA-Gruppen deutlich häufiger, auf den Alkoholkonsum zu verzichten, als die Teilnehmer der Psychotherapie, deren Wirkung offenbar immer weiter verblasste.

Da die Anonymen Alkoholiker keine hauptberuflichen Therapeuten beschäftigen, sind die Kosten gering. Dies wirkt sich auch auf die Studien zur Kosten-Effektivität aus, die laut der Metaanalyse alle zugunsten des 12-Schritte-Programms ausfielen. Humphreys kommt zu dem Ergebnis, dass pro Patient etwa 10.000 US-Dollar pro Jahr gespart würden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 7. Juli 2020, 00:22

Die Zahlen

können Sie gern selber beim NIAAA ("National Institute on Alcohol Abuse and Addiction") googeln...
Nach DSM IV wird im anglo-amerikanischen Bereich "Alkoholabhängigkeit" früher und häufiger diagnostiziert als bei uns, da im Gegensatz zum ICD-10 auch soziale Probleme zählen und bereits Dysphorie als Entzugssymptom werten.
Im DSM-V wurde das Konzept der "Abhängigkeit" als eigene Krankheitsentität aufgegeben und in die "Substanzgebrauchsstörung durch Alkohol" subsummiert.
Ich befasse mich seit 1992 intensiv mit Suchtmedizin, bin also schon an die Praxis angebunden. Im Ggensatz zu den Ärzten in den Entzugskliniken, die die Patienten nur während ihres Aufenthalts kennen, erlebe ich deren Alltag in den Jahren zwischen den Aufenthalten dort, bin auch mit den Angehörigen in regelmäßigem Kontakt.
Als Hausarzt kann man mich nicht so leicht "betuppen", weil ich auch Informationen aus dem Umfeld bekomme.
Etwa die Hälfte meiner "trockenen Alkoholiker hat den "klassischen Weg" durchlaufen - Entgiftung, Entwöhnung, evt. Nachsorge, SHG... die andere Hälfte hat höchstens eine Entgiftung durchlaufen und ist ohne weitere spezifische Intervention trocken geblieben. Eine Remissionsquote von 55% erscheint mir da durchaus glaaubhaft. Die amerikanischen Zahlen beziehen sich auf einen Zeitraum von 20 Jahren, müssen also ergänzt werden um "Anteil an denjenigen, die noch leben"
Vor Ort hier gibt es mehrere SHG, von den Patienten werden die AA-Gruppen anscheinend am wenigsten geschätzt.
Wem es da gefällt, kann ja gern hingehen
Avatar #768680
MiltonHeyland19
am Montag, 6. Juli 2020, 22:58

Practikus? Vorurteilikus!

Leider nehmen wir "Schulmediziner" gerne Wissenschaftlichkeit für uns in Anspruch, die wir selbst überhaupt nur als referrierte Resultate irgendwo gelesen haben. Es gab Zeiten, da hat man Alkoholikern Persönlichkeitsmerkmale wie z.B. "Machiavellismus" etc. ankonstruiert, die man dann willkürlich-wissenschaftlich "operationalisiert" und - siehe da - bei Alkoholikern auch gefunden hat! Seit bald 100 Jahren wird die dürftige Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse angemahnt (Karl Jaspers, Klaus Grawe u.v.a.). Kaum taucht aber das Wort Spiritualität auf, fällt den Leuten ihr angeblich aufgeklärtes Bewusstsein ein. Wohl im Leben noch nie eine wirkliche Krise gehabt? In wie vielen AA-Meetings haben Sie denn gesessen und einfach mal ohne Voreingenommenheit zugehört? GlaubenSie mir, die tun Ihnen nix! Die meisten Tools und Skills, die heute in Alkoholtherapien verwandt werden, finden sich seit 80 Jahren in "AA". Mit Verlaub Sie haben nicht die geringste Ahnung, was in AA eigentlich gemacht wird und wie grunddemokratisch und vor allem hierarchiefrei diese "Organisation" ist. Selbstverständlich auch völlig freiwillig (wie geht das denn?) und eine Menge Leute bekamen als "erklärte Atheisten" - was in AA aber auch niemanden stört und heute eh' jeder ist, der was auf sich zu halten meint - ihre Sucht "in den Griff." Jeder ist in AA aufgefordert - nix wird vorgeschrieben - zu glauben, was immer er will - auch an gar nix oder wie Sie an die VT und Ihre "Bias". Als wäre "AA" etwas anderes, als eine Verhaltenstherapie in Gemeinschaft - übrigens entstanden, weil medizinische Hilfe 1935 fast so wenig bewirkte wie heute. Allerdings traf der eine "Gründer" Bill W. auch auf einen lebensklugen Psychiater, der ihm den spirituellen Weg geradezu empfahl!
Was für Alkoholiker behandeln Sie eigentlich, wenn Sie an diese "Bias" "glauben"? Remissionen von 55-75%!! Das erinnert mich an die Katamneseergebnisse nach Klinikaufenthalt, die Erfolg beweisen müssen und wo dann plötzlich Alkoholikern am Telefon (!) geglaubt wird, dass sie trocken seien, während kein erfahrener "Praktiker" einem trinkenden Alkoholiker auch nur irgendetwas glaubt!
Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 17. März 2020, 23:07

Einspruch!

Da gibt es sicher zwei sehr große Biases: Zum einen einen Reporting-Bias, zum anderen einen Publication-Bias...
Die unbehandelte (!) Alkoholkrankheit zeigt im langfristigen Verlauf - vielfach untersucht und bestätigt - eine Remissionsquote von 55% in Deutschland (zB Bischof, Schneider), in den USA und Canada von ca 75%.
In den USA gibt es neben den spirituell heilenden AA keine nennenswerte medizinische Versorgung von Alkoholkranken, die stationäre Rehabilitation erfolgt nahezu ausschließlich auf der Basis der "12 Schritte". Nur 15% der remittierten Alkoholiker in den USA haben sich einer Behandlung ihrer Krankheit unterzogen, einschließlich AA-Meetings.
Die AA berufen sich weiterhin auf das Krankheitsbild des Alkoholismus nach Jellinek, das längst falsifiziert ist.
Ich kenne viele Patienten, die erhebliche Probleme mit den "12 Schritten" bzw anderen "semi-spirituellen" SHG haben.
Es ist schon kurios, dass Suchtkranke von der "wissenschaftlichen Medizin" an eine spirituelle Organisation verwiesen werden, wo dann Gott persönlich die Heilung vollbringen soll...
Da sich behandelter und unbehandelter Verlauf der Suchterkrankungen kaum unterscheiden, sollte das Hauptaugenmerk ohnehin auf Schadenminderung gerichtet werden - das Abstinenzziel ist eher ein Hindernis für die Behandlung.
Avatar #527514
Griesinger
am Dienstag, 17. März 2020, 21:47

AA-Gruppen

Für mich als Therapeut war immer klar, dass die beste Strategie die Kombination von Einzel- und Gruppentherapie sowie einer Selbsthilfegruppe ( und AA ist nur eine Möglichkeit) ist!
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