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Medizin

Neue Richtlinien zu elektromagnetischen Feldern sollen gesundheitlichen Schäden vorbeugen

Mittwoch, 18. März 2020

Sendemast mit Wlansymbol und 5G/ Галина Сандалова, stock.adobe.com
Im Jahr 1996 richtete die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) das Internationale EMF-Projekt ein, mit dem mögliche gesundheitliche Auswirkungen elekromagnetischer Felder (EMF) im Frequenzbereich von 0 bis 300 GHz bewertet werden sollte. / stock.adobe.com

Oberschleissheim – Die Internationale Kommission zum Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection – ICNIRP) hat neue Richtlinien für die Begrenzung der Exposition durch elektromagnetische Felder in Health Physics veröffentlicht (2020; DOI: 10.1097/HP.0000000000001210). Diese folgen kurz nachdem der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments (EPRS) zu Gesundheitsrisiken durch 5G-Mobilfunk Stellung genommen hat. Die ICNIRP hat in ihren Richtlinien Publikationen bis 2018 und teilweise auch aus 2019 bewertet.

Durch Einhalten dieser Richtlinien würde gewährleistet, dass auch 5G-Technologien keinen Schaden anrichten können, sagte der Vorsitzende der ICNIRP, Eric van Rongen. Unter diese nicht-ionisierende Strahlung fällt unter anderem auch die Strahlung durch Mobiltelefone und Mobilfunkmasten.

Die Richtlinien sollen vor allem in Bezug auf die hohen Frequenzen (100 kHz bis 300 GHz), die für 5G relevant sind, genauer sein als die alten Richtlinien. Van Rongen, betont in der Pressemitteilung, dass die alten Richtlinien trotzdem auch für aktuelle Technolo­gien einen adäquaten Schutz bieten würden.

Die Basisgrenzwerte und Referenzwerte findet man in der Publikation in den Tabellen 2, 3, 5 und 6. Um der wissenschaftlichen Unsicherheit Rechnung zu tragen, beinhalten die vorgeschlagenen Grenzwerte Sicherheitsfaktoren.

„Für die allgemeine Bevölkerung beträgt der Sicherheitsfaktor 50 für Ganzkörperexpo­sitionen (zum Beispiel von Mobilfunkantennenen) und 10 für lokale Exposition durch am Körper betriebene Geräte (zum Beispiel Mobiltelefon). Damit ist die Bevölkerung nach heutigem Kenntnisstand vor gesundheitlichen Auswirkungen von hochfrequenten elektromagnetischen Wellen geschützt“, sagt Martin Röösli vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) in Basel.

Die Richtlinien seien grundsätzlich ähnlich wie 1998, ergänzt Röösli, der Mitglied der ICNIRP ist. „Sie sind jedoch präziser hinsichtlich kurzer Expositionszeiten von weniger als 6 Minuten und hinsichtlich Expositionen kleinflächiger Körperregionen von wenigen Quadrat­zentimetern.

Diese genaueren Spezifizierungen sind im Hinblick auf die Einführung von 5G und der Nutzung von höheren Frequenzen (größer als 6 GHz) wichtig, damit die Bevölkerung genügend geschützt ist“, so der Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit, Departement Epidemiologie und Public Health.

Eine weitere wichtige Neuerung sei auch, dass schwangere Frauen beruflich nicht höher exponiert sein dürften als die Allgemeinbevölkerung, damit der Fötus geschützt ist.

Wissenschaftler sind unterschiedlicher Auffassung

Das kürzlich veröffentlichte Briefing der EPRS, das als Entscheidungsgrundlage für EU-Abgeordnete bezüglich der Einführung von 5G dienen soll, zeigt die unterschiedlichen Auffassungen in der Wissenschaft. Hier wird unter anderem auf den 5G-Appell hingewiesen, der 2017 bei der Europäischen Union vor allem von Ärzten und Medizin­wissen­schaftlern eingereicht wurde. Inzwischen haben ihn mehr als 300 Mediziner unterschrieben (Stand: 13. März 2020).

Ihrer Meinung nach belegen zahlreiche wissenschaftliche Publikationen die Auswirkung­en der EMF-Exposition, darunter ein erhöhtes Krebsrisiko, genetische Schäden, Lern- und Gedächtnisdefizite und neurologische Störungen.

Einige der Mediziner, die den 5G-Appell unterstützen, sagen zudem, dass es bei 5G nicht um die Energiemenge, sondern um die Zahl der Impulse gehe. Denn die Frequenz, der die gesamte Bevölkerung aufgrund des dichten Antennennetzes und der geschätzten Milliarden gleichzeitiger Verbindungen ausgesetzt sein wird, führe zu einer anormalen Impulsstrahlung. Diese könnte sich gesundheitlich auswirken und beispielsweise DNA-Schäden verursachen.

Der Wissenschaftliche Ausschuss „Gesundheitsrisiken, Umweltrisiken und neu auftretende Risiken“ (SCHEER) schätzte in einer Erklärung vom Dezember 2018 die mit 5G einhergeh­en­den Risiken vorläufig als hoch ein. Eine 5G-Umgebung könnte biologische Folgen haben, da nicht genug Fakten vorlägen, um zweckmäßige Expositionsleitlinien für die 5G-Technologie entwickeln zu können.

In der Zusammenfassung des Briefings betont das EPRS, dass weitere Forschung notwendig sei. Zwar gehe die Forschung allgemein davon aus, dass solche Funkwellen keine Gefahr für die Bevölkerung darstellen, Untersuchungen zu der Dauereinwirkung würden jedoch fehlen, die sich aus der Einführung von 5G ergeben würden.

Kritik an den ICNIRP-Richtlinien kommt zudem von Hans-Peter Hutter, Stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien. Seiner Ansicht nach ignoriert die ICNIRP sowohl die Einstufung hochfrequenter Felder der WHO-IARC (Internationale Agentur für Krebs­forschung) als möglicherweise krebserregend (2B), als auch die tierexperimentellen NTP-Studie (National Toxicology Program) vom National Institute of Environmental Health Sciences.

FDA übt Kritik an NTP- und Ramazzini-Studie

Im Februar ist eine groß angelegte Metaanalyse der U.S. Food and Drug Administration (FDA) erschienen, die sich mit der möglichen Verbindung zwischen Hochfrequenz­strahlung und Krebs beschäftigt. Auf Basis von 125 Studien (Peer Review) zwischen 2008 und 2018 konnte nicht gezeigt werden, dass Hochfrequenzstrahlung mit Intensitäten, die bei der Nutzung von Mobiltelefonen auftreten, zu negativen Gesundheitseffekten führen können.

Die FDA-Studie geht auch auf die häufig zitierte NTP-Studie und die Studie des italienischen Ramazzini-Instituts ein. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Ergebnisse der NTP-Studie nicht auf den Menschen übertragbar seien und dass die Ramazzini-Studie methodische Mängel und Unklarheiten aufweise.

Wie die ICNIRP-Richtlinien Gesetze beeinflussen könnten

In Deutschland werden derzeit 5G-Stationen im Frequenzberich zwischen 3.400 und 3.700 Mhz aufgebaut, erklärt Christian Bornkessel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Hochfrequenz- und Mikrowellentechnik an der Technischen Universität Ilmenau.

Schon früher wurden Richtlinien der gemeinnützigen wissenschaftlichen Einrichtung, ICNIRP, für nationale und internationale Gesetze relevant. Die ICNIRP-2010 Richtlinie für den Niederfrequenzbereich fand beispielsweise Eingang in die 26. Verordnung zur Durchführung des Bundesimmissionsschutzgesetzes (26. BImSchV) aus 2013. Bornkessel rechnet daher damit, dass auch die neue ICNIRP-Richtlinie berücksichtigt werden wird.

Auch die EU hat die ICNIRP-Leitlinien zur Begrenzung der Exposition gegenüber EMF (0 bis 300 GHz) bisher in die Empfehlungen des Rates 1999/519/EG übernommen. © gie/aerzteblatt.de

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