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Medizin

Studie: ASS könnte Hepatitis-Infizierte vor Leberkrebs schützen

Donnerstag, 12. März 2020

/Sebastian Kaulitzki, stock.adobe.com

Stockholm – Schwedische Erwachsene mit Hepatitis B oder C, die aus anderen Gründen über längere Zeit niedrig dosiert mit Acetylsalicylsäure (ASS) behandelt wurden, erkrankten in einer epidemiologischen Studie im New England Journal of Medicine (2020; 382: 1018-1028) in den Folgejahren seltener an einem hepatozellulären Karzinom. Eine erhöhte Rate von gastrointestinalen Blutungen wurde nicht gefunden.

Die Zahl der Erkrankungen am hepatozellulären Karzinom (HCC) ist in den USA und in Europa seit den 1990er Jahren deutlich angestiegen. Die meisten Fälle sind auf chronische Infektionen mit Hepatitis B- oder C-Viren (HBV, HCV) zurückzuführen.

Häufig handelt es sich um „Altlasten“ aus der Zeit vor dem Screening von Blutproben (ab 1970 bei HBV und ab 1991 bei HCV) und der Einführung der Impfung, die die Jahrgänge ab 1995 vor einer sexuellen Übertragung von HBV schützen sollte. Beide Erkrankungen können heute gut behandelt, eine Hepatitis C sogar meistens ausgeheilt werden.

Ob die Behandlung bei einer vorgeschädigten Leber ein HCC noch verhindern kann, dürfte vom Grad der Leberveränderungen abhängen. Eine Behandlung, die die zuneh­mende Fibrosierung des Organs verlangsamt, wäre aber sicherlich wünschenswert.

Seit einiger Zeit gibt es Hinweise, dass ASS sich günstig auf den Verlauf der Erkrankung auswirkt. Der Wirkstoff hemmt das pro-inflammatorische Enzym COX-2, das in der entzündeten Leber vermehrt aktiv ist. In tierexperimentellen Studien hat ASS Leberfibrose, Leberzirrhose und sogar die Proliferation von Krebszellen vermindert.

Eine randomisierte klinische Studie zum Einsatz von ASS bei Patienten mit chronischer Hepatitis B oder C wurde bisher nicht durchgeführt, so dass es derzeit keine belastbare Evidenz für den Einsatz von ASS gibt. Epidemiologische Studien sind kein Ersatz, sie können jedoch erste Hinweise liefern und zur Durchführung von Therapiestudien motivieren.

Ergebnisse einer solchen Studie stellt jetzt ein Team um Jonas Ludvigsson vom Karolinska Institut in Stockholm vor. Die Forscher haben die Daten von 50.275 Patienten analysiert, die in Schweden in 2 Krankenregistern zur Hepatitis B (seit 1967) und zur Hepatitis C (seit 1990) gesammelt wurden.

Die Daten wurden mit den ASS-Verordnungen und mit Erkrankungen und Todesfällen an Leberkrebs in Beziehung gesetzt. Dies ist in Schweden leicht möglich, weil die einzelnen Personen in allen Registern dieselbe Identifikationsnummer haben, die allen Schweden bei der Geburt zugeteilt wird.

Wie Ludvigsson berichtet, sind über einen Zeitraum von median 6,9 Jahren 4,0 % der Hepatitis B/C-Patienten, die niedrig dosiertes ASS (weniger als 163 mg/Tag) einnahmen, an einem HCC erkrankt. Von den Hepatitis B/C-Patienten, die kein ASS erhielten, erkrankten 8,3 %. Die Differenz von 4,3-%-punkten war mit einem 95-%-Konfidenz­intervall von 3,6 bis 5,0-%-punkten signifikant. Ludvigsson ermittelt eine adjustierte Hazard Ratio von 0,69 (0,62 bis 0,76). Dies bedeutet, dass die ASS-Anwender zu 1/3 seltener erkrankten.

Dies kann in einer epidemiologischen Studie auch andere Gründe haben als die Einnahme von ASS. Auf eine Kausalität weist jedoch ein Anstieg der protektiven Assoziation mit der Dauer der Einnahme hin. Die adjustierte Hazard Ratio sank von 0,90 (0,76 bis 1,06) nach einer Einnahmedauer von 1 bis 3 Jahren auf 0,66 (0,56 bis 0,78) bei einer Einnahmedauer von 3 bis 5 Jahren und auf 0,57 (0,42 bis 0,70) bei einer Einnahme­dauer von 5 oder mehr Jahren.

Die ASS-Anwender hatten auch ein vermindertes Risiko, an den Folgen einer Lebererkrankung zu sterben. Die leberspezifische Mortalität betrug unter den ASS-Anwendern nach 10 Jahren 11,0 % gegenüber 17,9 % bei den Nichtanwendern. Auch hier war die Differenz von 6,9-%-punkten mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 5,7 bis 8,1- %-punkten signifikant. Die adjustierte Hazard Ratio betrug 0,73 (0,67 bis 0,81).

Das hauptsächliche Risiko von ASS besteht in gastrointestinalen Blutungen, die tödlich verlaufen können. Auch hierzu konnte Ludvigsson Daten recherchieren. Das 10-Jahres-Risiko auf eine gastrointestinale Blutung war unter den Anwendern nur leicht erhöht (7,8 versus 6,9 %). Der Unterschied von 0,9-%-punkten war zudem mit einem 95-%-Konfidenzintervall von minus 0,6 bis 2,4 nicht signifikant, ein Zufall ist deshalb nicht auszuschließen.

Dennoch sind die Ergebnisse kein Ersatz für eine randomisierte klinische Studie, und eine Empfehlung durch die Fachgesellschaften dürfte es deshalb vorerst nicht geben. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 12. März 2020, 23:19

"Pro-Natur"-Quatsch!

Kalter Kaffee, 17 Jahre alt:
"Last Updated: Sunday, 23 November, 2003, 00:50 GMT
Painkillers 'cause kidney damage'
Taking too many painkillers can damage some people's kidneys permanently, scientists claim.
Overuse was defined as taking two doses of full strength aspirin or extra strong paracetamol every day.
The risk only affects people who are susceptible - most people, including cardiovascular patients taking small doses of aspirin - are not at risk.
But doctors told the American Society of Nephrology they had no way of spotting the few who are at risk.
"There is some anxiety that if large doses can cause disease in many subjects, lower doses may cause it in a few subjects"
National Kidney Research Fund spokeswoman.
The researchers found that heavy use of aspirin or paracetamol - defined as 300 grams a year - was linked to a condition known as small, indented and calcified kidneys (SICK).
The condition was detected in patients with irreversible kidney failure by carrying out computed tomography (CT) scans.
http://news.bbc.co.uk/2/hi/health/3271191.stm

Es ging um Missbrauch von 300 Gramm (!) ASS oder Paracetamol pro Jahr, um 1.000 mg Aspirin oder Paracetamol täglich.

Nicht um "ASS in kleinen Mengen (wie Baby-Aspirin)", wie "Pro-Natur" contra-faktisch als Anti-Wissenschaft verkünden möchte.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)
LNS

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