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Politik

Beatmungsplätze: „Italien ist ein Szenario, das wir vermeiden wollen“

Freitag, 13. März 2020

/picture alliance / imageBROKER

Berlin – Viele Menschen verfolgen derzeit angespannt die aktuellen Fallzahlen der COVID-19-Epidemie. Eine Zahl die Experten derzeit fast mehr Sorgen bereitet, ist die Zahl der Beatmungsplätze, in deutschen Krankenhäusern. Denn ob diese ausreichen werden oder am Ende priorisiert werden muss, wie derzeit in Italien der Fall, ist unklar. RKI-Präsident Lothar Wieler stellte heute morgen in Berlin fest: „Italien ist ein Szenario, das wir vermeiden wollen.“

Zum Anteil der COVID-19-Patienten, die eine Beatmung auf der Intensivstation benötigen werden, lassen sich derzeit nur Vermutungen anstellen. Mit dem deutlichen Hinweis, dass es dazu kaum belastbare Zahlen gebe, schätzte Wieler, dass wahrscheinlich 5% der COVID-19-Patienten beatmungspflichtig sein werden.

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Erst kürzlich hatten Experten vorgerechnet, dass die Kapazitäten der Krankenhäuser selbst bei einem Anteil von 10% beatmungspflichtigen Patienten ausreichen würden. Eine Einschätzung, die allerdings von vielen als zu optimistisch angesehen wird. Wieler betonte, dass die vorhandenen Beatmungsplätze in deutschen Krankenhäusern möglichst hoch gehalten beziehungsweise gesteigert werden müssten. Dennoch könne es passieren, dass es letztlich zu wenige davon geben werde. Dann sei ein strategisches Patientenmanagement gefragt.

Deshalb hat das RKI zusammen mit der Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) ein Erfassungssystem für Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit entwickelt. Dies soll Rettungskräften und Krankenhäusern bei der erwarteten Verschlimmerung der Epidemie schnell Auskunft darüber geben, wo der nächste Beatmungsplatz frei ist. „Diese Epidemie wird ein Stresstest für unser Land und unsere Krankenhäuser“, sagte Wieler und forderte Landräte und Bürgermeister sowie Krankenhausverantwortliche erneut dazu auf, sich weiter vorzubereiten: „Wir können die Epidemie optimal managen, wenn wir alle unsere Ressourcen optimal ausnutzen.“

RKI listet nur noch elektronisch übermittelte Fälle

Mit vor allem knappen personellen Ressourcen haben derzeit die Gesundheitsämter der Länder zu kämpfen. Für das COVID-19-Meldewesen hat dies unmittelbar Folgen: Das RKI wird auf seiner Internetseite künftig nur noch die von den Gesundheitsämtern der Länder elektronisch übermittelten COVID-19-Fälle auflisten. Diese können – wie in den letzten Tagen geschehen – niedriger sein als die von den Bundesländern aktuell herausgegebenen COVID-19-Zahlen.

Der Grund für die verzögerte Aktualisierung der RKI-Zahlen sei, dass die laborbestätigten Fälle von den Mitarbeitern der Gesundheitsämter händisch in eine Meldesoftware eingetragen werden müssten, erklärte RKI-Präsident Lothar Wieler heute in Berlin. Mit der steigenden Zahl der Fälle in Deutschland können diese Fallzahlen aber nicht mehr manuell aktualisiert und qualitätsgesichert berichtet werden.

Vorläufig will das RKI auf seiner Internetseite noch beide Zahlen auflisten, voraussichtlich ab nächste Woche (KW 12) dann nur noch die elektronisch übermittelten Fälle.
Bis gestern (12. März 2020) sind in Deutschland demnach 2369 laborbestätigte COVID-19-Fälle bekannt geworden, das sind 802 Fälle mehr als am Vortag. Davon wurden 1892 COVID-19-Fälle elektronisch an das RKI übermittelt.

Der Vorteil der offiziellen Meldezahlen sei, „dass wir von den Gesundheitsämtern zusätzliche Informationen wie Geschlecht, Alter und Erkrankungsbeginn bekommen“, sagte Wieler. „Das ermöglicht bessere Aussagen über das Geschehen.“ © nec/aerzteblatt.de

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Claus Günther
am Freitag, 13. März 2020, 21:39

Das Spiegelbild erkennen

Das Spiegelbild erkennen
In seinem Editorial vom 07.03.2020 nimmt Lancet das Lob der WHO auf, dass Chinas Maßnahmen zur Eindämmung und Beherrschung der COVID-19-Epidemie die wahrscheinlich ambitionierteste, agilste und agressivste Anstrengung in der Geschichte der öffentlichen Gesundheitsvorsorge unter Inkaufnahme schwerer ökonomischer Nachteile sind. Chinas Erfolg beruhe großteils auf einem starken administrativen System mit hohem Mobilisierungspotenzial und der Bereitschaft der Chinesen, Maßnahmen der öffentlichen Hygiene strikt zu befolgen. Aus der chinesischen Erfahrung könnten die Regierungen anderer Länder lernen, wenngleich die Zeichen darauf hindeuteten, dass die Lektionen nicht angenommen werden.
Allerdings zielt das Editorial vor allem auf die Eindämmung durch Isolierung. Ein anderer Aspekt scheint mir allerdings bedeutsamer: die Qualität der Gesundheitsberichtserstattung. Bereits am 24.02.2020 erschien im JAMA ein summarischer Bericht des Chinese Center for Disease Control zur Charakteristik und den Lehren des COVID-19-Ausbruchs, ein weiteres sehr gutes Beispiel ist die retrospektive Kohorten-Studie zum klinischen Verlauf und den Letalitätsfaktoren hospitalisierter COVID-19-Patienten von Zhou et al. bei Lancet vom 11.03.2020.
Um Entwicklungen steuern zu können, sind hochaktuelle, zuverlässige und umfangreiche Gesundheitsinformationen zu einzelnen Patienten, Infizierten und Gefährdeten unerläßlich.
Die Europäische Union diskutiert wahrscheinlich seit langer Zeit in verschiedenen Gremien über Patientenregister, offenbar ohne greifbares Ergebnis. Jens Spahn debattiert mit ebenso mäßigem Erfolg die Big-Data-Nutzung im Gesundheitswesen. Im Zweifel ist der Schutz individueller Daten das höhere Gut. Im proklamierten Interesse der individuellen Menschenrechte müssen sich Experten und Politiker halt mit höchst unzureichenden und unzuverlässigen, geradezu rätselhaften Daten zufrieden geben und daraus ihre (Handlungs-)Modelle ableiten.
Am 12.03.2020 veröffentlichten Remuzzi & Remuzzi in Lancet eine solche Modellrechnung für Italien. In der Einleitung skizzierten sie höchst unzureichend die rätselhafte Situation in Italien, dass 827 überwiegend hochbetagte Menschen an einer COVID-19-Pneumonie verstorben seien, 6,5% der zu diesem Zeitpunkt bestätigten Fälle einer COVID-19-Infektion. Wo haben sich diese im Durchschnitt 81 Jahre alten Menschen infiziert, woher die Sicherheit, dass alle wegen einer COVID-19-Pneumonie beatmet wurden, bevor sie verstarben? Wo sind die 827 Kasuistiken (siehe die oben genannten Beispiele aus China) zumindest summarisch veröffentlicht?
In Deutschland hingegen zeichnen die ebenfalls sehr lapidar-dürftigen Daten des RKI ein rätselhaft harmloses Bild mit 2369 „laborbestätigten COVID-19-Fällen“ und 5 Todesfällen (0,2%). Es werden zudem ausnahmslos Symptome eines grippalen Infektes geschildert, keine schweren Fälle, keine Beatmungen. Die Virologen in Deutschland machen sich auch gar nicht erst die Mühe komplexer medizinisch-wissenschaftlicher Gesundheitsberichte, für sie ist öffentliche Gesundheit offenbar gleichbedeutend mit Öffentlichkeitswirksamkeit, ihr Platz ist in Pressekonferenzen und Talk-Shows. Bei Maybrit Illner ließ sich Prof. Christian Drosten von der Charite mit der Prognose vernehmen, er rechne mit weniger als 1% schwerer Verläufe von COVID-19-Infektionen und – wie andere Mediziner und Nicht-Mediziner - einer unvermeidlichen „Durchseuchung“ der Bevölkerung. Zu diesem harmlosen Bild passt der Bericht mit großer Autorschaft im NEJM vom 05.03.2020 über eine der wohl ersten COVID-19-Übertragungen von einer selbst symptomfreien Chinesin in Deutschland auf ihre Geschäftspartner, die danach vorübergehend an leichten Erkältungssymptomen litten.
Die Europäische Union hat sich spätestens am 12.03.2019 von China distanziert, als sie das Land zum „System-Rivalen mit alternativem Regierungsmodell“ erklärte. Im Wettbewerb mit solch einem „Rivalen“ sollte Europa gerade bei gesundheitlichen Herausforderungen demonstrieren, dass es bessere Lösungen findet, die das gesellschaftliche und öffentliche Leben nicht lahmlegen. Leider ist schon jetzt klar, dass Europa und mit ihm Deutschland ziemlich drastisch versagt haben.
Ein ganz wesentlicher Aspekt dabei ist aus meiner Sicht, dass China mit der Bewältigung von COVID-19 auf medizinische Professionalisierung, auf das Ringen um wissenschaftliche Wahrheit setzt, während das europäische Versagen mit einer Entprofessionalisierung der Ärzteschaft zusammenhängt, der durch die Ökonomisierung der Gesundheitswesen maßgeblicher Vorschub geleistet wurde.
Im MJA wurde am 09.03.2020 ein Kommentar Jane McCredie mit dem Titel versehen, dass das Coronavirus unseren Gesellschaften einen Spiegel vorhalte. Es bleibt die Frage, ob wir in der Lage sind, unser Spiegelbild unverstellt wahrzunehmen.
LNS

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