NewsPolitikInfektiologen fordern noch tiefergehende Einschnitte im öffentlichen Leben
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Infektiologen fordern noch tiefergehende Einschnitte im öffentlichen Leben

Montag, 16. März 2020

/ArTo, stock.adobe.com

Stuttgart – Angesichts der Coronakrise haben medizinische Fachverbände noch tiefgreifendere Einschränkungen im öffentlichen Leben gefordert. Die Absage von Veranstaltungen und die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten seien wichtige Schritte, reichten aber nicht aus, erklärten die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) und die Deutsche Gesellschaft für innere Medizin (DGIM) heute in Stuttgart. Nur eine rasche „Notbremsung“ könne jetzt helfen, Leben zu retten.

„Den Anstieg der Fälle für die nächsten zwei Wochen lässt sich aktuell kaum mehr beeinflussen, aber rasche effektive Maßnahmen können immer noch die Höhe der anrollenden Welle von Infektionen deutlich verringern“, schrieben die Fachverbände. Länder wie Taiwan, Südkorea oder Hongkong hätten gezeigt, dass mit tiefgreifenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens eine Eindämmung der Epidemie möglich sei. Kämen diese zu einem zu späten Zeitpunkt – wie in Italien geschehen – seien diese Maßnahmen weit weniger wirksam, sind die Experten der Fachgesellschaften überzeugt.

Anzeige

In einer Stellungnahme warnen DGIM und DGI zudem: Die Beobachtung einer bisher niedrigen Mortalität sei trügerisch, sie steige erst im weiteren Verlauf der Ausbreitung an. Dieser Trend ist bereits jetzt sichtbar: Die Letalität betrug bis zum 9. März 2020 noch 0 Prozent und liegt aktuell bei 0,2 Prozent. In den Kliniken lasse sich parallel eine rasch steigende Zahl von stationär oder intensivmedizinisch behandlungspflichtiger Patienten beobachten, berichten DGIM und DGI.

Sie forderten deshalb weitere Maßnahmen wie die komplette Schließung von gastrono­mischen Betrieben und nicht systemrelevanten Arbeitsstätten. Wie in anderen Ländern sollten zudem Zusammenkünfte von mehr als fünf Menschen unterbleiben.

Virologe rät von Ausgangssperre ab

Andere Länder in Europa haben noch drastischere Maßnahmen ergriffen. Bürger dürfen nur noch vor die Tür gehen, um die Grundversorgung mit Lebensmitteln zu sichern, und um zur Apotheke oder zum Arzt zu gehen. Für eine solche Ausgangssperre sieht der Virologe Alexander Kekulé von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg jedoch „aus Sicht der Epidemiologie“ „keine medizinische Indikation“, wie er gestern abend bei Anne Will deutlich zum Ausdruck brachte. Familien sollten weiterhin unter sich draußen spazieren gehen. Die ärztliche Leiterin des CharitéCentrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Claudia Spies warnte jedoch davor, dass aktuell die Soziale Distanz von zwei Metern nicht gewahrt werden würde.

Wenn wir jetzt zudem alles runter fahren, haben wir mit etwas Glück nach zwei bis drei Wochen einen Zustand, der wieder zu handhaben wäre. Alexander Kekulé, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) sicherte darüber hinaus zu, dass alles, was man zur täglichen Versorgung benötige, man „in keinem Fall schließen“ könne. Für überstürzte Einkäufe in Supermärkten sieht er daher keinen Anlass.

Am bisherigen Vorgehen der Bundesregierung und der Länder übte Kekulé Kritik: „Wir haben bis jetzt sehr viel Zeit verschlafen.“ Kindertagesstätten wurden seiner Ansicht nach zu spät geschlossen. Jetzt die Grenzen zu schließen hält der Epidemiologe aber für einen richtigen und notwendigen Schritt. „Wenn wir jetzt zudem alles runter fahren, haben wir mit etwas Glück nach zwei bis drei Wochen einen Zustand, der wieder zu handhaben wäre“, spekulierte der Virologe aus Halle gestern in der ARD.

Noch steigen die Infektions- und Erkrankungszahlen rapide an. In Deutschland wurden bis gestern laut Robert-Koch-Institut (RKI) 4.838 Infektionen und zwölf Todesfälle bestätigt. Die in der US-Stadt Baltimore ansässige Johns-Hopkins-Universität geht von mehr als 5.400 Coronainfektionen aus.

Bei ungebremster Fortsetzung des Trends und der aktuell verzeichneten Verdopplung der Fallzahlen etwa alle drei Tage werde es in Deutschland bis Ende dieser Woche etwa 20.000 Fälle geben, warnten DGI und DGIM.

Wie sich die Zahl der COVID-Fälle unter der Annahme bestimmter Maßnahmen in der in der Region rund um Seattle entwickeln wird, haben US-Forscher in einem Working Paper analysiert. Sie stellen zudem ein interaktives Modellierungstool vor, mit dem sich der weitere Verlauf der Epidemie auch für andere Ausbrüche modellieren lässt. Die Daten wurden jedoch noch nicht begutachtet und sind daher nur begrenzt aussagefähig. © afp/gie/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #759489
MITDENKER
am Dienstag, 17. März 2020, 16:06

Welche Kommentare und Forderungen meint Bretscher?

Da ist nichts zu lesen/sehen. Oder wurde etwas gelöscht.
Wenn ja, sollte man bedenken, dass die Corona-Krise keinesfalls die freie Meinungsäußerung auch noch mit in die Quarantäne nehmen sollte...
Avatar #38287
Bretscher
am Dienstag, 17. März 2020, 14:02

Nicht hilfreich

sind solche Kommentare oder Forderungen, sondern in diesem Fall sogar kontraproduktiv. Niemand braucht sie, die politischen Entscheidungsträger haben mehr als genug kompetente Beratung.
LNS
LNS LNS
Anzeige

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER