NewsMedizinIntensivmedizin: Konservative Sauerstoffgabe erweist sich in Studien eher als nachteilig
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Intensivmedizin: Konservative Sauerstoffgabe erweist sich in Studien eher als nachteilig

Mittwoch, 18. März 2020

/gpointstudio, stock.adobe.com

Wellington/Neuseeland und Besançon/Frankreich – Entgegen einer früheren Studie, in der eine liberale Sauerstoffgabe bei beatmeten Intensivpatienten die Mortalität erhöht hatte, konnte in 2 aktuellen Studien im New England Journal of Medicine (2020; 382: 382: 989-998 und 999-1008) kein Vorteil einer konservativen Sauerstoffgabe nachge­wiesen werden. Eine Studie wurde vorzeitig abgebrochen, nachdem es bei mehreren Patienten zu Ischämiekrisen im Darm gekommen war.

Sauerstoff ist lebensnotwendig. Eine Sauerstoffgabe ist aber nicht ohne Risiken. Bei einem zu hohen Partialdruck kann es zur Bildung von Sauerstoffradikalen kommen, die das Gewebe schädigen. Aus der Neonatologie ist bekannt, dass Lungen, Retina und das Gehirn schwer geschädigt werden können.

Auch in der internistischen Intensivmedizin werden Schäden durch den toxischen Sauerstoff gefürchtet. Vor 4 Jahren kam die randomisierte „Oxygen-ICU“-Studie im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 316; 1583-9) zu dem Ergebnis, dass eine zurückhaltendere „konservative“ Sauerstoffgabe die Überlebenschancen von Intensiv­patienten deutlich erhöhen kann. Die Mortalität sank um fast 9 %-punkte (11,6 versus 20,2 %). Dies hat auch in Deutschland die Leitlinien beeinflusst. Generell wird heute zu einem vorsichtigen Einsatz von Sauerstoff geraten.

2 aktuelle Studien können jetzt jedoch den Vorteil einer konservativen Sauerstoffgabe nicht bestätigen. In der ICU-ROX-Studie nahmen in Australien und Neuseeland 965 Patienten teil, bei denen eine mechanische Beatmung auf Intensivstation vorgesehen war. Die Patienten wurden auf eine konservative oder normale Sauerstofftherapie randomisiert.

In der konservativen Gruppe gaben sich die Intensivmediziner mit einer Sauerstoff­sättigung in der Pulsoxymetrie (SpO2) von 90 % zufrieden (sofern die Blutanalysen keine Hypoxämie anzeigten), in der Kontrollgruppe wurde eine höhere Sauerstoffsättigung angestrebt. Dies führte dazu, dass die Patienten der konservativen Sauerstoffgruppe median über 29 Stunden mit Sauerstoffkonzentrationen wie in der Außenluft (Anteil 21 %) beatmet wurden, in der Kontrollgruppe war dies nur während einer Stunde möglich.

Trotz der beträchtlichen Unterschiede in der Sauerstoffversorgung waren die Ergebnisse in beiden Gruppen im primären Endpunkt der Studie gleich: Die Anzahl der beatmungs­freien Tage betrug in der konservativen Sauerstoffgruppe 21,3 Tage und in der Kontroll­gruppe 22,1 Tage. Die Differenz war nicht signifikant. Auch in der Mortalität, dem wichtigsten sekundären Endpunkt, gab es keine Unterschiede.

Laut dem Team um Paul Young vom Wellington Regional Hospital starben in den ersten 180 Tagen in der konservativen Sauerstoffgruppe 170 von 476 Patienten (35,7 %) gegenüber 164 von 475 Patienten (34,5 %) der Kontrollgruppe. Die Odds Ratio von 1,05 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,81 bis 1,37 nicht signifikant.

Ein möglicher Vorteil der konservativen Sauerstoffgabe bestand laut einer Subgruppen­analyse möglicherweise bei Patienten mit hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie, wo der Verzicht auf eine hohe Sauerstoffsättigung möglicherweise eine Schädigung des Hirngewebes verhindert hat.

In der LOCO2-Studie sollten an 13 Intensivstationen in Frankreich 850 Patienten mit akutem Lungenversagen (ARDS) auf eine konservative oder eine liberale Sauerstoffgabe randomisiert werden. Die Studie wurde nach den ersten 205 Patienten vorzeitig abge­brochen, nachdem 5 Patienten unter der konservativen Sauerstoffgabe eine mesenteriale Ischämie erlitten, die die Forscher auf eine mangelnde Sauerstoffversorgung zurückführten.

Zu diesem Zeitpunkt deutete sich im primären Endpunkt, der Mortalität, auch ein Nachteil durch die konservative Sauerstoffgabe an. Wie Gilles Capellier von der Universitätsklinik in Besançon berichtet, waren nach 28 Tagen in der konservativen Sauerstoffgruppe mit 34 von 99 Patienten (34,3 %) sogar mehr Patienten gestorben als in der liberalen Sauerstoffgruppe mit 27 Todesfällen auf 102 Patienten (26,5 %).

Die Differenz von 7,8 %-punkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von minus 4,8 bis 20,6 jedoch nicht signifikant. Am Tag 90 waren in der Gruppe nach konservativer Sauerstoffgabe 44,4 % der Patienten verstorben gegenüber 30,4 % der Patienten nach liberaler Sauerstoffgabe. Die Differenz von 14,0 %-punkten (0,7 bis 27,2) war jetzt signifikant.

Wie sich die Ergebnisse der beiden Studien auf die Leitlinien-Empfehlungen auswirken werden, ist schwer vorhersehbar. Derek Angus von der Universität Pittsburgh weist im Editorial darauf hin, dass die beiden Studien aufgrund der unterschiedlichen Indikation – in der ICU-ROX-Studie wurden alle beatmeten Intensivpatienten eingeschlossen, in der LOCO2-Studie nur Patienten mit ARDS-Fälle – nur schwer miteinander vergleichen lassen.

Für Angus gibt es weiter gute Gründe, auf eine „exzessive“ Sauerstoffgabe (etwa bei einem SpO2 von 96 % oder mehr) zu verzichten, gleichzeitig aber die untere Grenze nicht zu niedrig zu wählen. Eine SpO2 von 90 % sollte seiner Ansicht nach nicht unterschritten werden. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

20. Mai 2020
München – Zur Behandlung von Patienten mit COVID-19 sind die Krankenhäuser im Freistaat mittlerweile deutlich besser mit Beatmungsgeräten ausgestattet als vor der Coronapandemie. „Schwere
Bayern: 60 Millionen Euro für Beatmungsgeräte
5. Mai 2020
Nürnberg – Fachgesellschaften für Intensivmedizin in Deutschland wehren sich gegen Kritik an der Behandlung von Patienten mit COVID-19. Die Versuche einzelner Ärzte, in den Medien Angst vor einer
Intensivmediziner verteidigen Behandlung von COVID-19-Patienten
30. April 2020
Berlin – Auch Patienten mit einer schweren Verlaufsform von COVID-19 können intensivmedizinisch erfolgreich behandelt werden und genesen. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Internistische
Auch bei schweren COVID-19-Verläufen vollständige Genesung möglich
29. April 2020
Heidelberg − Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, begrüßt das Vorhaben von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), die Zahl der Intensivbetten für Coronapatienten
Krankenhausgesellschaft: 2.500 Intensivbetten freihalten
28. April 2020
Minneapolis und Göttingen − Das akute Lungenversagen („Acute Respiratory Distress Syndrome“, ARDS) von Patienten mit COVID-19 unterscheidet sich nach Ansicht von Experten im Anfangsstadium vom
„CARDS”: Akutes Lungenversagen bei COVID-19 erfordert spezielle Beatmungstechnik
24. April 2020
Berlin – Ab Mitte Mai soll es täglich Prognosen zu den intensivmedizinischen COVID-19-Kapazitäten in Deutschland und den einzelnen Bundesländern geben. Diese Vorhersagen könnten dann von
COVID-19: Tägliche Prognosen freier Intensivkapazitäten ab Mai
23. April 2020
Berlin – Für eine Gleichbehandlung aller Patienten bei einer möglichen Triage im Rahmen der COVID-19-Pandemie sprechen sich erneut acht medizinische Fachgesellschaften aus. Ein höheres Lebensalter,
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER