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Medizin

Wuhan: 9 von 10 SARS-CoV-2-Infek­tionen blieben anfangs unerkannt

Dienstag, 17. März 2020

/picture alliance, Costfoto

New York – Das SARS-CoV-2 Virus hat sich zu Beginn der Epidemie in Wuhan weitgehend unerkannt ausgebreitet. Dies schließt ein internationales Forscherteam in Science (2020; DOI: 10.1126/science.abb3221) aus komplexen mathematischen Berechnungen. Erst durch die drastischen Maßnahmen nach dem 23. Februar gelang es, die Epidemie allmählich zu kontrollieren.

Die ersten Hinweise, dass die aus China gemeldeten Fallzahlen viel zu niedrig waren, lieferte der hohe Anteil der Erkrankungen von Personen, die Wuhan besucht hatten und bei denen bei der Rückkehr eine SARS-CoV-2-Infektion gefunden wurde. Auch bei den Passagieren der Repatriierungsflüge, die im Januar von verschiedenen Staaten initiiert wurden, gab es weitaus mehr Infektionen, als nach bekannten Erkrankungen in China zu erwarten waren.

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Ein Team um Jeffrey Shaman von der Mailman School of Public Health hat jetzt mit mathematischen Methoden versucht, die Zahl der undokumentierten Erkrankungen abzuschätzen. Das als Kalman-Filter bezeichnete Verfahren nutzt dabei unter anderem die Bewegungsdaten von Smartphone-Besitzern, die das Internet-Unternehmen Tencent speichert.

Immer wenn die Smartphone-Besitzer eines der Angebote von Tencent (SMS, Netzwerke, Spiele) nutzen, geben sie ihren Aufenthaltsort preis. Dieser ändert sich während der Zeit vor und nach dem chinesischen Frühjahrsfest häufig. In dieser Zeit, in China als Chunyun bezeichnet, kommt es jedes Jahr zu 3 Milliarden Reisebewegungen der chinesischen Bevölkerung, von denen im Jahr 2018 insgesamt 1,73 von Tencent erfasst wurden.

Die Forscher kommen bei ihren Berechnungen zu dem Ergebnis, dass vor dem 23. Januar – dem Tag, als die chinesische Regierung Wuhan und einige andere Städte unter Quarantäne stellte – nur 14 % aller Erkrankungen erkannt wurden. Die übrigen 86 % wurden nicht erkannt, weil die Personen nur leicht erkrankt waren oder bei denen eine Erkrankung nicht auf SARS-CoV-2 zurückgeführt wurde.

Shaman schätzt, dass diese Personen etwa halb (52 %) so kontagiös waren wie die dokumentierten Fälle, und da sie in der Mehrheit waren, waren sie vermutlich die wesentliche Triebfeder der Epidemie.

Die Basis-Reproduktionszahl R0 betrug in dieser Zeit nach den Berechnungen von Shaman 2,38. Erst ab dem 24. Januar änderte sich die Situation. Der Anteil der erkannten Erkrankungen stieg auf 65 % an. In der Zeit bis zum 3. Februar sank der R0-Wert auf 1,36. Bis zum 8. Februar fiel er unter die kritische Grenze von 1,0. Unter diesem Wert kommt es zu einem Abklingen der Epidemie, da jeder Infizierte weniger als eine weitere Person infiziert.

Interessanterweise liegt nach den Berechnungen von Shaman der Anteil der bekannt gewordenen Erkrankungen weiterhin bei 69 %. Es ist demnach nicht notwendig, alle Infizierten zu identifizieren, um eine Epidemie zu beenden.

Die Maßnahmen der chinesischen Regierung sowie nach Einschätzung von Shaman wohl auch das Bewusstsein in der Bevölkerung haben das Infektionsrisiko gesenkt und dazu geführt, dass zuletzt kaum noch neue Erkrankungen aus China gemeldet wurden.

Dass das Virus wie das 1. SARS-Virus vollständig eliminiert wird, glaubt der Epidemiologe indes nicht. Er vermutet, dass es sich letztlich weltweit festsetzt und neben „229E“, „HKU1", „NL63“ und „OC43“ zum 5. endemischen Coronavirus wird. Ob es ebenso wie die anderen Viren nur noch harmlose Erkrankungen auslöst und sich damit nicht von den zahlreichen anderen Erregern saisonaler Erkrankungen abhebt, bleibt abzuwarten. © rme/aerzteblatt.de

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