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Politik

SNOMED CT-Pilotlizenz: Meilenstein für die Standardisierung

Donnerstag, 19. März 2020

/Thomas Andreas, stock.adobe.com

Berlin – Die Medizininformatik-Initiaitve (MII) hat heute die Einführung der internationalen medizinischen Nomenklatur SNOMED CT für das Forschungsprojekt der Universitätsmedizin bekannt gegeben. Seit dem 15. März kann der Terminologiestandard im Rahmen der vom Bundesfor­schungs­ministerium (BMBF) geförderten MII erstmalig bundesweit genutzt werden.

„Wir freuen uns sehr, dass hiermit ein grundlegender Baustein für die Digitalisierung und die künftige E-Health-Strategie nach Deutschland kommt“, erklärte Sebastian C. Semler, Geschäftsführer der Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung (TMF e. V.).

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Limitierte Anzahl von Sublizenzen

Dabei handele es sich um eine vom BMBF in einer Spezialvereinbarung mit dem Rechteverwalter SNOMED International ausgehandelte Pilotlizenz für zunächst drei Jahre mit einer limitierten Anzahl von Sublizenzen für die MII-Teilnehmer und deren Koope­rations­partner, erläuterte Semler.

Die TMF ist zuständig für die Koordination der MII und fungiert künftig auch als National Release Center für SNOMED CT, das heißt als Anlaufstelle für die Lizenzvergabe und das -management. Das BMBF trägt die Gebühren für die Pilotlizenz. Diese beinhalte keine inhaltlichen Einschränkungen und sei nicht nur auf Forschungszwecke beschränkt, betonte Semler. Vielmehr handelt es sich um eine Volllizenz, die etwa auch in IT-Systemen der Versorgung eingesetzt werden könne.

Nationallizenz soll 2021 folgen

Im aktuellen Entwurf zum Patientendaten-Schutzgesetz hat das Bundesministerium für Gesundheit zudem bereits zum Jahr 2021 eine Fortführung der Lizenz auch für den Versorgungsbereich in Form einer Nationallizenz angekündigt. Hierfür muss Deutschland Mitglied bei SNOMED International werden.

„Das begrüßen wir sehr“, sagte Semler. Dadurch erhalte die MII Planungssicherheit für den Zeitraum nach Ablauf der Pilotphase und könne sektorenübergreifend „denken und planen“. Frühzeitig wolle man auch die betreffenden Akteure der Patientenversorgung, vor allem die Kassenärztliche Bundesvereinigung und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als Rechtsnachfolger des DIMDI, in die Arbeiten einbeziehen.

Universelle Nomenklatur

SNOMED CT („Systematized Nomenclature of Medicine Clinical Terms“) ist eine universelle Nomenklatur für die Medizin, deren Bedeutung für die medizinische Forschung und Versorgung nach Meinung von Experten nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

„SNOMED CT ist ein wichtiger, alternativloser Baustein für die Digitalisierung in der Medizin und in der medizinischen Forschung“, betonte Semler. Mit ihr lasse sich grund­sätzlich jeder freisprachlich formulierte medizinische Begriff „bis in die Feinheiten hinein“ in international eindeutige sprachunabhängige Codes ausdrücken. „Damit werden diese Begriffe maschinenlesbar“, erklärte er.

Die Nomenklatur lasse sich in bestimmten Wertelisten verwenden, könne Lücken zwischen bestehenden Klassifikationen füllen, das Cross-Mapping zwischen bestehenden und einzuführenden Katalogen und Nomenklaturen unterstützen und auch natürlichsprachliche Informationen aufbereiten.

Das ist Semler zufolge nicht nur für die grenzüberschreitende Patientenversorgung wichtig, sondern auch für die international kooperierende Forschung ist die automatisierte Übersetzbarkeit von einer in die andere Sprache über die SNOMED-Codes wichtig.

So erhalte die internationale Zusammenführung von Daten zu Forschungszwecken zunehmend einen höheren Stellenwert – nicht nur aktuell im Hinblick auf die Krisensituation durch die Corona-Pandemie.

SNOMED ist jedoch ein sehr komplexes Werkzeug. Aus den Erfahrungen anderer Länder sei klar, dass SNOMED CT nicht die Lösung für alles und erst recht keine schnelle und einfache Lösung sei, so Semler. Auch die statistische Auswertung von SNOMED-notierten Daten „ist mitnichten eine Fingerübung“, sondern bedürfe noch der Forschung. Um die Lizenz möglichst schnell und umfassend nutzen zu können, sei zu Beginn daher ein Kompetenzaufbau wichtig.

Lange überfällig

Die SNOMED-Einführung ist nach Meinung vieler Experten überfällig. „In der Tat blicken wir auf fast 15 Jahr zurück, seit die Forderung einer Einführung zum ersten Mal erhoben wurde“, meinte Semler. Die MII habe sich bereits im Dezember 2016 für die SNOMED-Nutzung vor allem beim Aufbau der Datenintegrationszentren ausgesprochen. Zuletzt hatte das MII-Steuerungsgremium im April 2018 beschlossen, dass SNOMED CT für die Datenstandardisierung im Rahmen der MII unerlässlich ist und flächendeckend verwendet werden soll.

Auch aus Sicht der Hochschulmedizin wird die Terminologie dringend benötigt. „Beim Austausch von Daten ist es wichtig, dass wir eine gemeinsame Grundlage, eine Basis-Terminologie haben, sowohl in der Versorgung und zwischen den ärztlichen Disziplinen, aber auch im Forschungskontext und in der Universitätsmedizin“, betonte der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages, Frank Wissing. Eine gemeinsame Sprache sei hierfür essenziell.

Erfahrungen sammeln

SNOMED CT sei ein „mächtiges Tool“; es sei wichtig, damit Erfahrungen zu sammeln, um den Ärzten eine „möglichst gut automatisierte Unterstützung bereitzustellen“, bevor ab 2021 eine breitere Nutzung in der Versorgung starte.

Darüber hinaus sei der internationale Kontext wichtig: „Wir dürfen keinen deutschen Sonderweg gehen“, sondern müssen international kompatibel sein, meinte Wissing. Mit SNOMED CT können künftig klinische Daten aus verschiedenen Kontexten und unterschiedlichen Ländern miteinander verglichen und für Forschungszwecke verwendet werden.

Die Medizininformatik-Initiative sei „der Treiber einer leisen Revolution der Digitalisierung im Gesundheitsbereich“, konstatierte auch Roland Eils, Koordinator des HiGHmed-Konsortiums in der MII. Die Einführung von SNOMED CT sei ein systemkritischer Meilenstein für den Erfolg der Initiative. Um standort- und sektorenübergreifend Daten auszutauschen, sei ein gemeinsames Vokabular nötig.

„Wenn wir zwar die technische Infrastruktur an den verschiedenen Standorten aufbauen, um semantisch und syntaktisch im Prinzip interoperabel miteinander kommunizieren zu können, ist das nur begrenzt wertvoll, wenn wir nicht die gleiche Sprache benutzen, um ein und dieselben Sachverhalte, Diagnosen, Krankheiten zu beschreiben“, meinte er.

SNOMED CT sei nicht nur ein Katalog von Begriffen wie etwa ICD-10 oder ICD-11, sondern biete in der Praxis Vorteile durch die inhärente logische Semantikstruktur, mit der sich auch bislang nicht katalogisierte Sachverhalte ableiten und beschreiben ließen, erläuterte Eils.

Automatisierte Freitextanalyse

SNOMED werde in allen klinischen Anwendungsfällen (Use Cases) der MII eingesetzt. Ein besonders prägnantes Beispiel sei beispielsweise die automatisierte Freitextanalyse etwa von Entlass- und Arztbriefen oder einer Dokumentation eines radiologischen oder pathologischen Befundes. Zwar könne prospektiv dafür gesorgt werden, dass diese Befunde nicht mit Freitext, sondern strukturiert dokumentiert werden, aber auch schon vorhandene Datensets von retrospektiven Daten will man für Studien nutzen.

SNOMED sei zudem auch im Kontext von seltenen Erkrankungen hilfreich. Von den circa 8.000 dokumentierten seltenen Erkrankungen seien lediglich 7.500 strukturiert erfasst. „Hier sehen wir eine gewaltige Möglichkeit, diese Situation mit SNOMED CT deutlich zu verbessern und mit einheitlicher Spache, Diagnosen und Begriffen diese Vielzahl von Erkrankungen in einem konsortialübergreifenden Use Case zu beschreiben“, betonte Eils.

Hintergrund: Für ein und dasselbe Krankheitsbild werden in der medizinischen Dokumentation häufig verschiedene Bezeichnungen verwendet. Zugleich können mit bestehenden Klassifikationen nicht alle medizinischen Begriffe ausgedrückt werden. Dieser Mangel an semantischer Klassifizierung gilt als Hemmschuh der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Durch die unterschiedlichen Terminologien können Forscher die Daten bisher nicht vergleichen und daraus keine Schlüsse ziehen. Hierfür stellt SNOMED CT eine Lösung dar.

In der Medizininformatik-Initiative haben sich alle deutschen Universitätskliniken zusammengeschlossen, um digitale Infrastrukturen aufzubauen, die eine Datennutzung über die Grenzen von Einrichtungen und Standorten hinweg ermöglichen. Das BMBF fördert die MII bis zum Jahr 2021 mit rund 160 Millionen Euro. Für die Abstimmung innerhalb der MII ist die TMF e.V. gemeinsam mit dem Medizinischen Fakultätentag und dem Verband der Universitätsklinika Deutschlands e.V. zuständig. © KBr/aerzteblatt.de

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