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Politik

„Telemedizin reduziert das Infektionsrisiko“

Donnerstag, 19. März 2020

In Zeiten von COVID-19 werden verstärkt digitale und telemedizinische Angebote nachgefragt. Diese Situation kann auch die digitale Versorgung insgesamt in der Zukunft voranbringen. Das Bundesministerium für Gesundheit hat im April vergangenen Jahres den Health Innovation Hub ins Leben gerufen. Ein elfköpfiges Team soll aktiv in der Digital-Szene nach neuen Ideen und Lösungen suchen, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern.

5 Fragen an Jörg Debatin, Leiter des Health Innovation Hub (HIH)

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DÄ: In der derzeitigen Situation hält das Digitale die Gesellschaft zusammen. Können digitale Angebote helfen, die aktuelle Krisensituation zu bewältigen?

Debatin: In der Tat halten uns in dieser Situation vor allem digitale Technologien als Gesellschaft zusamm­en. Das gilt auch für die Medizin. Wie gut, dass wir vor eineinhalb Jahren das Fernbehandlungsverbot abge­schafft haben. Ansonsten könnten zahlreiche richtig hilfreiche Angebote nicht genutzt werden. Dies gilt insbesondere für die digitale Arzt-Patienten-Kommu­nikation. Ärzte können sich auf Tele-Plattformen anmelden und sicher ihre Patientenkontakte darüber pflegen.

Betreiber von Telemedizinplattformen berichten von Wachstumsraten in den vergangenen Tagen um über 1.000 Prozent. Erfreulicherweise sind viele Plattformen derzeit kostenfrei. Wir haben bald über 20.000 Ärzte und Therapeuten, die bei den von der KBV zertifizierten Angeboten dabei sind und Video-Sprechstunden anbieten. Es zahlt sich aus, dass die KBV-Zertifizierungen vor einigen Monaten durchgeführt wurden.

Patienten, und nicht nur die mit Coronaverdacht können in dieser Situation von zu Hause mit dem Arzt Ihres Vertrauens direkt kommunizieren. Auch diejenigen, die ihr zu Hause nicht verlassen dürfen, brauchen sich nicht allein gelassen zu fühlen. Telemedizin redu­ziert das Infektionsrisiko für den einzelnen Patienten, für die Praxismitarbeiter und damit natürlich für alle anderen.

DÄ: Videosprechstunden sind das eine. Was gibt es für Möglichkeiten bei Krankenhäusern oder anderen digitalen Projekten?

Debatin: Für Krankenhäuser gibt es digitale Personalkoordination-Tools. Freiwillige Helferinnen und Helfer können sich über Lösungen wie der HLth.care Team App mit ihren besonderen Skills in die Einsatzdisposition einpflegen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Unterstützung der Intensivmedizin. Anfang der Woche wurde das DIVI Intensiv­register für Beatmungsplätze gestartet. Intensivmediziner aller Kliniken in Deutschland können ab sofort über die Online-Plattform unkompliziert Kapazitäten über freie Beatmungsplätze abfragen.

Auch das Konzept telemedizinisch betreuter Intensivstationen (TICU) soll bei der Versorgung intensivpflichtiger Patienten helfen. Spezialisierte Intensivmediziner aus Zentren können Intensivstationen in Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung bei der Behandlung von COVID-19 Patienten digital unterstützen. Die konsiliarische Mitbehandlung erfolgt per Audio-Video-Übertragung mittels sogenannter Visitenroboter. Die technischen Verfahren haben im Rahmen von Forschungsprojekten bereits in der Charité den Härtetest erfolgreich bestanden.

Ein Bereich, in dem wir aufholen müssen, ist die Information für die Bürgerinnen und Bürger: Hier bietet ein App-Entwickler einen Bot-Assistenten, der jeden Menschen anhand seiner persönlichen Umstände (wo war ich, mit wem hatte ich Kontakt, welche Symptome habe ich?) Handlungsempfehlungen gibt. Diese beruhen auf den Richtlinien des Robert Koch-Institut. Also, kann ich beruhigt zu Hause bleiben, oder soll ich mich testen lassen?

Ebenso gibt es zahlreiche App- und Web-Angebote für Menschen, die sich in der Quarantäne oder zu Hause mit der Situation unwohl fühlen. Seit Montag veröffentlichen wir täglich den Corona-digital Newsletter um über diese Möglichkeiten zu informieren. Die Vielzahl der sehr konkreten und kreativen Lösungen können einen in dieser Zeit mit Mut erfüllen.

DÄ: Welche Rolle hat dabei derzeit das hih?

Debatin: Bei vielen Angeboten oder Ideen versuchen wir match-maker zu sein. Wir bringen App-Entwickler und andere mit den richtigen staatlichen Stellen zusammen. Wir brauchen in der Bevölkerung Vertrauen, das geht nur über staatlich sanktionierte einheitliche Informationen. Hier kommt dem RKI, aber auch der Bundes­ärzte­kammer eine besondere Verantwortung zu.

Ein weiteres spannendes Beispiel: Es gibt die Idee, dass Träger der Fitness-Uhr „fit-bit“, immerhin 10 Millionen aktive Menschen in Deutschland, um eine Spende ihrer Daten in anonymisierter Form bittet. Aktivitäts-Level und der Pulsfrequenz Veränderungen sind Indikatoren von Erkrankung. Aus den aggregierten Daten kann man Postleitzahl-bezogene „Heatmaps“ erstellen. Diese helfen bei dem flexiblen Ressourceneinsatz. Damit erfassen wir das Geschehen schneller als anhand der bestätigten RKI Zahlen. Die hinken leider immer etwa zehn Tage hinter der tatsächlichen Lage her.

DÄ: Wann kommen diese Entwicklungen wie beispielsweise der Chatbot oder die Heatmap?

Debatin: Wir hätten uns das gestern oder vorgestern gewünscht, natürlich. Der Chatbot wird in dieser Woche kommen, sobald die Prüfungen seitens des RKI durch sind. Wenn es bei der Heatmap optimal läuft, dann haben wir die Anfang April.

DÄ: Derzeit sind auch viele Fake-News in den digitalen Netzwerken zu lesen. Wie bewerten Sie das?

Debatin: Noch schlimmer als keine Information ist die falsche Information. In dieser Situation darf man nur staatliche, vertrauenswürdige Quellen nutzen. Wir sollten alles tun, die Arbeit dieser Institutionen zu unterstützen. Wir brauchen vor allem Epidemio­logen, die einschätzen können, wie sich diese Krankheit ausbreitet. Es kann nur eine Quelle von Informationen geben, alles andere ist tödlich. © bee/aerzteblatt.de

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