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Ausland

Corona-Pandemie: Knapp eine Milliarde Menschen weltweit unter Ausgangssperre

Sonntag, 22. März 2020

Leere Straßen in Barcelona /picture alliance/AP Photo

Rom – Die Welt im Ausnahmezustand: Im Kampf gegen die Corona-Pandemie gelten rund um den Globus derzeit für knapp eine Milliarde Menschen Ausgangssperren oder Ausgangsbeschränkungen. Weltweit stieg die Zahl der Infektionsfälle am Sonntag laut einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP auf als 300.000. Besonders dramatisch entwickelt sich in Europa die Lage in Italien und Spanien. Die spanische Regierung will die Ausgangssperre deshalb bis 11. April verlängern.

Bis Sonntagvormittag wurden mehr als 308.000 Infektionsfälle in 170 Ländern und Gebieten registriert, wie eine Zählung von AFP auf Grundlage von Behördenangaben ergab. 13.444 Menschen starben an den Folgen der Infektion. Allein in Italien, dem am schlimmsten von der Pandemie betroffenen Land in Europa, steckten sich 53.578 Menschen an, 4.825 starben. In China, dem Ursprungsland des Virusausbruchs, infizierten sich mehr als 81.000 Menschen, 3.261 starben. Die am schlimmsten betroffenen Länder nach Italien und China sind Spanien (1.720 Tote), der Iran (1.685 Tote), Frankreich (562 Tote) und die USA (340 Tote).

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In Italien, dem neuen Epizentrum der Pandemie, ist die Lage nach wie vor düster. Die Sterblichkeitsrate liegt dort bei 8,6 Prozent und damit deutlich höher als in den meisten anderen Ländern. Mehr als ein Drittel der Todesfälle weltweit entfällt auf das Land mit 60 Millionen Einwohnern. Trotz Ausgangssperren breitet sich das Virus in Italien weiter aus. Die Regierung verfügte deshalb die Schließung aller "nicht lebensnotwendigen" Unter­nehmen und Fabriken. Die Polizei patrouillierte am Sonntag in den verlassenen Straßen Roms. Auch an Italiens Stränden wurde kontrolliert, nachdem sich regionale Behörden beschwert hatten, dass dort viele Menschen entgegen ausdrücklicher Verbote die Sonne genossen.

Ausgangssperre in Spanien verlängert

In Spanien stieg die Zahl der Infektions- und Todesfälle drastisch an. Innerhalb von 24 Stunden erlagen nach offiziellen Angaben fast 400 weitere Menschen dem Virus. Angesichts dieser Entwicklung will die Regierung die bereits bestehende landesweite Ausgangssperre bis zum 11. April verlängern. Dies kündigte Regierungschef Pedro Sánchez am Sonntag an - diesem Schritt muss aber erst noch das Parlament zustimmen.

Die britische Regierung, die wegen ihres lange Zeit zögerlichen Umgangs mit der Corona-Krise heftig kritisiert worden war, verschärfte ihre Maßnahmen. Die Regierung rief am Sonntag 1,5 Millionen Risikopatienten dazu auf, sich drei Monate lang in Quarantäne zu begeben. Premierminister Boris Johnson warnte vor einem "krassen" Anstieg bei den Infektionszahlen.

In China wurde am Sonntag erstmals seit vier Tagen wieder eine im Inland übertragene Neuinfektion gemeldet, nachdem die Fallzahlen in den vergangenen Tagen deutlich zurückgegangen waren. In der Volksrepublik und anderen asiatischen Ländern werden nun Befürchtungen laut, die Zahlen könnten durch aus Europa "importierte" Infektionen wieder ansteigen.

Im Inselstaat Taiwan stieg die Furcht vor einer zweiten Infektionsphase. Bei den täglich um die 16 neu hinzukommenden Covid-19-Fällen handele es sich zumeist um Taiwaner, die von Auslandsreisen zurückgekehrt seien, teilte Taiwans zentrales Epidemien-Kommandozentrum (CECC) mit. Sie seien unterschiedlichen Alters, von Menschen in den 20ern bis in den 70ern.

Für mehr als ein Drittel der US-Bürger gelten inzwischen Ausgangsbeschränkungen. Betroffen sind mehrere Bundesstaaten und unter anderem die drei größten Städte New York, Los Angeles und Chicago. New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo warnte, die Lahmlegung des öffentlichen Lebens werde wahrscheinlich nicht Wochen, sondern Monate dauern.

Israel hatte am Freitag eine weitgehende Ausgangssperre im Kampf gegen das Coronavirus verhängt. Die Notstandsverordnungen sollen zunächst für eine Woche gelten.

Die Pandemie hat auch die Wirtschaft und die Aktienmärkte weltweit in die Knie gezwungen. Die USA - die größte Volkswirtschaft der Welt - bereiten gigantische Hilfen im Umfang von mehreren Billionen Dollar vor. Auch mehrere europäische Staaten haben Konjunkturpakete angekündigt, um einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern.
Auch im Nahen Osten bleibt die Alarmbereitschaft weiter hoch. Der Iran meldete am Sonntag 129 neue Todesfälle. Irans geistliches Oberhaupt, Ayatollah Ali Chamenei, wies dessen ungeachtet ein Hilfsangebot der USA brüsk zurück. Der Iran werde von den "Scharlatanen" in den USA keine Hilfe annehmen, sagte Chamenei in einer Fernseh­ansprache.

Bolsonaro verharmlost die Pandemie

In Brasilien gehen Experten davon aus, dass die Zahl der Infizierten um ein Vielfaches höher ist als die etwas mehr als 1.000, die bis Sonntag bestätigt wurden. Doch in Südamerikas bevölkerungsreichstem Land fehlen die Tests. Die Brasilianer haben einer Umfrage zufolge Angst vor einer Corona-Ausbreitung und befürworten eine vorübergehende Ausgangssperre. Doch Präsident Jair Bolsonaro verharmloste die Pandemie erneut als „gripezinha“, kleine Grippe.

Einzelne Gouverneure der Bundesstaaten setzten restriktive Maßnahmen um. So verhängte der Gouverneur von São Paulo als erster eine Ausgangssperre für 15 Tage. Andere Bundesstaaten schränkten die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung ein.

Auch andere lateinamerikanische Länder haben ihre Grenzen dicht gemacht. Argentinien, Kolumbien oder Bolivien verhängten weitgehende Ausgangssperren von bis zu drei Wochen. In Bolivien wurde die für den 3. Mai vorgesehene Präsidenten- und Parlamentswahlen auf einen noch nicht festgelegten Termin verschoben.

In Argentinien waren den Einwohnern lediglich Besorgungen in nahe gelegenen Lebensmittelgeschäften und Apotheken erlaubt. Polizisten patrouillierten auf den Straßen, fast 250 Menschen waren am Freitag wegen Verstößen gegen die Anordnung festgenommen worden.

Australien kündigt drastische Maßnahmen an

Auch Australien steht vor weiteren Einschränkungen. Premierminister Scott Morrison forderte die Bürger am Sonntag auf, alle unnötigen Reisen im Inland zu unterlassen. Gleichzeitig kündigte er drastische Maßnahmen an, um die Menschen dazu zu bringen, voneinander Abstand zu halten. Strikte Ausgangssperren in besonders vom Virus betroffenen Gebieten wollte er nicht ausschließen. Versammlungen im Freien von mehr als 500 Menschen sind verboten, im geschlossenen Raum dürfen nicht mehr als 100 zusammenkommen.

Viele Strände rund um die Metropole Sydney wurden gesperrt, darunter auch der berühmte Bondi Beach, wo sich davor noch tausende Strandgänger getummelt hatten. Weil immer noch Besucher die Strand-Absperrungen ignorierten, kündigte die Polizei ein hartes Durchgreifen an. Auch wer gegen die Anweisung zur Selbst-Isolation verstößt, muss im Bundesstaat New South Wales sogar mit einer Gefängnisstrafe von bis zu sechs Monaten rechnen.

Verkehr in Indien eingeschränkt

In Indien waren am Sonntag mehr als eine Milliarde Menschen aufgerufen, eine Quarantäne von 7 bis 21 Uhr einzuhalten. Premierminister Narendra Modi appellierte an die Bevölkerung, dabei zu helfen, dass die Ansteckungskette des Coronavirus unterbrochen werde. Fernsehbilder zeigten verwaiste Sehenswürdigkeiten, Straßen und Marktplätze in der Hauptstadt Neu Delhi und weiteren Metropolen wie Mumbai und Kolkata. Allerdings machten sich auch viele von Schließungen betroffene Arbeiter und Studenten auf den Weg in ihre Heimatregionen.

Ab Sonntag gilt in Indien eine zunächst einwöchige Sperre für alle internationalen Flüge. Auch die Bahngesellschaft Indian Railways kündigte die komplette Einstellung ihrer Verbindungen bis Monatsende an. Im bevölkerungsreichsten Land der Welt nach China liegt die Zahl der bestätigten Fälle bislang nur bei etwas mehr als 330 Infizierten. Eine hohe Dunkelziffer wird befürchtet.

Drastische Einschränkungen in arabischen Ländern

Aus der Türkei können nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu 46 weitere Länder nicht mehr angeflogen werden, nachdem Ankara bereits Flüge in 22 Staaten, darunter auch Deutschland, untersagt hat. Unklar ist, wie lange die Flugsperre in Kraft sein soll. In der Türkei, in der sich die bestätigten Coronavirus-Fälle nunmehr fast täglich verdoppeln, sind die meisten öffentlichen Plätze geschlossen und Sportveranstaltungen sowie Gebetsversammlungen abgesagt worden. Präsident Recep Tayyip Erdogan rief die Bevölkerung per Audio-Botschaft auf Twitter auf, „das Haus außer für absolut Notwendiges nicht zu verlassen.“

Mehrere arabische Länder verhängten zum Teil drastische Ausgangssperren. In Jordanien verhaftete die Polizei am Samstag mehr als 227 Menschen, die gegen die am Morgen begonnene Ausgangssperre verstoßen hätten. Sicherheitskräfte patrouillierten nach einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Petra im Land, um die Einhaltung der Ausgangssperre zu überwachen.

CVID-19 hat auch Afrika erreicht

In Afrika - wochenlang ein ziemlich weißer Fleck auf der Infektions-Weltkarte - sind nunmehr in fast allen Ländern Fälle von SARS-CoV-2 nachgewiesen worden. Insgesamt gab es auf dem Kontinent nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation mittlerweile mehr als 1000 nachgewiesene Infizierte. Kongo und Simbabwe meldeten am Wochenende ihre ersten Corona-Toten, ebenso die bei Urlaubern beliebte Insel Mauritius.

In Nordafrikas bevölkerungsreichsten Land Ägypten ordneten die religiösen Autoritäten am Wochenende die zweiwöchige Schließung der Moscheen und Kirchen an. Auch die koptisch-orthodoxe Kirche teilte mit, keine öffentlichen Gottesdienste mehr abzuhalten. Nach offiziellen Angaben sollen sich in Ägypten knapp 300 Menschen mit dem Corona-Erreger infiziert haben.

© dpa/afp/aerzteblatt.de
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