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Medizin

Können Tuberkulose-Impf­stoffe die Abwehrkräfte gegen SARS-CoV-2 verstärken?

Dienstag, 24. März 2020

jes2uphoto, stock.adobe.com

Nijmegen und Berlin − Nach einer unter Wissenschaftlern lange umstrittenen Hypothese löst eine Impfung mit Lebendviren eine unspezifische Aktivierung des Immunsystems aus, die die Geimpften auch vor anderen Infektionserkrankungen schützt.

Mediziner in den Niederlanden wollen jetzt in einer Studie prüfen, ob eine BCG-Impfung mit abgeschwächten Tuberkulose-Bakterien schwere Verläufe einer Infektion mit SARS-CoV-2 verhindern kann. Ähnliche Studien sind in Australien und England geplant. In Deutschland möchte das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie seinen neu entwickelten Tuberkulose-Impfstoff an älteren Menschen und Beschäftigten im Gesundheitswesen testen.

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Die Hypothese einer unspezifischen Aktivierung des Immunsystems geht auf Beobach­tungen der dänischen Anthropologen Peter Aaby und Christine Benn zurück. Ihnen war in den 1980er Jahren aufgefallen, dass gegen Masern geimpfte Kinder in Westafrika auch in Jahren, in denen es keine Masernepidemie gab, ein niedrigeres Sterberisiko hatten.

Aaby führt dies auf einen Rückgang an anderen Infektionskrankheiten zurück, die er auch nach einer Impfung gegen Tuberkulose beobachtete. Sie wird mit dem Bacillus Calmette-Guérin (BCG), einem abgeschwächten Tuberkulose-Erreger, in Afrika häufig durchgeführt.

Die Hypothese der heterologen oder nicht-spezifischen Effekte von Impfungen ist umstritten geblieben, auch wenn die Welt­gesund­heits­organi­sation sie 2014 als „plausibel“ einstufte. Ein Einwand lautet, dass in Afrika vor allem die Kinder geimpft werden, die aufgrund eines günstigeren sozialen Hintergrunds ein niedrigeres Sterberisiko haben.

Aaby und Benn waren jedoch nicht die einzigen Forscher, denen das niedrigere Sterberisiko von geimpften Kindern aufgefallen war. Eine Meta-Analyse der Universität Bristol kam vor 4 Jahren auf der Basis von 34 Kohorten-Studien zu dem Ergebnis, dass mit BCG geimpfte Kinder ein um 30 % niedrigeres Sterberisiko haben (BMJ 2016; 355: i5170).

Inzwischen gibt es auch experimentelle Befunde, die die Hypothese stützen. Ein Team um Mihai Netea vom Radboud Universitair Medisch Centrum in Nijmegen impfte gesunde Probanden zunächst mit BCG oder Placebo. 4 Wochen später erhielten die Teilnehmer einen Gelbfieber-Impfstoff, der ebenfalls aus infektiösen (aber nicht pathogenen) Viren besteht.

In der Gruppe, die vorher eine BCG-Impfung erhalten hatte, kam es zu einem geringeren Anstieg der Gelbfieber-Impstoffviren im Blut. Diese Suppression der Virusreplikation ging mit einer vermehrten Produktion von Interleukin 1beta einher, einem Zytokin der Monozyten, die Teil der unspezifischen Immunabwehr sind (Cell Host & Microbe 2018; 23: 89-100).

Diese Ergebnisse, die lange nur unter Experten diskutiert wurden, stoßen derzeit auf ein ungewöhnlich breites Interesse. Wie Science berichtet, sollen bereits ab der nächsten Woche an 8 Krankenhäusern 1.000 Mitarbeiter in einer Studie entweder mit dem BCG-Impfstoff oder Placebo geimpft werden.

Endpunkt der Studie ist die Zahl der Beschäftigten, die während der SARS-CoV-2-Epidemie krankheitsbedingt ausfallen. Für genauere Tests zum Einfluss auf die Dynamik der Viren (etwa der Konzentration in regelmäßigen Abstrichen) fehle das Geld, heißt es.

Wie Science weiter berichtet, sind in Australien (Universität Melbourne) und England (Universität Exeter) ähnliche Studien geplant. Das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie möchte eine Studie mit dem Impfstoff VPM1002 durchführen. Es handelt sich um einen neuen Tuberkulose-Impfstoff, der ebenfalls abgeschwächte lebende Bakterien enthält. Er wird derzeit in einer Phase-III-Studie an erwachsenen Probanden in Indien getestet, die Mitte diesen Jahres abgeschlossen sein soll.

VPM1002 hat sich laut dem Infektionsbiologen Stefan Kaufmann, MPI, als sicher und als wirksamer erwiesen als eine Standardimpfung mit BCG. Das MPI hat laut der Presse­mitteilung bereits vielversprechende Gespräche mit den Behörden geführt, um eine Phase-III-Studie in Deutschland mit VPM1002 durchzuführen und die Wirksamkeit des Impfstoffs bei älteren Menschen und Beschäftigten im Gesundheitswesen zu untersuchen. © rme/aerzteblatt.de

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