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Gesellschaft für Krankenhaushygiene fordert strategischen Schutz von Risikogruppen statt ungezielter Kontaktsperren

Dienstag, 24. März 2020

/StockPhotoPro, stock.adobe.com

Berlin/Bonn - Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) hält eine Eskalation der deutschlandweiten Kontaktsperre hin zu einer kompletten Ausgangs­sperre nicht für effektiv.

Das Ziel müsse stattdessen sein, jetzt die Zahl der schweren Krankheitsverläufe und der Sterbefälle zu senken, indem mit aller Kraft Risikogruppen und Personen der kritischen Infrastruktur geschützt würden.

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Deutschland weist mit 4,3 Ärztinnen und Ärzten je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohnern im internationalen Vergleich eine überdurchschnittlich hohe ärztliche Versorgungsdichte auf. Dennoch ist der DGKH zufolge für einen kontrollierten Ablauf der COVID-19-Epidemie innerhalb der Ressourcen des Gesundheitswesens eine „Priorisierung der Maßnahmen“ und eine „gezielte Anwendung“ der Strategien erforderlich.

„Wir müssen den Fokus auf Bereiche legen, in denen sich alte und kranke Menschen befinden, also Alten- und Pflegeheime sowie Krankenhäuser“, sagte DGKH-Vorstand Peter Walger heute bei einer Online-Pressekonferenz.

Für einen maximalen Schutz der Risikogruppen sei eine konsequente Kontrolle der Übertragungsrisiken in Pflege- und Altenheimen durch Besuchssperren und Zugangskontrollen erforderlich, legt der Vorstand der DGKH in einem Konzeptpapier dar. Die Mitarbeiter müssten zudem durch angemessene Schutzkleidung vor einer Infektion geschützt und auf Zeichen einer Infektion kontrolliert werden.

Die DGKH spricht sich außerdem für strategische Testungen der Mitarbeiter auf SARS-CoV-2 aus, um die kritischen medizinischen und sozialen Versorgungsbereiche zu sichern.

Der verstärkte Schutz alter und vorerkrankter Personen müsse allerdings auch im privaten Bereich gegeben sein, somit auch in den Familien, den Wohnungen und dem sozialen Umfeld der Risikogruppen aber auch aller Personen der ambulanten Pflege und sonstiger ambulanter Versorgungsbereiche.

„Kein Infizierter sollte im privaten Umfeld in Quarantäne mit einer Person aus den gefährdeten Risikogruppen zusammenwohnen“, sagte Martin Exner, Präsident der DGKH. Es müssten alternative Quarantäne-Unterkünfte gefunden werden, die eine zeitweilige Distanz ermöglichten. Einerseits bestünde die Möglichkeit, Pflegebedürftige vorübergehend in einem Pflegeheim unterzubringen. Andererseits könnte der Infizierte für die Dauer der Quarantäne in ein Hotel gehen.

Das Robert Koch-Institut meldete heute 27.436 COVID-19-Fälle in Deutschland – ein Plus von 4.764 gegenüber gestern. Die Inzidenz liegt nun bei 33 Erkrankten pro 100.000 Einwohnern. Von den Gesundheitsämtern übermittelt wurden bislang 114 Todesfälle.
Die etwas aktuelleren Zahlen der Johns Hopkins University belaufen sich aktuell auf 30.150 Erkrankte und 130 Todesfälle (Stand 24.03., 14:00 Uhr).

Die Einrichtung von „Quarantäne-Hotels“ sei letztlich eine Entscheidung der Kommunen, so Walger. „Aber hier sollten Möglichkeiten geschaffen werden“, betonte er. Walger wies außerdem darauf hin, dass es sich bei den jüngst getroffenen Maßnahmen um eine „Kontaktsperre im öffentlichen Leben“ handele. Doch die „Brandsätze“ fänden sich in geschlossenen Systemen wie Alten- und Pflegeheimen oder dem familiären Umfeld. Es seien deshalb Orientierungshilfen für das Zusammenleben mit einer infizierten Person erforderlich.

Die DGKH definiert außerdem „besonders schützenswerte Personenkreise zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur“.

Neben den Mitarbeitern in der medizinischen Versorgung sind dies auch Mitarbeit der anderen kritischen Infrastrukturen wie Feuerwehr, Polizei, Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Telekommunikation, öffentliche Verwaltung, Mitarbeiter in Lebensmittelbetrieben und anderen Einrichtungen, die geöffnet bleiben müssen, um die lebensnotwendige Versorgung sicherzustellen. Sie sollten Anspruch auf bevorzugte Versorgung mit persönlichen Schutzmaßnahmen und gegebenenfalls Test-Untersuchungen haben.

Kompletter Stillstand darf kein Dauerzustand sein

Erforderlich sei aber auch die Vorbereitung auf eine Deeskalation der getroffenen Maßnahmen, sollte die Epidemie nach Ostern ungebremst weitergehen. Denn: In Anbetracht der exponentiellen Ausbreitung der SARS-CoV-2-Infektionen bleibe nur die konsequente Senkung schwerer Infektionen und der damit assoziierten Todesfälle. Eine generelle Senkung aller Infektionen durch den kompletten Stillstand jeglichen sozialen Lebens auf einen absehbaren Zeitraum von länger als 2 Monaten sei dagegen nicht erreichbar, so die DGKH.

Es werde der Zeitpunkt kommen, an dem die Anordnungen des ungezielten sozialen Stillstandes schrittweise zurückgenommen werden müssten, selbst wenn die Infektionszahlen weiter stiegen, so die DGKH. Eine Wiedereröffnung der Schulen und Kitas werde aber zum Beispiel nicht zu mehr schweren und tödlichen Infektionen führen, wenn die Kinder und Jugendlichen konsequent in sozialer Distanz von den Großeltern und anderen gefährdeten Personen leben. Dasselbe gelte für einen erheblichen Teil der ansonsten gesunden jüngeren Erwachsenen. © nec/aerzteblatt.de

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Avatar #753528
Al_Bert
am Mittwoch, 25. März 2020, 13:39

die Idee noch weiter denken....

das ist sicher eine gute und richtige Überlegung. man müsste das noch weiter denken in der Richtung, das alle Getesteten, die Antikörper haben und genesen sind, wieder ganz normal raus dürfen. Dann könnten diese auch sicher zB ihre Kioske, Geschäfte oder sonst was wieder öffnen bzw. diese als Gast oder Kunde aufsuchen.
Avatar #659995
Claus Günther
am Mittwoch, 25. März 2020, 12:37

Stimme der Vernunft

Die Wortmeldung der DGKH ist eine Stimme der Vernunft, die Gehör und Verbreitung finden sollte. Sie ist zudem ganz in meinem Sinn (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111253/RKI-Erhoehte-Risikowahrnehmung-aber-Kluft-zwischen-Wissen-und-Handeln#comment40646).
LNS

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