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Medizin

Ernährung: Isoflavone und Tofu senken Herz-Kreis­lauf-Risiko

Freitag, 3. April 2020

/peterschreiber.media, stock.adobe.com

Boston − Der häufige Verzehr von Tofu und Lebensmitteln, die höhere Mengen an Isoflavonen enthalten, war in 3 großen prospektiven Beobachtungsstudien mit einem leicht verminderten Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Eine protektive Wirkung war laut den in Circulation (2020; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.119.041306) publizierten Ergebnissen vor allem bei jüngeren Frauen und Frauen nach der Menopause erkennbar, die keine Hormone einnahmen.

Die häufige Verwendung von Soja-Produkten und insbesondere Tofu in der ostasiatischen Küche, wird seit längerem als ein Grund für die im Vergleich zu westlichen Ländern niedrigere Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen angesehen. Das verminderte Risiko wird dabei auf den hohen Gehalt von Isoflavonen zurückgeführt.

Die U.S. Food and Drug Administration (FDA) hat die Zusammenhänge zeitweise als wissenschaftlich erwiesen angesehen und den Herstellern die Werbung mit einer protektiven Wirkung gegen Herzinfarkte erlaubt, wovon sie allerdings wieder abgerückt ist. Auch die American Heart Association geht von einer allenfalls minimalen Schutzwirkung aus.

Ein Team um Qi Sun von der T.H. Chan School of Public Health in Boston hat jetzt die Daten von 3 großen prospektiven Beobachtungsstudien ausgewertet. Dies waren die Nurses' Health Study (NHS), die 1984 bis 2012 mehr als 74.000 Frauen begleitet hat, die NHSII-Studie, die seit 1991 den Gesundheitszustand von 94.000 Frauen prüft, und die Health Professionals Follow-Up Study, an der zwischen 1986 und 2012 mehr als 42.000 Männer teilnahmen.

Die Auswertung war auf Personen beschränkt, die zu Beginn der Studie frei von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs waren. Die Ernährungsdaten wurden alle 2 bis 4 Jahre durch Fragebögen aktualisiert. Daten zu Herzerkrankungen wurden aus medizinischen Unterlagen und anderen Dokumenten entnommen. Die Todesfälle an Herzerkrankungen wurden in den Sterbeurkunden identifiziert.

Während einer Nachbeobachtungszeit von 4.826.122 Personenjahren ist es zu insgesamt 8.359 Herzerkrankungen gekommen. Nach den Berechnungen von Sun ist es bei den Teilnehmern im Quintil mit der höchsten Isoflavon-Zufuhr zu 21 % seltener zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen gekommen. Die Hazard Ratio von 0,79 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,73 bis 0,85 signifikant.

Nach der Berücksichtigung einer Reihe von Begleitfaktoren verminderte sich die adjustierte Hazard Ratio auf 0,87 (0,81 bis 0,94). Der Einfluss der Isoflavone in der Nahrung war demnach relativ gering, er war allerdings in allen 3 Studien nachweisbar.

Etwas deutlicher war der Einfluss von Tofu. Teilnehmer, die häufiger als 1 Mal in der Woche Tofu verzehrten, was in den USA relativ selten der Fall ist, erkrankten zu 18 % seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Personen, die seltener als 1 Mal pro Monat Tofu verzehrten.

Die adjustierte Hazard Ratio betrug (für alle 3 Studien kombiniert) 0,82 (0,70 bis 0,95). Der häufige Verzehr von Tofu, der allerdings für asiatische Verhältnisse gering war, erzielte damit nur eine geringe präventive Wirkung (wenn denn der Assoziation eine Kausalität zugrunde liegt).

Für die in letzter Zeit populär gewordene Soja-Milch konnte Sun übrigens keine protektive Wirkung ermitteln. Der Isoflavon-Gehalt der Getränke ist allerdings relativ gering. Außerdem werden den Produkten häufig Zucker oder Süßstoffe zugesetzt, um sie für US-Verbraucher schmackhaft zu machen, was nach Ansicht von Sun die protektive Wirkung vermindern könnte.

Eine deutliche protektive Assoziation wurde für 2 Personengruppen gefunden: Frauen vor der Menopause und Frauen nach der Menopause, die keine Hormone einnahmen, erkrankten deutlich seltener, wenn der Anteil der Isoflavone in der Nahrung hoch war.

Sun ermittelt für die prämenopausalen Frauen eine Hazard Ratio von 0,64 (0,45 bis 0,93) und für postmenopausale Frauen ohne Hormontherapie eine Hazard Ratio von 0,85 (0,70 bis 1,04). Der häufige Tofu-Verzehr war nur für die postmenopausalen Frauen ohne Hormontherapie protektiv (0,51; 0,26 bis 0,9). Als Erklärung kommt in erster Linie die Östrogen-artige Wirkung einiger Isoflavone in frage.

Eine sichere Evidenz für eine protektive Wirkung von Tofu und anderen Isoflavon-haltigen Nahrungsmitteln lässt sich aus den Ergebnissen der Studie wohl nicht ableiten. Dennoch könnten Soja und andere Isoflavon-haltige Nahrungsmittel für viele Menschen eine Alternative zu ungesunden Lebensmitteln wie rotem Fleisch, zuckerhaltigen Getränken und raffinierten Kohlenhydraten sein, findet Sun. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #812384
Rouressedly1983
am Montag, 6. April 2020, 13:10

Verlass auf Ernährungsmedizin

Es bringt nix wenn man sowas nur auf "Einzelfälle" bezieht.

Man muss da wirklich langzeit Experimente machen an Orten die Practicus erwähnte.
Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 5. April 2020, 00:53

Die Ernährungsmedizin

ist hinsichtlich der Evidenz ihrer Empfehlungen in einer bemitleidenswerten Lage, ist die doch auf die Zuverlässigkeit reportierter Gewohnheiten angewiesen und muss auf die wichtigste Verifizierungsmethode verzichten: Das Experiment!
Solche Experimente müssten in Einrichtungen der Langzeitunterbringung durchgeführt werden - Haftanstalten, forensischen Einrichtungen, Klöstern...
Avatar #672913
Prof. E. Windler
am Samstag, 4. April 2020, 08:40

Ernährung: Isoflavone und Tofu senken Herz-Kreis­lauf-Risiko

Warum verbreitet ärzteblatt.de mit Schlagzeilen wie 'Ernährung: Isoflavone und Tofu senken Herz-Kreis­lauf-Risiko' auch in Zeiten Evidenz-basierter Medizin immer noch und immer wieder suggestive Falschmeldungen, indem Assoziationen aus Beobachtungsstudien als kausale Beziehung hingestellt werden?
LNS

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