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Ärzteschaft

„Wir haben die nächste Stufe unseres Notfallplans in Kraft gesetzt“

Sonntag, 29. März 2020

München – Überall in Deutschland haben Krankenhäuser ihre Strukturen und Abläufe um­­gestellt, um sich für den erwarteten Anstieg der Zahl der COVID-19-Patienten vorzu­bereiten. Christoph Spinner, Infektiologe am Münchner Klinikum rechts der Isar, erklärt im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt, welche Maßnahmen das Klinikum ergriffen hat und wie viele Patienten bereits wieder als geheilt entlassen werden konnten.

Fünf Fragen an Christoph Spinner, Klinikum rechts der Isar

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DÄ: Wie hat sich das Klinikum rechts der Isar auf die Behandlung von COVID-19-Patienten vorbereitet?
Spinner: Das Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München hat bereits im Januar weitgehende Vorbereitungen initiiert. Im Wesentlichen wurden be­stehende Planungen zu Pandemien der aktuellen Situa­tion angepasst und ein Stufenplan zur schrittweisen Erhöhung der Normal- und Intensiv­stationskapazität erarbeitet.

Darüber hinaus wurde frühzeitig entsprechende Diag­nostikkompetenz zur SARS-COV-2 Diagnostik, die schrittweise Erhöhung der diagnostischen Kapazität sowie Schulungen für das Personal erarbeitet. Ein Expertenteam begann sehr frühzeitig, regelmäßig die aktuelle Lage zu bewerten und den Vorstand des Klinikums zu beraten.

Mit einer deutlichen Zunahme der Patientenzahlen im März wurden dann weitreichende Maßnahmen umgesetzt und zunächst die Abläufe der Notaufnahme restrukturiert, um Risikopatienten mit fieberhaften Atemwegsinfektionen zu identifizieren und vom regu­lären Besucherstrom frühzeitig zu trennen.

In der Folge wurden definierte Betten- und Intensivstationen auf die ausschließliche Versorgung von COVID-19 Patienten vorbereitet. Hierbei sieht das Nutzungskonzept, sofern vertretbar und praxistauglich, fließende Übergänge vor, um die ohnehin knappe Intensivbettenkapazität sinnvoll nutzen zu können. Mit steigender Patientenzahl, sai­so­nalem Krankenstand unter den Mitarbeitern und dem Pflegepersonalmangel in München wurden dann frühzeitig selektive Bereiche geschlossen, um die stationäre Versorgung wirksam aufrechtzuerhalten.

Mit steigendem COVID-19-Bettenbedarf musste dann in enger Absprache mit den be­troffenen Fachabteilungen eine wirksame Zusammenführung und Leistungsein­schrän­kung erörtert und umgesetzt werden. Insgesamt erzwang die sehr dynamische Situation an vielen Stellen, zuvor gelebte Prozesse zu durchbrechen. Wichtig war uns hierbei von Anfang an, dass wir neben der COVID-19-Versorgung die übrige universitäts­medizinische (Notfall-)Betreuung ebenso aufrechterhalten können.

Im Routinebetrieb hält das Klinikum 88 Intensivbetten (mit sieben neonatologischen Intensivbetten) vor, wobei diese zuletzt aufgrund des Personalmangels in der Pflege nicht alle in Betrieb waren. Durch relevante Reduktion des operativen Betriebs auf die unaufschiebbaren, dringlichen und Notfalloperationen kann in Notfallszenarien die Intensivkapazität erheblich erweitert werden. Hierbei muss allerdings beachtet werden, dass die Beatmung in Aufwachräumen und Operationssälen nicht immer mit der gewohnten Intensivqualität einhergehen kann, wie wir sie in der Routine gewohnt sind. In dieser außergewöhnlichen Situation scheint dies jedoch möglicherweise alternativlos.

Derzeit behandeln wir über 50 COVID-19-Patienten, wobei etwa ein Viertel auf der Inten­sivstation therapiert werden. Auffällig ist, dass das Erfordernis der Intensiv­verlegung sehr kurzfristig erwächst und häufig die Intubation direkt nach Intensivüber­nahme erfolgen muss. Erfreulicherweise haben wir jedoch bisher nur einen Todesfall zu beklagen und schon mehr als zehn Patienten genesen entlassen.

Bei COVID-19-Verdacht: Rasche Triage symptomatischer Patienten in der Notaufnahme

Derzeit strömen Patienten in die Notaufnahmen, die wegen fieberhafter Infekte und respiratorischer Symptome beunruhigt sind. Wie lässt sich rasch und effektiv klären, ob sie dringend COVID-19 verdächtig sind oder nicht? Wichtig ist dies, da viele Testergebnisse auf sich warten lassen.

DÄ: Wie sind die Abläufe im Klinikum während der Krisenzeit?
Spinner: Ein Expertenteam aus Virologie, Infektiologie, Hygiene, Notfallzentrum und Unternehmenskommunikation berät den Vorstand des Klinikums. Hierzu wird täglich im Expertenteam morgens die Situation analysiert und bewertet. Es werden Maßnahmen geplant, die zur Mittagszeit dem Vorstand zur Entscheidung vorgelegt werden und im direkten Anschluss in die Stabsstellen zur unmittelbaren Klärung und Exekution gehen. Bei uns sind das die Stabsstellen „Personal“, „Lage“, „Maßnahmen“, „Versorgung“, „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ und „IT“. Die Abstimmung im Expertenteam und im Vorstand findet an sieben Tagen in der Woche statt.

Zur Information der Mitarbeiter werden regelhafte Dienstwege, wie Kommunikation über den Vorgesetzten, ebenso genutzt wie die Kommunikation via Intranet und E-Mail.

DÄ: Wie werden die Mitarbeiter auf die Corona-Pandemie vorbereitet?
Spinner: Zu Beginn wurden öffentliche Informationsveranstaltungen in Hörsälen genutzt. Mit steigender Infektionsgefahr wurden diese virtualisiert und durch Intranet- sowie E-Mail-Informationen ersetzt. Bereits von Anfang an wurde eine klinikumsinterne Hotline zur Beratung bezüglich Exposition, Umgang bei Erkrankungsverdacht, Aufenthalt im Risikogebiet et cetera initiiert. Der Bedarf wuchs rasch, sodass zwischenzeitlich über 20 Mitarbeiter beraten haben. In diesem Zusammenhang wurde frühzeitig die Möglich­keit einer anlassbezogenen COVID-19-Testung für Mitarbeiter aufgebaut.

Bezüglich entsprechender Hygienevorschriften wurden relevante Informationen in zentralen Dokumenten zusammengeführt und über das vorhandene DIN ISO 9001:QM-System bereit gestellt. Für wesentliche Punkte, wie das An- und Ablegen der Schutz­kleidung, wurden Schulungsvideos durch die Klinikhygiene erstellt und distribuiert. In den kritischen Bereichen erfolgte eine persönliche Anleitung durch Hygienefachkräfte. Deren Erreichbarkeit wurde von 8 bis 22 Uhr ausgebaut.

DÄ: Welches sind derzeit die größten Probleme im Klinikum rechts der Isar?
Spinner: Wesentlichstes Problem ist derzeit die Verfügbarkeit von Schutzausrüstung und Zubehör für Beatmungen. Das Klinikum rechts der Isar hat sich bereits Anfang März bei steigenden Infektionszahlen für das konsequente Tragen von Mund-Nase-Schutz für alle Mitarbeiter entschieden. Ziel der Maßnahme war hierbei im Wesentlichen die Reduktion der Gefahr einer Eintragung oder Übertragen des Virus von Mitarbeitern und/oder Patienten.

DÄ: Welche Entwicklungen erwarten Sie an Ihrem Haus in den kommenden Wochen und Monaten?
Spinner: Derzeit erwarten wir weiter deutlich steigende Patientenzahlen und haben in dieser Woche die nächste Stufe unseres Plans in Kraft gesetzt. Die Situation ist jedoch so dynamisch, dass wir derzeit nur noch „auf Sicht fahren“. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #666159
docspringer
am Dienstag, 31. März 2020, 10:24

Für den Mangel an Schutzausrüstung hätte ich einen Ersatz-Vorschlag

Aus Beatmungsmasken lässt sich mit Beatmungsfiltern ein sehr guter FFP2/FFP3 Masken-Ersatz basteln. https://docspringer.de/atemschutz-ersatz
Wenn dazwischen noch ein Ausatemventil (z.b. vom Ambubeutel) geschaltet wird, dann bleibt der Bakterien-Virenfilter trocken.
Falls man gar keine Filter mehr hat, kann man überlegen, die Filter bei 60-70 °C zu trocknen (das Material gibt das her, die elektrostatischen Filtereigenschaften bleiben erhalten, und das Virus wird diese Temperatur nicht überleben)... ...natürlich ist das KEINE OFFIZIELLE Empfehlung und sicher mehr als off-lable, aber bevor ich gar keinen Schutz habe, nehme ich lieber das.
Herzliche Grüße
Christian Springer
Avatar #93195
snoopy81
am Dienstag, 31. März 2020, 06:55

SCHADE

Dies ist wirklich sehr bedauerlich wie die Diskrepanz zischen Theorie und Praxis auseinander triftet. Das eigenen Personal in der Klinik wird nicht mehr geschützt und dann von gewappnet zu reden, ist schon eine Frechheit...
LNS

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