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Medizin

SARS-CoV-2: Wie weit soziale Distanz das Erkrankungsrisiko senken kann

Mittwoch, 25. März 2020

/Odua Images, stock.adobe.com

Singapur − Modellberechnungen, die für die Influenza entwickelt wurden, zeigen, wie rasch sich neue Krankheitserreger wie SARS-CoV-2 in einer Metropole wie Singapur ausbreiten können. Eine Studie in Lancet Infectious Diseases (2020; doi: 10.1016/S1473-3099(20)30162-6) versucht, den Effekt der Gegenmaßnahmen zu quantifizieren.

Der Stadtstaat Singapur gehört weltweit zu den Orten, an denen sich Krankheitserreger besonders rasch ausbreiten können. Public-Health Forscher beschäftigen sich deshalb intensiv mit der Dynamik von Epidemien. Für die aktuelle SARS-CoV-2-Epidemie hat ein Team um Alex Cook von der Saw Swee Hock School of Public Health das FluTE-Modell verwendet, das US-Forscher für die Ausbreitung der Influenza entwickelt haben.

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Ihr Szenario geht davon aus, dass 100 Personen mit einer Infektion wie SARS-CoV-2 in den Stadtstadt eingereist sind, von denen 7,5 % asymptomatisch sind. Ohne Gegenmaßnahmen würden sich bei einer Basisreproduktionszahl (R0) von 1,5 innerhalb von 80 Tagen 279.000 Menschen oder 7,4 % der Bevölkerung infizieren.

Bei einer R0 von 2 wären es schon 772.000 Einwohner oder 19,3 % der Bevölkerung, bei einer R0 von 2,5 müsste sogar mit 1.207.000 Infizierten gerechnet werden oder einem Drittel der Bevölkerung.

Im letzten Szenario hätte die Epidemie bereits nach 9 Wochen ihren Gipfel erreicht. Danach geht die Zahl der Neuinfektionen wegen der zunehmenden „Durchimpfung“ der Bevölkerung wieder zurück.

Den größten Beitrag zur Eindämmung der Epidemie leistet nach den Berechnungen die soziale Distanz am Arbeitsplatz. Im Szenario mit einer R0 von 1,5 käme es nach 80 Tagen zu 4.000 statt 279.000 Infektionen. Mit der Schließung der Schulen allein würde die Zahl auf 10.000 und mit einer Quarantäne der erkannten Infektionen allein auf 15.000 beschränkt.

Alle 3 Maßnahmen zusammen würden die Zahl der Infektionen im Szenario R0 gleich 1,5 auf 1.800 begrenzen. Dies wäre ein Rückgang um 99,3 %. Im Szenario R0 gleich 2,0 käme trotz der 3 Maßnahmen zu 50.000 Infektionen (minus 93 %) und im Szenario R0 gleich 2,5 zu 258.000 Infektionen (minus 78,2 %).

Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor ist der Anteil der asymptomatischen Infektionen. Wenn nur die Hälfte der Infektionen zu Symptomen führt, würde die Zahl der Infektionen bereits im Szenario R0 gleich 1,5 nach 80 Tagen auf 277.000 nach oben schnellen, auch wenn alle 3 Maßnahmen ergriffen würden.

Cook räumt ein, dass es eine Modellberechnung mit zahlreichen Unbekannten ist. Zu den Unwägbarkeiten gehören Importe von Erkrankungen aus dem Ausland und die Dynamik der Kontakte zwischen den einzelnen Personen. Die Studie zeigt jedoch eindringlich, welche Brisanz von dem exponentiellen Wachstum der Infektionen ausgeht.

Singapur ist bislang glimpflich davongekommen. Der Stadtstaat hat aus den Erfahrungen der ersten SARS-Epidemie von 2002/3 gelernt. Noch 2003 wurde eine Task Force etabliert, die Gegenmaßnahmen koordiniert und sich 2009 während der H1N1-Pandemie und 2016 während des Zika-Ausbruchs bewährt hat.

In etwa tausend Arztpraxen wurde das Personal für den Ernstfall ausgebildet. Seit 2014 gibt es ein Forschungszentrum, das schon Anfang Februar 2020 einen Virustest entwickelte, der der Bevölkerung kostenlos angeboten wird. Nach den ersten importierten Infektionen ist es durch Isolierung der Patienten und häusliche Quarantäne von Kontakten lange gelungen, eine exponentielle Ausbreitung zu verhindern.

Erst in dieser Woche wurden weiterreichende Maßnahmen zur sozialen Distanz verfügt. Ansammlungen von mehr als 10 Personen sind untersagt. Schulen und Betriebe bleiben aber geöffnet. Bis zum 24. März wurden 507 Erkrankungen bestätigt. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #759489
MITDENKER
am Montag, 30. März 2020, 16:56

Prioritäten setzen

und statt permanent den knappen PCR auf die Leute los zu lassen (und durch viele Testungen die Anzahl der Infizierten statistisch-künstlich hoch zu treiben - die hohe Dunkelziffer der Infizierten kann man ja eh nicht erfassen -, was dann zur Entscheidungsgrundlage für die Politiker wird) lieber weiter am Antikörpertest arbeiten und dann mit diesem testen. Wer OK bzw. immun ist, kann dann beruhigt sein und auch arbeiten und Kontakt mit anderen haben, ohne sie zu gefährden.
Avatar #107082
Rimbach
am Donnerstag, 26. März 2020, 17:40

Egoistin möchte getestet werden

Ich fände es auch prima, wenn die Tests durchgeführt würden. Denn dann könnte ich, falls ich positiv wäre, 14 Tage in Quarantäne (in der ich ja schon bin) nochmals gehen. Anschließend meine Dienst ganz sorgenfrei ganz egoistisch zur Verfügung stellen.
Avatar #798604
tüddelfee65
am Donnerstag, 26. März 2020, 09:56

natürlich sind nicht alle "Egoisten"

ergänzend zu meinem vorherigen Beitrag:
man darf auch nicht außer Acht lassen, wieviele Menschen getestet werden wollen, aber an dem "Fragenkatalog" scheitern und abgewiesen werden. Ich halte dies ebenfalls für leichtsinnig. Denn es hat nun überhaupt nichts mehr nur damit zu tun, ob man in einem Risikogebiet Urlaub gemacht hat. Und wer kann überhaupt wissen ob er mit einem Infizierten Kontakt hatte ????
Die flächendeckende Testung muss einfach sein !
Avatar #798604
tüddelfee65
am Donnerstag, 26. März 2020, 09:38

noch zu viel Egoismus...?

Es liegt in der Natur des Menschen dass er sich in seinen Freiheiten nicht einschränken möchte. Wieviele symptomfreie Menschen halten sich zwar draußen an das Kontaktverbot, sitzen aber mit zig Freunden in ihren Wohnungen zusammen? Wieviele in den vergangenen Wochen, die keine oder nur wenig Symptome zeigten ,haben "gelogen", und aus Angst isoliert zu werden gelebt als wenn nichts wäre? Fragen sie doch mal Leute in Quarantäne, wie sie beschimpft werden von einigen die sie als Kontakte angegeben haben,...nach dem Motto "warum hast du mich verpetzt".
Ich bin sicher dass bei allen Prognosen und Hochrechnungen wie es mit Corona weiter geht, der Egoismus mancher Menschen außer Acht gelassen wird. Ich glaube eher das nur durch möglichst flächendeckende Testungen das ganze wirklich eingedämmt werden kann, um diese "Egoisten" heraus zu filtern, welche wohlmöglich zahlreiche Neuansteckungen verursachen...
LNS

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