NewsPolitikCoronakrise: Erstes Schutzmaterial erreicht die Ärzte
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Coronakrise: Erstes Schutzmaterial erreicht die Ärzte

Freitag, 27. März 2020

/picture alliance, ANP

Stuttgart/Düsseldorf/Frankfurt am Main/Schwerin – Nach und nach erreicht die dringend benötigte medizinische Schutzausrüstung die Krankenhäuser und Arztpraxen. So erklärte der Baden-Württembergische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Manne Lucha (Die Grünen) heute, es seien hunderttausende Schutzmasken und Handschuhe in seinem Bundesland eingetroff­en. Weitere, noch umfangreichere Lieferungen würden in den kommenden Tagen und Wochen erwartet.

Die jeweils mehr als 300.000 Schutzmasken und Handschuhe würden in einer Spedition zusammengeführt und an Stadt- und Landkreise, Universitätskliniken sowie das Innen- und Justizministerium verteilt. Eine Lieferung des Bundes mit Schutzausrüstung wurde nach Angaben des Ministeriums bereits über die Kassenärztlichen Vereinigung (KV) an niedergelassene Ärzte im Land ausgegeben.

Anzeige

Kritik an Kommunikationspolitik

Der Ärztliche Direktor des Heidelberger St. Josefs-Krankenhauses, Erhard Siegel, kriti­sierte die Landesregierung hingegen wegen ihrer Kommunikationspolitik in der Coro­nakrise. „Die kommunizieren nicht mit uns“, sagte er der Rhein-Neckar-Zeitung. Minister­präsident Winfried Kretschmann (Die Grünen) und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Lucha seien nicht zu erreichen. Der Klinik fehlen nach Angaben von Geschäftsführer Manfred Albrecht von nächster Woche an einzelne Produkte.

In Düsseldorf hat heute der nordrhein-westfälische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Lau­mann (CDU) verkündet, es sei gelungen, rund 800.000 Masken zu bekommen. „Wir sind voll am Ball, um das zu besorgen, was zu besorgen ist auf diesen Märkten“, sagte Lau­mann. Außerdem gehe es um Schutzkittel und OP-Masken. Allerdings wirkten sich auch die zunehmenden Infektionen in Nordamerika auf die Beschaffungssituation aus. „Die Märkte sind leergefegt“, so Laumann.

Engpass vor allem bei Atemschutzmasken und Schutzkitteln

Seit Anfang März ist das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) bemüht, medizinische Schutzausrüstung zentral zu beschaffen und an die Bundesländer zu verteilen. Doch nach wie vor sind die Versorgungslücken groß. So seien in Hessen noch keine zentral beschaff­ten Lieferungen eingetroffen, sagte gestern Vormittag der Geschäftsführende Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Steffen Gramminger, dem Deutschen Ärzteblatt ().

Zum Prozedere erklärte er: „Der Bund leitet die Schutzausrüstung an die Länder weiter. Die Anzahl richtet sich nach der Einwohnerzahl des entsprechenden Bundeslandes. Das Land verteilt dann weiter an die Krankenhäuser.“ Zu dem Verteilungsschlüssel habe sich das Ministerium in Hessen jedoch noch nicht geäußert.

Ein Engpass bestehe derzeit vor allem bei Atemschutzmasken und Schutzkitteln. Kurzfris­tig sei der Engpass sehr groß. Mittelfristig hofft Gramminger, dass die versprochenen Lie­ferungen kontinuierlich eintreffen werden. Langfristig hofft er auf eine Entspannung. Denn „China produziert auf Volllast und Lieferungen erfolgen regelmäßig“.

Dass in einzelnen Krankenhäusern keine Schutzausrüstung mehr zur Verfügung steht, dürfe nicht passieren, betonte Gramminger. Sollte es doch geschehen, „müssen alle Re­ser­ven von Schutzausrüstung an die Orte zusammengezogen werden, wo sie am meisten gebraucht werden“.

KV Nordrhein versorgt zunächst Praxen in betroffenen Gebieten

Die KV Nordrhein (KVNO) hat am Dienstag begonnen, Schutzmaterial an primärversor­gen­de Ärzte aus Köln, Leverkusen und dem Rhein-Erft-Kreis zu verteilen, wie die KV dem erklärte. Erste Teillieferungen des BMG seien am Wochenende eingetroffen. Die ein­heitlich bestückten Pakete bestehen aus FFP2-Masken, Schutzkitteln, Schutzhauben und Mundschutzteilen.

„Die Ausstattungspakete werden an von der KVNO ausgewählte regionale Ausgabestellen in Nordrhein verteilt. Die Reihenfolge bestimmt der KVNO-Krisenstab nach einheitlichen Kriterien, die insbesondere die Betroffenheit der Regionen hinsichtlich der örtlichen Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten und daran Erkrankten berücksichtigen“, so die KV.

„Die Materialien werden an berechtigte Ärztinnen und Ärzte ausgegeben. Über die kon­krete Ausgabezeit und den Ausgabeort informiert die KVNO die jeweiligen Empfänger rechtzeitig vorab via Fax oder E-Mail.“

KV Nordrhein beschafft selbst Schutzmaterial

Die KVNO weist darauf, dass sie „bereits Anfang März unter erheblichem Aufwand und aus eigenen Mitteln über eigene Kontakte und Zulieferer begrenzte Bestände an Schutz­ma­terial aufbauen“ konnte, um damit die 77 ambulante Notdienstpraxen im Rheinland sowie die Praxen in besonders betroffenen Regionen wie dem Kreis Heinsberg und der Städteregion Aachen ausstatten zu können.

„Ungeachtet der weiteren angekündigten Lieferungen des BMG stehen wir diesbezüglich nach wie vor ständig mit Großhändlern und Unternehmen in Kontakt, um weiteres Schutzmaterial für die Praxen im Rheinland zu organisieren“, erklärt die KV.

Grundsätzlich gehöre die Bereitstellung von Schutzausrüstungen zwar nicht zu den origi­nären Aufgaben einer KV: „Wir gehen hier aber bewusst in Vorleistung, um die ambulante Versorgung der Patienten zu sichern und das Personal in den Praxen vor Infektionen zu schützen.“

Derzeit seien 35 Praxen in Nordrhein temporär „nicht am Netz“, wie die KV erklärte – hauptsächlich allerdings aufgrund amtsseitig angeordneter Quarantänemaßnahmen. Da­bei ändere sich die Zahl quarantänebedingt geschlossener Praxen in Nordrhein täglich, weil Praxen entweder mancherorts schließen müssten, andere Praxen dagegen wieder grünes Licht für eine Öffnung erhielten.

Versorgungslücken vor allem in der Pflege, Mangel in Apotheken

Ein Mangel an Schutzausrüstung existiert insbesondere in Pflegeeinrichtungen, wie heute auch das Sozialministerium in Mecklenburg-Vorpommern erklärte. „Das ist eine Schwachstelle“, sagte Ministeriumssprecher Alexander Kujat. Bei der Verteilung der vom Bund beschafften Schutzausrüstungen hätten die Kliniken Vorrang. „Bis jetzt ging noch alles, doch jetzt bekommen wir die Meldung, dass die Vorräte zur Neige gehen“, so Kujat.

Auch in den Apotheken in Deutschland sei die Ausrüstung mit Schutzkleidung und Atemmasken unbefriedigend. Darauf hat der Präsident der ABDA, Bundesvereini­gung Deutscher Apothekerverbände, Friedemann Schmidt, hingewiesen. Zwar akzeptier­ten es die Apotheker, dass bei der ersten Verteilungswelle der zentral durch den Bund beschafften Schutzausrüstung Ärzte und Pflegekräfte Vorrang hätten. „In weiteren Be­schaffungswellen müssen wir aber unbedingt berücksichtigt werden“, forderte Schmidt.

Seit Beginn der Corona-Pandemie verzeichneten die Apotheken eine deutliche Zunahme an Kundenkontakten. Bis vor kurzem hätten Apothekenkunden regelrechte Hamsterkäufe getätigt. Hier habe sich die Situation inzwischen entspannt, meinte Schmidt.

Doch Deutschland stehe erst am Anfang der Pandemie. Die Zahl der Coronainfizierten werde steigen und damit werde es auch für die Apotheken immer wichtiger, das eigene Personal angemessen schützen zu können. In diesem Zusammenhang begrüßte es der ABDA-Präsident, dass das Robert-Koch-Institut die Quarantänevorschriften für mit Corona infiziertes medizinisches Personal in den Fällen gelockert habe, in denen ansonsten die Versorgung von Patienten gefährdet werde.

Um die Zahl der Apothekenbesuche und damit Ansteckungsrisiken zu verringern, forderte Schmidt, die Vorschriften bei der Abgabe von Rabattarzneimitteln und die Einhaltung von Importquoten zu lockern. Einzelne Krankenkassen hätten bereits zugestimmt, dass Apotheker anstelle eines Ra­batt­arzneimittels ein wirkstoffgleiches Präparat abgeben könnten. Solche Erleichterun­gen beim Austausch von Arzneimitteln müssten aber flächendeckend eingeführt werden, forderte Schmidt.

Verbesserungen erwartet der ABDA-Präsident auch bei der Vergütung des Botendienstes der Apotheken. Um multimorbide, ältere Patienten – die klassische Klientel der Apothe­ken – vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, werde man den Boten­dienst ausbauen müssen. Dazu müssten diese Dienste aber künftig auch angemessen be­zahlt werden. Zurzeit bedeute jeder Botendienst für den Apothekeninhaber ein Defizit, sagte Schmidt.

Eine Lösung zeichnet sich dem ABDA-Präsidenten zufolge beim Mangel an Desinfek­tions­­mittel ab. Um die Lücken bei industriell hergestelltem Desinfektionsmittel zu füllen, ist es den Apotheken seit Anfang März erlaubt, diese selbst herzustellen. Inzwischen sei der Bezug der Ausgangsstoffe, insbesondere von Ethanol, gesichert, er­klärte Schmidt. Bestehende Probleme lägen an der Logistik. „Wir brauchen Gebindegrö­ßen, die die Apotheken auch verarbeiten können“, sagte Schmidt. „Hier sind wir aber bald lieferfähig.“

Spendenaufrufe

Wirtschaftsverbände und Berliner Senat haben Unternehmen dazu aufgerufen, Schutz­ausrüstung für Krankenhäuser, Arztpraxen, Polizei und Feuerwehr zu spenden. Dazu ge­hören Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken.

Mit Unterstützung der Polizei wurde für Spendenangebote die Hotline 030/4664 616161 eingerichtet, wie die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg mitteilten. Sie ist werk­tags von 8 bis 16 Uhr zu erreichen. Für die Abgabe der Spende stehen nach telefonischer Absprache ab Montag zwei Lager zur Verfügung. Größere Bestände werden auch abge­holt.

Die Aktion läuft vorerst bis 3. April. Für die Verteilung der Spenden ist die Senatsverwal­tung für Gesundheit zuständig. Schutzbekleidung ist derzeit selbst im medizinischen Be­reich Mangelware, weil es Probleme bei der Beschaffung neuer Materialen gibt.

Auch der Hausärzteverband Westfalen-Lippe bittet Unternehmen, die derzeit wegen der Coronakrise geschlossen sind, vorhandene Schutzmasken zu spenden. „Wenn Sie Schutz­masken vorrätig haben, die Sie erübrigen können, stellen Sie uns diese bitte zur Ver­fü­gung.“

Der Hausärzteverband verteile sie dann an die Hausarztpraxen und regionalen Behand­lungs­zentren vor Ort weiter, erklärt der Verband in Unna. Der Aufruf gehe etwa an Nagel­stu­dios, Tattoo-Studios, Lackierer oder Schreiner. Ein Team des Verbandes holt demnach die Spenden ab und organisiert die Weitergabe. © fos/HK/dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #79783
Practicus
am Montag, 30. März 2020, 00:41

@heinsegel

Die Zahnärzte führen doch seit ca 30 Jahren grundsätzlich ALLE Behandlungen nur mehr mit Mundschutz und Visier durch (HIV-Risiko!) und haben in aller Regel große Vorräte dieser Materialien - wie auch Chirurgen und sonstige operativ tätige Ärzte.
Nur in den internistischen und hausärztlichen Praxen oder bei Psychiatern und Psychotherapeuten wird normalerweise ohne zusätzlichen Infektionsschutz gearbeitet - und deshalb solches Material nur in geringem Umfang vorgehalten.
Avatar #774764
heinsegel
am Sonntag, 29. März 2020, 11:41

Versorgung mit Schutzmaterial

Die Zahnärzte werden vergessen! Dabei ist ihr Kontakt zu Patienten besonders dicht!
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 27. März 2020, 20:46

Schutzmaterialien/SARS-CoV-2 Pandemie/COVID-19-Erkrankungen

Schutzmaterialien bei SARS-CoV-2 Pandemie und COVID-19-Erkrankungen - mein Brief als E-Mail an "meine" Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) vom 26.03.2020 auf Anraten meiner Anwälte :

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit fordere ich Sie mit Fristsetzung zum 31.03.2020 auf, mir und meinem Praxis-Personal ausreichend Schutzmaßmasken und -Kittel zur Verfügung zu stellen.
Als Körperschaft Öffentlichen Rechts sind Sie dazu im Rahmen unseres Sicherstellungsauftrags für die vertragsärztliche Versorgung verpflichtet.
Alternative Beschaffungsmöglichkeiten sind ausgeschöpft und zuletzt erfolglos.
Bei Nichterfüllung behalte ich mir zivil- und strafrechtliche Schritte vor (u.a. Schadenersatz, Honorarausfall, Körperverletzung).

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler
Facharzt für Allgemeinmedizin
Kleppingstr. 24
44 135 Dortmund
0231 523002 und
0152 55947070
th.g.schaetzler@gmx.de

Bis heute ist trotz großspuriger Versprechungen nichts passiert!
LNS

Nachrichten zum Thema

5. Juni 2020
Berlin – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Kritik zurückgewiesen, dass die Pflege im neuen Konjunkturprogramm, in dem das Wort Pflege nicht auftaucht, zu kurz kommt. Das Thema sei am
Merkel: Pflege kommt nicht zu kurz
5. Juni 2020
Berlin – Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat die in der Rechtsverordnung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) vorgesehenen Veränderungen am Coronarettungsschirm begrüßt. Die
Rettungsschirm: Krankenhäuser drängen auf Umsetzung der Kompromissregelungen
5. Juni 2020
Berlin – Anwender der künftigen Corona-Warn-App können auch über eine Telefonhotline ihren Infektionsstatus in der App aktualisieren, wenn sie positiv getestet wurden. Die Hotline sei einer von zwei
Corona-Warn-App: Positiv Getestete können sich über Hotline melden
5. Juni 2020
Berlin – Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert-Koch-Institut (RKI) 507 Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 binnen eines Tages gemeldet. Damit haben sich seit Beginn der Coronakrise 183.271
RKI meldet 507 Neuinfektionen in Deutschland
5. Juni 2020
Berlin – Die Linke im Bundestag hat sich erneut – wie schon wiederholt auch die Grünen – dafür ausgesprochen, den Einsatz der geplanten Corona-Warn-App per Gesetz zu regeln. „Die Einführung einer
Linke rufen erneut nach Gesetz für Corona-Warn-App
5. Juni 2020
Berlin – Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Franziska Giffey (SPD) würde es befürworten, wenn nach den Sommerferien Kitas und Schulen in den Normalbetrieb zurückkehren. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek
Schulbetrieb unter Vorsichtsmaßnahmen
5. Juni 2020
Berlin – Der Hartmannbund (HB) hat angesichts einer vorübergehenden „Fokussierung auf das Thema Corona“ angemahnt, verstärkt auch wieder anderen Baustellen des Gesundheitssystems in den Blick zu
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER