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Medizin

Primärprävention: ASS schützt Senioren nicht vor kognitiven Einbußen und Demenz

Mittwoch, 8. April 2020

/dpa

Melbourne − Ältere Menschen können sich durch die tägliche Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) nicht vor einem kognitiven Abbau und Demenzerkrankungen schützen. Dies ist das Ergebnis einer großen Studie zur Primärprävention, das jetzt in Neurology (2020; doi: 10.1212/WNL.0000000000009277) veröffentlicht wurde.

ASS gehört zu den populärsten Arzneimitteln. Vor allem in angelsächsischen Ländern wird das Mittel nicht nur kurzfristig zur Behandlung von Schmerzen, Fieber oder Erkältungs­krankheiten eingenommen. Viele Menschen sind nach dem Motto „An aspirin a day keeps the doctor away“ von einer vorbeugenden Wirkung überzeugt, die allerdings nur in der Sekundärprävention nach einem Herzinfarkt oder anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen belegt ist.

Die regelmäßige Einnahme von ASS durch gesunde Menschen ist jedoch nicht unproblematisch, da der Thrombozytenaggregationshemmer das Blutungsrisiko erhöht. Dies gilt insbesondere für ältere Menschen, bei denen das Ausgangsrisiko für gastrointestinale oder Hirnblutungen erhöht ist.

Die ASPREE-Studie („ASPirin in Reducing Events in the Elderly“) hat den Nutzen und die Risiken von ASS in der Primärprävention an einer größeren Gruppe von Senioren untersucht. An der Studie nahmen in Australien und den USA 19.114 Menschen im Alter von 65 bis 98 Jahren teil. Sie litten weder an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Viele wiesen aber die in dem Alter üblichen Risikofaktoren auf: 3/4 hatten einen zu hohen Blutdruck, 2/3 zu hohe Blutfette und 1/4 eine eingeschränkte Nierenfunktion. Bei jedem 10. lag ein Typ-2-Diabetes vor.

Die Teilnehmer wurden auf die tägliche Einnahme von 100 mg ASS oder Placebo randomisiert. 1. Ergebnisse wurden vor 2 Jahren publiziert. Sie zeigten, dass ASS während der Studiendauer von 4,7 Jahren die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur unwesentlich senkte – von 11,3 auf 10,0 pro 1.000 Personenjahre.

Dieser geringe und statistisch nicht signifikante Vorteil wurde durch einen Anstieg der schweren Blutungen (von 6,2 auf 8,6 pro 1.000 Personenjahre) wieder aufgehoben, so dass ASS nicht zur Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im höheren Alter geeignet ist. Hinzu kam noch einmal ein etwas überraschender Anstieg der Krebserkrankungen von 5,1 auf 6,7 pro 1.000 Personenjahre.

Jetzt liegen die Ergebnisse zu einem weiteren im Alter wichtigen Endpunkt vor. Die ASPREE-Studie hat auch untersucht, ob die tägliche Einnahme von ASS den kognitiven Abbau im Alter verlangsamen und damit die Entwicklung von Demenzen verhindern kann. Dies ist nach den jetzt von Joanne Ryan von der Monash Universität in Melbourne und Mitarbeitern vorgestellten Ergebnissen nicht der Fall.

In der ASS-Gruppe entwickelten 488 Teilnehmer (11,6 auf 1.000 Personenjahre) ein 1. Zeichen auf eine Demenz („Trigger“). In der Placebogruppe waren es mit 476 Teilneh­mern (11,3 pro 1.000 Personenjahre) in etwa gleich viele. Die Hazard Ratio von 1,03 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,91 bis 1,17 nicht signifikant.

Auch bei den einzelnen „Triggern“ gab es keine Unterschiede. Dies waren mit einer Häufigkeit von 4,4 gegenüber 4,6 pro 1.000 Personenjahre Gedächtnisstörungen. Es folgte mit einer Häufigkeit von 4,1 versus 4,3 pro 1.000 Personenjahre ein Abfall in der modifizierten Mini-Mental State Examination (3MS-Score) auf unter 78 Punkte und mit einer Häufigkeit von 1,5 gegenüber 1,7 pro 1.000 Personenjahre ein Abfall des 3MS-Score um mehr als 10 Punkte. Die Verordnung eines Antidementivums (Cholinesterase­hemmer) erfolgte mit der Häufigkeit von 1,0 gegenüber 0,7 pro 1.000 Personenjahre.

Die Einnahme von ASS konnte auch nicht verhindern, dass es mit dem Alter häufiger zur Diagnose einer leichten kognitiven Einschränkung (MCI) kam (26,5 versus 25,6 pro 1.000 Personenjahre). Auch in den einzelnen Tests findet sich kein Hinweis, dass ASS den Verlust von kognitiven Fähigkeiten im Aller aufhalten kann. Untersucht wurden Gedächtnis (3MS-Score), verbales Lernen (Hopkins Verbal Learning Test–Revised), Sprachkompetenz (Controlled Oral Word Association), kognitive Einschränkungen (Symbol Digit Modalities Test).

Trotz der enttäuschenden Ergebnisse haben die Forscher die Hoffnung noch nicht aufgegeben. 5 Jahre seien vielleicht nicht lang genug, um mögliche Vorteile von ASS aufzuzeigen. Die Forscher kündigten deshalb an, die Studie fortzusetzen. Sie wollen die Teilnehmer, die jetzt nicht mehr auf die Einnahme von ASS oder Placebo randomisiert sind, in den nächsten Jahren kontaktieren und weitere kognitiven Tests durchführen. © rme/aerzteblatt.de

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