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Corona-Pandemie: Digitale Werkzeuge für den medizinischen Alltag

Montag, 30. März 2020

/AndSus, stock.adobe.com

Berlin - In Zeiten der Coronakrise können innovative digitale Lösungen zur Unter­stützung und Entlastung von Krankenhäusern und Arztpraxen hilfreich sein. So nutzen deutlich mehr Ärzte inzwischen Videosprechstunden, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Beim Softwarehaus Compugroup Medical etwa stieg die Zahl der in Deutschland angeschlossenen Arztpraxen innerhalb eines Monats von 700 auf circa 17.500. Auch seien inzwischen 100 Kliniken dabei, berichtete ein Manager des Unternehmens. International seien mit Ländern wie Italien, Frankreich und Belgien derzeit 46.000 Kunden angeschlossen und Compugroup komme auf circa 200.000 Videosprechstunden pro Woche.

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Experten gehen davon aus, dass telemedizinische Anwendungen und E-Health-Dienste einen erheblichen Sprung in die Praxis machen werden, denn durch die Pandemie wächst der Druck, vorhandene digitale Möglichkeiten zu nutzen. Das betrifft jedoch nicht nur die Onlinesprechstunden, die zahlreiche Anbieter derzeit kostenfrei zur Verfügung stellen, sondern die digitale Medizin generell. Beispiele sind telemedizinische Konsile, spezifische Kommunikationsplattformen oder Apps etwa für die medizinische Zusammenarbeit oder zur Patientenbetreuung. Im Folgenden einige Beispiele:

Medizinische Bilder im Homeoffice befunden

Viele Krankenhäuser suchen derzeit dringend nach einer Möglichkeit, ihren Mitarbeitern das Betrachten und Befunden radiologischer Bilddaten auch von zu Hause zu ermöglichen. Die App „mRay“ ist eine mobile Kommunikationszentrale für radiologische Bilder, mit der Ärzte medizinische Bilddaten auf mobilen Endgeräten teilen und befunden können.

Die Lösung ist seit einigen Jahren in mehreren Unikliniken im Einsatz. Sie ermöglicht unter anderem eine sichere, streamingbasierte und skalierbare Übertragung von radiologischen Bilddaten sowie Telekonsile mit einem oder mehreren Ärzten und ist als Medizinprodukt der Klasse IIa zertifiziert.

Die Anbieterfirma mbits imgaging, eine Ausgründung des Deutschen Krebsforschungs­zentrums, stellt die Lösung für die Dauer der Krise kostenfrei zur Verfügung. Klinische Abteilungen und Ärzte können die mobile Plattform, die mit standardisierten DICOM-Datenformaten arbeitet, uneingeschränkt nutzen.

Patientenaufklärung für Krebspatienten per App

Digitale Therapieführungen können einen Arzttermin sinnvoll ergänzen oder während der Pandemie auch ersetzen. Die kostenfreie Krebs-App „Mika“, eine digitale Plattform zur individuellen Begleitung von Krebspatienten und ihrer Angehörigen, soll die Kompetenz Betroffener fördern und sie während der Therapie unterstützen.

Die App verbindet Machine Learning mit einer Wissensdatenbank verifizierter onkolo­gischer und psychoonkologischer Inhalte. Sie wird in Partnerschaft mit der Charité, dem Universitätsklinikum Leipzig und dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg weiterentwickelt.

Neu ist die ebenfalls kostenfreie interaktive Arzt-Anbindung „MikaDoc“, über die Onkologen ihre Patienten mit weiterführenden Informationen versorgen können. „Viele Krebspatienten gehören zur COVID-19-Risikogruppe und fühlen sich angesichts der Fülle an Informationen im Netz verunsichert. Gerade jetzt ist es entscheidend, dass die behandelnden Ärzte die Kontrolle über Patientenaufklärung in der Hand behalten“, meint Gandolf Finke vom Anbieter Fosanis.

Verfügbar sind Vorlagen für die wichtigsten Inhalte des Erstgesprächs, die sich mit eigenen Praxisbeiträgen individualisieren lassen. Per Aktivierungscodes wird der Patient eingeladen, die vom behandelnden Arzt konfigurierte Mika-App zu nutzen.

Laut Fosanis werden alle Daten verschlüsselt und ausschließlich auf deutschen Servern gespeichert und sind nur mittels 2-Faktor-Authentifizierung zugänglich. Die Ärzte geben keine persönlichen Daten der Patienten über die Plattform ein und erhalten auch keine Patientendaten, da die Kommunikation ausschließlich vom Arzt in Richtung Patient erfolgt.

Telemedizin für Intensivstationen

Die Behandlung von schwerwiegend an COVID-19 erkrankten Patienten ist für kleinere Krankenhäuser ohne größere Erfahrung in der Beatmungsmedizin mitunter anspruchs­voll. Mit der Telemedizinlösung ERIC für Intensivstationen (Enhanced Recovery after Intensive Care), federführend entwickelt von der Charité Berlin, soll die intensiv­medizinische Expertise breit verfügbar gemacht werden.

Durch das System können kleinere Intensivstationen per Audio- und Vidceochat auf das Know-how universitärer Zentren zugreifen und so kompensieren, wenn erfahrene Intensivmediziner vor Ort fehlen. Ärzte und Pfleger können sich sogar aus der Quarantäne über den Visitenroboter „Vita“ zuschalten.

Derzeit sind elf Krankenhäuser in der Region Berlin-Brandenburg mit den Experten der Charité vernetzt. So können die Experten aus der Ferne bei einer gemeinsamen Visite den Ärzten vor Ort Hinweise etwa zur optimalen Einstellung des Beatmungsgerätes geben. Primäres Ziel von ERIC ist es, Langzeitfolgen einer intensivmedizinischen Behand­lung durch die verbesserte Implementierung von evidenzbasierten Qualitäts­indikatoren zu vermeiden. ERIC zählt zu den ersten Förderprojekten des Innovations­fonds.

Upload-Portal für die Teleradiologie

Im Westdeutschen Teleradiologieverbund, einem überregionalen Netzwerk aus rund 450 Kliniken und Praxen, tauschen die Teilnehmer auf einer PACS-unabhängigen Plattform mittels DICOM-Mail inzwischen monatlich mehr als 50.000 Untersuchungen aus.

„Die digitale Übermittlung von Untersuchungen und die übergreifende Kooperation von Kliniken und Praxen dürfte in der Coronakrise einen neuen Stellenwert erfahren“, so Marcus Kremers, Geschäftsführer der MedEcon Telemedizin GmbH.

„Wenn z.B. Lungen-CTs oder andere relevante Informationen schnell und sicher übermittelt werden, wird viel Zeit gespart, können Patientenverlegungen vermieden oder beschleunigt werden und Engpässe durch übergreifende Kooperationen abge­mildert werden.“

Jetzt hat der Verbund ein internetbasiertes Portal vorgestellt, in dem auch Patienten und Arztpraxen Untersuchungen, etwa von einer Patienten-CD oder aus einem Praxissystem heraus, schnell zum Facharzt oder in die angeschlossene Spezialklinik senden können. Hierbei geht es vor allem um große Bilddaten (DICOM) sowie Befunde und weitere Informationen im PDF-Format.

Das Cyber-Knife-Centrum Soest, das Universitätsklinikum Essen und zwei Kliniken in Münster nutzen bereits diesen Service .

Telemedizinische Unterstützung in der Schwangerschaft

Das Telemedizin-Unternehmen Kinderheldin, das sich auf die Beratung von Schwangeren und jungen Eltern fokussiert hat, bietet für die Zeit der Coronakrise Onlinekurse mit persönlicher Betreuung zur individuellen Geburtsvorbereitung und Nachsorge an.

Hier werden (werdende) Eltern in Kleingruppen (drei bis zehn Teilnehmer) via Live-Kurs durch Hebammen online auf die Geburt vorbereitet oder bei der Rückbildung unterstützt.

Die fest angestellten Hebammen von Kinderheldin unterstützen (werdende) Eltern regulär bei Fragen zu Schwangerschaft, Geburt und Babyzeit per Chat, Telefon oder Video-Call. Ergänzt wird das Angebot zurzeit kurzfristig durch eine ärztliche Hotline. Freiberufliche Hebammen können zudem die digitale Infrastruktur von Kinderheldin nutzen, um ihre Kurse weiterhin digital anzubieten.

Kliniken können zur Entlastung über ein zeitlich befristetes Kooperationsmodell Unterstützung bei der Aufklärung und Beratung von Schwangeren erhalten.

Onlinetherapie für Stotternde

Weil die meisten Logopäden- und sonstigen Sprachtherapeutenpraxen mittlerweile geschlossen sind, ist die Versorgung für die 800.000 Betroffenen derzeit weitgehend zusammengebrochen. Aufgrund der fast zehnjährigen Erfahrung in der Onlinetherapie kann die Kasseler Stottertherapie allen Betroffenen jetzt rein online nachhaltig helfen.

Die Kursinhalte sind speziell auf die Anforderungen der unterschiedlichen Altersgruppen angelegt. Die Krankenkassen übernehmen derzeit alle Kosten. Die Onlinetherapie ermöglicht eine intensive Betreuung und Übungsanleitungen durch ein erfahrenes Therapeutenteam über die Plattform „freach“. Die Therapie ist zudem gut in den Tagesablauf zu integrieren und kann unmittelbar in der gewohnten häuslichen Umgebung stattfinden.

Selbsthilfetrainings zu Stressbewältigung und Entspannung

Isolation und Quarantänemaßnahmen unterbinden derzeit soziale Kontakte. Gleichzeitig haben viele Menschen Angst vor einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Eine depressive Stimmungslage macht sich breit. Die E-Mental-Health-Module der Asklepios-Tochter Minddistrict für den PC oder als App für das Smartphone sind vor diesem Hintergrund jetzt rund um die Uhr kostenfrei verfügbar - entweder über die Internetadresse www.asklepios-ehealth.minddistrict.de oder nach erstmaliger Anmeldung im Internet auch über die Minddistrict-App über das Smartphone. Schützenswerte Daten werden laut Anbieter nicht erhoben.

Die fünf frei geschalteten Angebote geben Anleitungen und Unterstützung unter den Überschriften „Achtsamkeit", „Mehr Entspannung", „Weniger grübeln", „Dankbarkeit" und „Was ist Stress?". Weitere Module gegen Einsamkeit (etwa im Homeoffice) oder gegen Verunsicherung werden vorbereitet. Für das Absolvieren der kurzen audiovisuellen Kurse sind in der Regel zehn bis fünfzehn Minuten nötig. Einige Einheiten erfordern Wiederholungen, etwa um regelmäßig Achtsamkeitsübungen durchzuführen. © KBr/aerzteblatt.de

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