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Hygieneexperten schlagen Deeskalation der Eindämmungsstrategie in vier Phasen vor

Dienstag, 31. März 2020

/Christian Schwier, stock.adobe.com

Bonn – Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) hat eine Vier-Phasen-Strategie für eine kontrollierte Deeskalation der Maßnahmen zur Kontrolle der COVID-19-Pandemie vorgeschlagen. Sie nennt auch Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um mit einer Rücknahme der Quarantänisierung beginnen zu können.

Über ein mögliches Datum, ab dem die Maßnahmen zurückgefahren werden könnten, wollte Peter Walger, Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit bei der DGKH, heute bei einer Pressekonferenz allerdings nicht spekulieren: „Das Datum ist abhängig von Fakten, die jeden Tag neu analysiert werden müssen“, betonte er.

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Die aktuell bestehende „gesellschaftliche Quarantänisierung“ ist den Hygieneexperten zufolge Phase 1 der Strategie. Ihr Ziel ist die Eindämmung und Verlangsamung der Pan­de­mie und die Vermeidung einer Überlastung der kritischen Versorgungsstrukturen − insbesondere des Gesundheitssystems.

Für einen Übergang in Phase 2, die „beginnende kontrollierte Rücknahme der Quarantä­ni­sierung bei gleichzeitiger Sicherung hygienischer Rahmenbedingungen und Verhal­tens­weisen“, müsse sich der Erfolg der Phase 1 gezeigt haben.

Als Parameter für den Erfolg der derzeit geltenden Eindämmungsmaßnahmen reiche es nicht, nur die Zahl der Infektionen zu messen, betonte DGKH-Präsident Martin Exner. „Der Erfolg der Phase 1 muss am Rückgang der Zahl der Sterbefälle, der Intensivauf­nahmen und der beatmungspflichtigen schweren Verläufe gemessen werden“, sagte er.

Auch das Ausmaß der natürlichen Immunität der Bevölkerung könne als weiteres Krite­rium einbezogen werden. Voraussetzung für die Einleitung der Phase 2 sei außerdem, dass die medizinische Versorgung − insbesondere die stationäre und intensivmedizi­nische Versorgung gemeistert werden kann.

Auf dem Höhepunkt der Phase 1

„Momentan befinden wir uns auf dem Höhepunkt der Phase 1“, sagte Walger. Risiko­reiche Hyperspreaderevents wie Karnevals- und Apres-Ski-Partys und Großver­an­staltungen, die sich in der Vergangenheit als Motor für die Verbreitung von SARS-CoV-2 erwiesen hätten, seien als Übertragungswege aktuell weitgehend gestoppt.

Doch andere Bereiche würden durch die Maßnahmen nicht zielgerecht erreicht. Dies zeigten, so Walger, die „maximal dramatischen Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen“, die aktuell zu beobachten seien. Die Mehrzahl der Übertragungen finden – das zeigen Daten aus China − im engen familiären Umfeld im Zusammenleben mit einem Infizierten statt. Durch die generellen Kontaktsperren im öffentlichen Leben sind die aktuellen Hot Spots der Übertragung nun die Pflege- und Altenheime und die engen familiären Wohnverhältnisse.

Walger äußerte die Befürchtung, dass Heime zu einem „weiteren Brandbeschleuniger“ der COVID-19-Pandemie werden könnten. Die getroffenen Maßnahmen müssten deshalb „nachjustiert werden“, um diese vulnerablen Gruppen zu schützen. Doch gerade diese Hochrisikobereiche seien durch „den eklatanten Mangel an Schutzausrüstung doppelt bedroht“.

Die DGKH fordert dringend, die Mitarbeiter von Alten- und Pflegeheimen, aber auch in der ambulanten Pflege mit Schutzausrüstung, insbesondere einem Mund-Nasen-Schutz, zu versorgen. Außerdem müssten in den kritischen Versorgungsbereichen strategisch Testungen vorgenommen werden.

Pandemiestrategie mit zwei Geschwindigkeiten

Walger zufolge spreche nichts dagegen, eine „Pandemiestrategie mit zwei Geschwindig­keiten“ zu fahren, indem die Maßnahmen in vulnerablen Bereichen verschärft und in we­niger gefährdeten Bevölkerungsgruppen entspannt würden.

„Von größter Bedeutung ist die Unterscheidung der Bevölkerungsgruppen nach Bedroh­lich­keit durch Intensivaufenthalt, Beatmung und Tod und nicht nach Risiko durch Infek­tion generell“, heißt es in dem Strategiepapier.

Infektionen unter den nicht bedrohten Alters- und Nicht-Risikogruppen könnten sogar durch Ausbildung einer natürlichen Immunität aufgrund einer durchgemachten Infektion dazu beitragen, dass die Ausweitung der Pandemie verlangsamt wird.

Hat sich der Erfolg der in Phase 1 eingeführten Maßnahmen gezeigt und ist keine Über­forderung des medizinischen Versorgungssystems zu erwarten, sei der Übergang in Phase 2 möglich, schreibt die DGKH in ihrem Strategiepapier.

In Phase 2 sei die schrittweise Wiedereröffnung von Schulen, Kitas, Universitäten,
an­de­ren Einrichtungen des öffentlichen Lebens unter fortbestehender strikter Wahrung von Kontaktvermeidung und Basisregeln der Hygiene und strikter Separierung von Personen der vulnerablen Gruppen möglich.

In Phase 3 der von der DGKH vorgeschlagenen Exitstrategie erfolgt dann die Aufhebung der Quarantänisierung unter Beibehaltung der hygienischen Rahmenbedingungen“. Wichtig für Phase 3 seien Daten über den Immunitätsstatus der Bevölkerung, sagte Walger. In dieser Phase seien dann unter Einhaltung der hygienischen Rahmenbeding­ungen wieder Kongresse und Versammlungen größerer Gruppen möglich, so Exner.

Kontrolliertes Ende der Pandemie

Es sei zu hoffen, dass die Phase 3 durch zur Verfügung stehende Therapeutika und ins­besondere durch einen Impfstoff kontrolliert in die Phase 4 übergehen könne, in der das Ende der Pandemie deklariert werden könne, heißt es im Strategiepapier.

Möglicherweise werde es wie bei den Influenza-Pandemien einen Übergang in regelmä­ßige saisonale Epidemien geben, so Exner. Allerdings sei davon auszugehen, dass das Virus dann nicht mehr auf eine völlig unvorbereitete Bevölkerung treffe, da dann ein Impfstoff zur Verfügung stehen werde oder sich zumindest eine natürliche Immunität gebildet habe. © nec/aerzteblatt.de

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